Pastorini-Inhaberin verkündet Aus – und sagt: «Kinder spielen heute weniger frei als früher»
2016 erfolgte der Wegzug aus der Zürcher Altstadt, nun muss Pastorini Spielzeug endgültig aufgeben. Die Holzwaren der Traditionsfirma begeisterten Generationen von Kindern.
Text: Ev Manz
Ihre Stimme stockt, sobald Christa Pastorini Schumacher vom Ende ihres Traditionsunternehmens spricht. Emotionen überkommen die sonst so gefasst wirkende Zürcherin im Büro ihres Treuhänders. «Das Spielwarengeschäft war mein Leben», sagt die 75-Jährige.

Am Dienstag haben Christa Pastorini Schumacher und Geschäftsführer André Nyffeler die neun Mitarbeitenden über die Aufgabe des letzten Ladens in Dübendorf und die Einstellung des Spielwarenhandels informiert. Dieser lasse sich in der heutigen Zeit nicht mehr rentabel betreiben. In der Medienmitteilung ist von einem «schmerzhaften Umsatzrückgang» die Rede.
Seit 2016 und der Schliessung des Geschäfts am Weinplatz habe sich der Umsatz etwa halbiert. Schon zuvor gab es Anzeichen von Schwierigkeiten. Umsatzeinbussen von 40 Prozent innerhalb von sieben Jahren waren ausschlaggebend für den Wegzug aus Zürich. Genauere Zahlen will Pastorini nicht nennen.
Der Laden am Weinplatz war ihr zweites Spielzimmer
Im einst bekannten Laden am Weinplatz beim Hotel Storchen ist Christa Pastorini Schumacher gross geworden. Für sie als Kind ist er das zweite Spielzimmer der Familienwohnung am Hottingerplatz. Vater und Geschäftsinhaber Silvio Pastorini lässt sie und ihre Schwester mit allen Spielzeugen spielen. Stets haben sie aber seine Worte in den Ohren: «Geht sorgfältig damit um.»
Die Arche Noah aus Holz hätte sie als Kind gern selbst besessen. Sie war fasziniert von der Geschichte um Noah, der ein Paar jeder Tierrasse vor der Flut rettete. Und sowieso habe sie lieber mit Tieren als mit «Bäbis» gespielt. «Bekommen habe ich die Arche aber nie», sagt sie und lacht.

Nach einer KV-Lehre steigt Christa Pastorini Schumacher 1970 ins Familiengeschäft ein. Wie alle beginnt sie als Verkäuferin und merkt: Die Kundschaft zu beraten, liegt ihr. «Für mich ist der Verkaufsberuf so kreativ. Stets muss man flexibel auf die Wünsche der Kundschaft reagieren.» Im Gegenzug habe sie viel von den Kundinnen und Kunden gelernt. Deswegen sei es ihr nun ein grosses Anliegen, der Kundschaft für die jahrzehntelange Treue zu danken.
Bis zur Aufgabe des Standorts am Weinplatz 2016 steht Christa Pastorini Schumacher täglich von morgens bis nach Ladenschluss im Geschäft. Dabei bedient sie Generationen von Familien. «Die Wertschätzung unserer Spielzeuge wurde von Kind zu Kind weitergegeben.» Die Produkte von Pastorini hätten stets den Anspruch gehabt, die Phantasie des Kinds anzuregen und es zum freien Spiel zu animieren.

Das Sortiment des ersten Pastorini-Ladens sah allerdings noch anders aus. Berta Pastorini, die Grossmutter der letzten Inhaberin, eröffnet ihn 1911 an der Kuttelgasse als Buchbinderei mit Papeteriewaren. Holzwaren bringt ein Kinderarzt ins Spiel. Er erkundigt sich bei der vierfachen Mutter nach pädagogisch nützlichem Spielzeug für seine Praxis. So stösst Berta Pastorini auf die Legekästen aus Holz des Pädagogen Friedrich Fröbel und nimmt sie in ihr Sortiment auf.
1968 kommt der erste Pastorini-Katalog
Als Silvio Pastorini das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg übernimmt, setzt er stark auf Holzwaren. Bald schon klopfen Hersteller direkt bei Pastorini an, der Zürcher Spielzeughersteller Antonio Vitali wird zu einem Freund. 1959 zügelt Pastorini das Geschäft an die prominentere Lage am Weinplatz. 1968 verschickt Silvio Pastorini den ersten Katalog. Knapp 40 Seiten, orange-beiger Einband. Im Vorwort heisst es: «Das richtige Spielzeug zur richtigen Zeit ist für die Entwicklung des Kindes von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.»


Ab den 1970er Jahren wird Pastorini zum erweiterten Familienunternehmen. Neben Christa Pastorini Schumacher wirkt auch ihr Cousin Ernst Nyffeler mit. Er verantwortet den Katalog und entwirft Eigenkreationen. Zum 50. Geburtstag seiner Cousine kreiert er einen Stall, der bald darauf zum Sortiment des Hauses gehört. Das «Rössli Hü» aus Holz lässt er auf Wunsch der Cousine mit abnehmbarem Kopf herstellen – schliesslich verliert das Rössli im Kinderbuchklassiker diesen mehrfach. Nyffelers Sohn ist bis heute Geschäftsführer.
Und Ehemann Felix Schumacher übernimmt in den 1980er Jahren die kaufmännische Leitung, baut den Versandhandel zum Onlineshop aus und ist gemeinsam mit seiner Frau bis zum Tod 2017 Inhaber. Das Paar bleibt kinderlos.

Der Laden floriert. Vier Stöcke, zwölf Angestellte. Der 200-seitige Katalog wird zur Bibel für Kindergärtnerinnen in der ganzen Schweiz. Von Oktober bis Weihnachten herrscht durchgehend Hochbetrieb. Die Mosaikkästen mit den farbigen Würfeln, Holzklötze in verschiedenen Farben und Formen und die Puppenstuben werden zu Klassikern. Christa Pastorini Schumacher erzählt: «Mein Vater hat gesagt: ‹Wird Weihnachten einmal abgeschafft, können wir den Laden schliessen.›»
Handwerksbetriebe sterben aus
Zum Ende von Pastorini beigetragen haben schliesslich verschiedene andere Faktoren: Die Konkurrenz von Onlinehändlern wie Galaxus wurde deutlich spürbar; Handwerksbetriebe, die die Holzprodukte herstellten, machten wegen Nachwuchsproblemen reihenweise zu; die Marke verschwand mit der Aufgabe des Standorts am Weinplatz zunehmend aus dem Blickfeld der Kundschaft. «Und», sagt Christa Pastorini Schumacher, «die Kinder spielen heute weniger frei als früher und weniger lang.»

Noch bis Ende September wird in Dübendorf Spielzeug verkauft, dann schliesst Pastorini seine Türen für immer. Für die Kinder wünscht sich Christa Pastorini Schumacher, dass sie weiterhin mit Phantasie spielen können und dafür genügend Zeit erhalten.
