Kommen jetzt die «Fällander News»?
Am Montag diskutierten die Fällander darüber, ob die Gemeinde eine eigene Zeitung braucht. Man war sich erwartungsgemäss uneinig.
Nein, eine Fällander «Prawda» wolle er nicht, sagte Gemeindepräsident Tobias Diener (FDP) irgendwann gegen Ende der Veranstaltung am Montag in der Zwicky-Fabrik. Also kein Parteiblatt im Dienst der Mächtigen. Das sei mit seiner liberalen Grundhaltung nicht vereinbar.
Damit war das schon mal klar. Doch braucht Fällanden überhaupt eine eigene Zeitung? Und wenn ja: Wie soll sie aussehen? Was darf sie kosten? Und welche redaktionellen Inhalte sind erwünscht?
«Es fehlt etwas»
Aktuell ist es so, dass die Gemeinde Fällanden ihre amtlichen Publikationen im Amtsblatt veröffentlicht – und zusätzlich im «Glattaler», wofür jährliche Kosten von 20'000 bis 30'000 Franken anfallen. Der «Glattaler» bringt pro Woche einen oder zwei redaktionelle Artikel aus Fällanden, dazu Veranstaltungshinweise, eingesandte Texte von Vereinen und Parteien sowie Sitzungsberichte von Gemeinderat und Schulpflege.
Und dennoch: «Es fehlt etwas», sagte Diener. Aus diesem Grund habe sich der Gemeinderat an einer Klausurtagung vertieft mit der Frage einer eigenen Dorfzeitung auseinandergesetzt – «ergebnisoffen», wie er festhielt. Die öffentliche Diskussion zum Thema sollte an diesem Montagabend angestossen werden.
Die Sache mit der Unabhängigkeit
Dass die Sache komplex ist, machte Annette Schär deutlich. So zeigte die selbständige Kommunikationsberaterin und frühere Redaktionsleiterin der «Maurmer Post» in ihrem Referat die schier unendliche Vielfalt an Gemeindepublikationen auf – vom mit Steuerfranken finanzierten Verlautbarungsblatt bis zur unabhängigen Gemeindezeitung eines privaten Verlags.
Wobei das mit der Unabhängigkeit so eine Sache sei. Schär: «Wo Geld fliesst, wird Journalismus nie ganz unabhängig sein.» Egal, ob die finanziellen Mittel von einer Gemeinde oder von Inserenten stammten.
Dazu wusste Podiumsteilnehmer und NZZ-Journalist Michael von Ledebur aus seiner Vergangenheit beim «Zürcher Oberländer» zu berichten, wo Druckversuche in erster Linie vonseiten der Gemeinden gekommen seien – in Form von Androhungen, bei unliebsamer Berichterstattung die amtlichen Anzeigen abzuziehen.
Schär wiederum erzählte von Gewerblern, die als Gegenleistung für ein Inserat in der «Maurmer Post» einen wohlwollenden PR-Bericht erwartet hätten.
Gut fürs Dorf
Michael Kaspar, der ebenfalls anwesende Chefredaktor der Zürcher Oberland Medien AG (zu der auch der «Glattaler» gehört), liess es sich nicht nehmen, seine pragmatische Sicht auf die Dinge darzulegen. Wenn eine Gemeinde ein Publikationsorgan unterstütze, sei das Geld gegen Leistung. «Und das bedeutet nicht, dass man dem Geldgeber nach dem Mund schreibt.» Medien müssten ihre Rolle als vierte Gewalt im Staat wahrnehmen und kritische Fragen stellen. Darüber hinaus gebe es aus den Gemeinden aber «noch viel mehr Lässiges» zu berichten.
Vereine lesen in einer Zeitung zwar gerne über sich selber. Aber lesen sie auch über andere Vereine?
Michael von Ledebur
NZZ-Journalist
Doch was soll man denn konkret in einer solchen Gemeindezeitung lesen können? Schär brachte hier die klassische Dorfpostille ins Spiel – mit eingesandten Texten, Leserbriefen, Berichten von Kirchen und Vereinen. Die Finanzierung einer Zeitung müsse man auch als Investition ins Dorfleben verstehen, betonte sie. Etwas, das an diesem Abend mehrfach wiederholt wurde: Eine Zeitung ist gut fürs Dorf, für das Miteinander, für die Demokratie.
Der schmale Grat
Was die journalistische Leistung einer Gemeindezeitung anbelangt, propagierte Schär den «konstruktiven Weg». Dialogbasiert und lösungsorientiert soll die Schreibe sein. Dem Gemeindepräsidenten dürfe man ruhig mal kritische Fragen stellen. Wenn eine Redaktion aber immer nach dem Konflikt suche, führe das im Dorf zu einer Polarisierung.
NZZ-Journalist von Ledebur sah das etwas anders. Vereine würden in einer Zeitung zwar gerne über sich selber lesen. «Aber lesen sie auch über andere Vereine?», fragte er. Solche Berichte gehörten in ein Gemeindeblatt, aber man müsse auch vom Leserinteresse ausgehen, sonst lande die Zeitung gleich im Altpapier.
Harmonie dürfe deshalb nicht der einzige Anspruch eines Lokaljournalisten sein, hielt er fest. Der Grat zwischen rein konstruktivem und kritischem Journalismus sei auf Gemeindeebene aber zugegebenermassen recht schmal. «Deshalb ist das Fingerspitzengefühl einer Redaktion entscheidend.»
So oder so: Von Ledebur riet dringend dazu, die Zusammenarbeit mit einem Verlagshaus zu suchen. Eine Zeitung zu machen, sei aufwendig und gehöre in die Hände von Profis.
Der Ärger der «Inside»-Macher
Das sahen die Vertreter von «Inside Fällanden» etwas anders. Schon im Vorfeld hatten sich die Macher der kratzbürstigen Online-Meinungsplattform auf ihrem eigenen Blog darüber geärgert, nicht aufs Podium eingeladen worden zu sein. Und so nutzten sie an diesem Abend die Gelegenheit, sich als «einzige unabhängige, neutrale, selbst finanzierte Publikation für Gemeindebelange» darzustellen.
‹Inside Fällanden› erfüllt eine wichtige Aufgabe, läuft in dieser Diskussion aber ausser Konkurrenz.
Tobias Diener
Gemeindepräsident (FDP)
Gemeindepräsident Diener, der auf «Inside Fällanden» auch schon als «Lügner» bezichtigt wurde, sagte dazu: «Es ist genial, was da aufgebaut wurde.» Das Portal sei «technisch super» und erfülle eine wichtige Aufgabe, laufe in dieser Diskussion aber ausser Konkurrenz.
Variante 3: Einfach nichts machen
Doch zu welcher Lösung tendierte das Publikum im Saal? Eher nicht zu einer eigenen Dorfzeitung. Zu aufwendig, zu teuer wäre das, war zu hören. Und immer wieder kam die Frage auf, wie Journalisten als Angestellte einer Gemeinde unabhängig berichten sollen.
Wiederholt erwähnt wurde das «Dübendorfer Modell». Die Stadt publiziert ihre Amtlichen im «Glattaler», dazu können Kirchen, Parteien und Vereine ihre Texte publizieren. Dafür zahlt die Stadt einen jährlichen Betriebsbeitrag von 235'000 Franken, was der eigenständigen Redaktion eine ausgedehnte journalistische Berichterstattung ermöglicht.
Gemeindepräsident Diener legte noch eine dritte Variante vor: «Oder wir machen einfach weiter wie bisher.» Diese Möglichkeit bevorzugte eine aufgebrachte Votantin. Sie forderte, die Gemeinde solle lieber mal ihre Website auf Vordermann bringen: «Die ist nämlich eine Katastrophe, man findet einfach nichts.»
