Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Holzspielzeug aus Dübendorf

Pastorini-Inhaberin verkündet Aus – und sagt: «Kinder spielen heute weniger frei als früher»

2016 der Wegzug aus der Zürcher Altstadt, nun muss Pastorini Spielzeug endgültig aufgeben. Die Holzwaren der Traditionsfirma begeisterten Generationen von Kindern.

Christa Pastorini Schumacher hat das Unternehmen in dritter Generation geführt und war 50 Jahre lang im Laden.

Foto: Urs Jaudas

Pastorini-Inhaberin verkündet Aus – und sagt: «Kinder spielen heute weniger frei als früher»

2016 erfolgte der Wegzug aus der Zürcher Altstadt, nun muss Pastorini Spielzeug endgültig aufgeben. Die Holzwaren der Traditionsfirma begeisterten Generationen von Kindern.

Text: Ev Manz

Ihre Stimme stockt, sobald Christa Pastorini Schumacher vom Ende ihres Traditionsunternehmens spricht. Emotionen überkommen die sonst so gefasst wirkende Zürcherin im Büro ihres Treuhänders. «Das Spielwarengeschäft war mein Leben», sagt die 75-Jährige.

Man sieht einen Laden.
Von 1959 bis 2016 war das Geschäft am Weinplatz beim Hotel Storchen Anlaufstelle für Generationen von Familien mit Vorliebe für Holzspielwaren.

Am Dienstag haben Christa Pastorini Schumacher und Geschäftsführer André Nyffeler die neun Mitarbeitenden über die Aufgabe des letzten Ladens in Dübendorf und die Einstellung des Spielwarenhandels informiert. Dieser lasse sich in der heutigen Zeit nicht mehr rentabel betreiben. In der Medienmitteilung ist von einem «schmerzhaften Umsatzrückgang» die Rede.

Seit 2016 und der Schliessung des Geschäfts am Weinplatz habe sich der Umsatz etwa halbiert. Schon zuvor gab es Anzeichen von Schwierigkeiten. Umsatzeinbussen von 40 Prozent innerhalb von sieben Jahren waren ausschlaggebend für den Wegzug aus Zürich. Genauere Zahlen will Pastorini nicht nennen.

Der Laden am Weinplatz war ihr zweites Spielzimmer

Im einst bekannten Laden am Weinplatz beim Hotel Storchen ist Christa Pastorini Schumacher gross geworden. Für sie als Kind ist er das zweite Spielzimmer der Familienwohnung am Hottingerplatz. Vater und Geschäftsinhaber Silvio Pastorini lässt sie und ihre Schwester mit allen Spielzeugen spielen. Stets haben sie aber seine Worte in den Ohren: «Geht sorgfältig damit um.»

Die Arche Noah aus Holz hätte sie als Kind gern selbst besessen. Sie war fasziniert von der Geschichte um Noah, der ein Paar jeder Tierrasse vor der Flut rettete. Und sowieso habe sie lieber mit Tieren als mit «Bäbis» gespielt. «Bekommen habe ich die Arche aber nie», sagt sie und lacht.

Man sieht ein Schwarz-Weiss-Bild von einem Spielzeugladen.
Im Laden (hier auf einer Aufnahme von 1984) durfte Christa Pastorini Schumacher mit allem spielen, wobei sie ihre Vorlieben hatte.

Nach einer KV-Lehre steigt Christa Pastorini Schumacher 1970 ins Familiengeschäft ein. Wie alle beginnt sie als Verkäuferin und merkt: Die Kundschaft zu beraten, liegt ihr. «Für mich ist der Verkaufsberuf so kreativ. Stets muss man flexibel auf die Wünsche der Kundschaft reagieren.» Im Gegenzug habe sie viel von den Kundinnen und Kunden gelernt. Deswegen sei es ihr nun ein grosses Anliegen, der Kundschaft für die jahrzehntelange Treue zu danken.

Bis zur Aufgabe des Standorts am Weinplatz 2016 steht Christa Pastorini Schumacher täglich von morgens bis nach Ladenschluss im Geschäft. Dabei bedient sie Generationen von Familien. «Die Wertschätzung unserer Spielzeuge wurde von Kind zu Kind weitergegeben.» Die Produkte von Pastorini hätten stets den Anspruch gehabt, die Phantasie des Kinds anzuregen und es zum freien Spiel zu animieren.

Man sieht ein Geschäft von früher.
Den Grundstein für die Firma hatte Christa Pastorini Schumachers Grossmutter mit dem Geschäft an der Kuttelgasse gelegt.

Das Sortiment des ersten Pastorini-Ladens sah allerdings noch anders aus. Berta Pastorini, die Grossmutter der letzten Inhaberin, eröffnet ihn 1911 an der Kuttelgasse als Buchbinderei mit Papeteriewaren. Holzwaren bringt ein Kinderarzt ins Spiel. Er erkundigt sich bei der vierfachen Mutter nach pädagogisch nützlichem Spielzeug für seine Praxis. So stösst Berta Pastorini auf die Legekästen aus Holz des Pädagogen Friedrich Fröbel und nimmt sie in ihr Sortiment auf.

1968 kommt der erste Pastorini-Katalog

Als Silvio Pastorini das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg übernimmt, setzt er stark auf Holzwaren. Bald schon klopfen Hersteller direkt bei Pastorini an, der Zürcher Spielzeughersteller Antonio Vitali wird zu einem Freund. 1959 zügelt Pastorini das Geschäft an die prominentere Lage am Weinplatz. 1968 verschickt Silvio Pastorini den ersten Katalog. Knapp 40 Seiten, orange-beiger Einband. Im Vorwort heisst es: «Das richtige Spielzeug zur richtigen Zeit ist für die Entwicklung des Kindes von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.»

Ab den 1970er Jahren wird Pastorini zum erweiterten Familienunternehmen. Neben Christa Pastorini Schumacher wirkt auch ihr Cousin Ernst Nyffeler mit. Er verantwortet den Katalog und entwirft Eigenkreationen. Zum 50. Geburtstag seiner Cousine kreiert er einen Stall, der bald darauf zum Sortiment des Hauses gehört. Das «Rössli Hü» aus Holz lässt er auf Wunsch der Cousine mit abnehmbarem Kopf herstellen – schliesslich verliert das Rössli im Kinderbuchklassiker diesen mehrfach. Nyffelers Sohn ist bis heute Geschäftsführer.

Und Ehemann Felix Schumacher übernimmt in den 1980er Jahren die kaufmännische Leitung, baut den Versandhandel zum Onlineshop aus und ist gemeinsam mit seiner Frau bis zum Tod 2017 Inhaber. Das Paar bleibt kinderlos.

Man sieh einen alten Laden von damals.
Die Ladeneinrichtung am Weinplatz (hier auf einer undatierten Aufnahme) war in den Anfangsjahren schlicht.

Der Laden floriert. Vier Stöcke, zwölf Angestellte. Der 200-seitige Katalog wird zur Bibel für Kindergärtnerinnen in der ganzen Schweiz. Von Oktober bis Weihnachten herrscht durchgehend Hochbetrieb. Die Mosaikkästen mit den farbigen Würfeln, Holzklötze in verschiedenen Farben und Formen und die Puppenstuben werden zu Klassikern. Christa Pastorini Schumacher erzählt: «Mein Vater hat gesagt: ‹Wird Weihnachten einmal abgeschafft, können wir den Laden schliessen.›»

Handwerksbetriebe sterben aus

Zum Ende von Pastorini beigetragen haben schliesslich verschiedene andere Faktoren: Die Konkurrenz von Onlinehändlern wie Galaxus wurde deutlich spürbar; Handwerksbetriebe, die die Holzprodukte herstellten, machten wegen Nachwuchsproblemen reihenweise zu; die Marke verschwand mit der Aufgabe des Standorts am Weinplatz zunehmend aus dem Blickfeld der Kundschaft. «Und», sagt Christa Pastorini Schumacher, «die Kinder spielen heute weniger frei als früher und weniger lang.»

Man sieht eine Frau und im Hintergrund Zürich.
Zum Abschied möchte Christa Pastorini Schumacher vor allem eines: sich bei der Kundschaft für alles bedanken.

Noch bis Ende September wird in Dübendorf Spielzeug verkauft, dann schliesst Pastorini seine Türen für immer. Für die Kinder wünscht sich Christa Pastorini Schumacher, dass sie weiterhin mit Phantasie spielen können und dafür genügend Zeit erhalten.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns