Kiebitze in Mönchaltorf vor ungewisser Zukunft
Zwei Flauschebällchen
In den letzten zehn Jahren sind in der Region gerade einmal neun kleine Kiebitze flügge geworden. Auf einem Dach in Mönchaltorf befinden sich die einzigen zwei verbleibenden Küken der diesjährigen Gelege.
Betrachtet man das Mönchaltorfer Industriegebiet aus der Vogelperspektive, sticht ein Dach grün heraus: das der Stihl Vertriebs AG. Das ist kein Zufall, denn hier setzt sich Birdlife dafür ein, dem bedrohten Kiebitz einen möglichst optimalen Lebensraum zu bieten.
Dieser war in der Schweiz beinahe verschwunden. Doch dank Schutzprojekten wie in Mönchaltorf gelang die Kehrtwende: Gemäss dem Bericht von Birdlife wurden im letzten Jahr in der Schweiz 205 Kiebitz-Paare an 23 Brutplätzen gezählt.
«Der Kiebitz ist eigentlich ein Riedvogel», sagt Stephan Wirth. Er ist Teil des Teams, das die Vögel in Mönchaltorf und Gossau regelmässig beobachtet – dem einzigen Gebiet in der Region, wo sie zu finden sind. Früher war dies alles ein grosses Ried. «Und obwohl hier mittlerweile unzählige Häuser stehen, zieht es die Kiebitze noch immer hierher.»
Jungvögel werden auf sich gestellt
Als Bodenbrüter bauen Kiebitze keine Nester in Bäumen, sondern auf Feldern, wo sie kleine Mulden drehen. «Die Jungtiere werden nicht gefüttert, sondern müssen ab dem ersten Tag ihr eigenes Futter suchen», erläutert Wirth.

Doch der Bruterfolg ist überschaubar. Sehr überschaubar. Seit mittlerweile neun Jahren engagiert sich der Egger für das Projekt. In dieser Zeitspanne haben gerade einmal neun Jungtiere überlebt. «Alle im letzten Jahr.» Trotzdem habe er nie den Mut verloren.
Diese neun Kiebitz-Jungtiere wurden alle in Gossau aufgezogen. «Darum erhoffte ich mir dort auch in diesem Jahr den grössten Erfolg – doch die Krähen haben sich bereits alle Eier geholt.»
Trockenheit als grösster Feind
Nun ruht die Hoffnung auf den zwei kleinen Kiebitzen, die auf dem Dach in Mönchaltorf gesichtet wurden. Da einige Kiebitze immer wieder hier auftauchten, hat Birdlife Zürich in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung im letzten Jahr das Dach gezielt aufgewertet und eine Bewässerung installiert. «Zwar entscheiden oft die Raubvögel über Leben oder Tod der Brut, aber die grösste Gefahr ist die Trockenheit», sagt Wirth, während er den Blick über das Dach schweifen lässt.
Noch ist von den beiden Küken keine Spur. Die schrillen Pfiffe der Kiebitz-Mutter, die in der Luft ihre Kreise dreht, verraten aber deren Anwesenheit. Ursprünglich waren es gar vier Nester auf dem Dach mit insgesamt 14 Jungtieren.
Aktive Schutzmassnahmen durch die Naturschützer wurden bisher nur in Gossau ergriffen, wo etwa Zäune um die Nester aufgestellt werden, um vierbeinige Fressfeinde abzuwehren. Von dem her sei ein Dach für Bodenbrüter eine gute Wahl, da Feinde wie Füchse, Wiesel oder Marder keinen Zutritt hätten. «Aber das Nahrungsangebot ist sehr eingeschränkt», führt Wirth aus.
Es bräuchte eine grössere Humusschicht, damit der Lebensraum funktionieren kann. «Und auf Flachdächern findet man selten mehr als zehn Zentimeter. Bei so heissem Wetter wie momentan trocknet das Erdreich komplett aus, und die für die Kiebitze als Nahrung so nötigen Würmer und Käfer verenden.»
Dann plötzlich entdeckt er sie: zwei kleine Federbällchen, die sich tief an den Boden ducken. «Jösses, sind die chlii», entfährt es Wirth. «Die werden es wohl nicht schaffen.»




Denn die beiden Kiebitze haben ein weiteres Problem: «Die Eltern wollen die Jungen früh zum Fliegen animieren – aber wenn sie erst flattern können und vom Dach fallen, sind sie hier im Industriequartier verloren.» Darum sei es so wichtig, dass das Nahrungsangebot hier oben gewährleistet bleibe, bis sie richtig fliegen könnten. «Aber auch wenn es uns reizen würde, wir füttern sie nicht.»
Von Anfang an auf den Beinen
Kiebitze seien eigentlich ziemlich zäh. In Gossau hat Stephan Wirth schon beobachtet, dass Küken einen Tag nach dem Schlüpfen rund einen Kilometer gelaufen sind. «Starke Regenfälle haben das Nest überschwemmt, und sie mussten flüchten.» Dabei waren sie nicht wählerisch, welche Richtung eingeschlagen wird. «Sie überquerten sogar die Hauptstrasse zwischen Mönchaltorf und Gossau – wir haben die Autos an der Weiterfahrt gehindert, bis sie sicher auf der anderen Seite waren.»
Auch dem Schnee trotzen sie. «Die Brutzeit dauert von März bis Juli», sagt Wirth. In den Anfangsmonaten kann es noch zu Schneefall kommen. «Dann kuscheln sich alle unter die wärmende Mutter.» Ist die Schneedecke jedoch zu dick, wird der Zugang zur Nahrungsquelle abgeklemmt, was wiederum zum Tod führen kann.


Obwohl die Eltern ihren Kindern keine Nahrung bringen, sorgen sie für deren Schutz. «Ich habe schon mehrmals beobachtet, wie ein Altvogel einen Rotmilan oder Mäusebussard in die Flucht geschlagen hat.» Und sie haben noch weitere Taktiken, um ihre Kinder zu schützen. «Kehrt ein Elternteil zum Nest zurück, landet er nicht direkt im Nest, damit dessen Standort möglichst geheim bleibt. Er landet etwas abseits und läuft dann im Zickzack zum Nest zurück.»
Abwehranlage in Aussicht
Solche Erlebnisse sind es, die Stephan Wirth während all der Jahre dazu animiert haben, auch ohne Bruterfolg am Projekt mitzumachen. «Es ist extrem faszinierend, die Tiere zu beobachten und ihr Verhalten immer besser kennenzulernen.»
Birdlife Zürich hat zudem vor Kurzem eine akustische Abwehranlage gegen Krähen und Greifvögel gekauft, die im nächsten Jahr in Gossau zum Einsatz kommen soll. «An anderen Orten in der Schweiz werden diese Geräte bereits mit Erfolg eingesetzt, da erhoffe ich mir viel.»
Ob die beiden Jungvögel auf dem Dach in Mönchaltorf überleben werden, ist fraglich. Doch auch wenn nicht an den Bruterfolg von 2024 angeknüpft werden kann: Im nächsten Frühling wird Stephan Wirth wieder in den Startlöchern stehen und den Feldstecher zücken. «Kiebitze sind so clever, was den Schutz von Jungtieren angeht», sagt Stephan Wirth. «Aber darin, einen guten Brutplatz zu finden, sind sie leider eher ungeschickt.»
Das Kiebitz-Projekt
Im Auftrag von Birdlife Schweiz und der Orniplan AG zählen seit 2010 ehrenamtliche Ornithologinnen und Ornithologen die Kiebitze an all deren Brutplätzen in der Schweiz. Das Kiebitz-Projekt in Gossau, zu dem nun auch der Standort Mönchaltorf gehört, wurde 2011 von Birdlife Zürich gestartet und gemeinsam mit dem Naturschutzverein Gossau und Umgebung durchgeführt. Finanziert wird das Projekt von der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich. Weitere Informationen unter www.birdlife.ch.
