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Frauen-Stamm Tösstal und Umgebung

Kein Männerding: Wie Frauen in Turbenthal politisch mitmischen

Lebhafte Diskussionen und politisches Engagement sind keine reine Männerdomäne. Einblicke in einen besonderen Stammtisch.

Jeden Monat treffen sich im Tösstal engagierte Frauen, um sich über politische und gesellschaftliche Themen auszutauschen.

Foto: Karin Sigg

Kein Männerding: Wie Frauen in Turbenthal politisch mitmischen

Frauenpower am Stammtisch: Im Tösstal beweist das Frauenforum, dass engagierte Frauen genauso politisch diskutieren und sich vernetzen wie ihre männlichen Pendants.

Der Begriff Stammtisch ruft oft das Bild von Männern hervor, die nach Feierabend bei einem Bier lautstark über Politik und das Weltgeschehen diskutieren. Doch im Tösstal beweisen engagierte Frauen eindrücklich, dass diese Form des Austauschs keineswegs eine reine Männerdomäne ist.

Es ist Samstagmorgen um halb zehn. In Turbenthal herrscht schon geschäftiges Treiben. Vor dem Dorfladen des Gehörlosendorfs steht ein grosser Tisch mit Stühlen bereit. Neun Frauen nehmen Platz. Sonnenschirme werden zurechtgerückt, Bestellungen beim Kellner aufgegeben.

Einmal im Monat treffen sich Mitglieder des Frauenforums Tösstal und Umgebung zum Frauen-Stamm. «Schön, dass wir heute eine so grosse Runde sind», begrüsst Christa Hess die Anwesenden, von denen die meisten aus Turbenthal kommen. Der dreiköpfige Vorstand wechselt sich ab mit der Organisation dieses Anlasses. Heute hat sie eingeladen.

Am Frauen-Stamm schätzen viele den direkten, ehrlichen Austausch auch über politische Themen.
Der Vorstand des Frauenforums Tösstal und Umgebung (von links): Christa Hess, Cornelia Oelschlegel und Heidy Frick.

Weil endlich wieder mal die Sonne scheint, wollen die Frauen draussen sitzen. Unter ihnen ist auch Gemeinderätin Cornelia Oelschlegel (parteilos) anzutreffen. Die Präsidentin des Frauenforums hat ihre Sonnenbrille vergessen. Kurzerhand leiht sie die einer Teilnehmerin aus. Und reicht einer anderen eine Wolldecke – gegen das Frösteln. «Ich liebe die unkomplizierte, hilfsbereite Art dieser Frauen», freut sich Oelschlegel.

Nach einer offenen Themenrunde …

Da keine Abstimmung unmittelbar bevorsteht, ist an diesem Tag kein Thema vorgegeben. «Hat jemand ein Thema dabei?», fragt Christa Hess in die Runde. Eine der Frauen möchte die Gunst der Stunde nutzen: «Wenn wir schon eine Vertreterin der Presse hier haben, hätte ich da einige Fragen zum Thema Zeitung.»

Die kritischen Fragen drehen sich um Grundsätze des Journalismus. «Wo liegen die Grenzen zwischen Informieren und Manipulieren?», oder «Wie weit geht eine Zeitung, um die Leser mit boulevardesken Schlagzeilen zu beeinflussen?»

Nachdem alle offenen Fragen geklärt und ausdiskutiert sind, lenkt Gastgeberin Christa Hess das Gespräch doch noch in eine bestimmte Richtung. «Es geht nun darum, eine Arbeitsgruppe für die Wahlen im nächsten Jahr zusammenzustellen.»

Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe haben gemäss Cornelia Oelschlegel die Aufgabe, potenzielle Anwärterinnen für Behördenämter ins Gespräch zu bringen und vorzuschlagen. Konkret geht es in den Gemeinden um die Wahl der Mitglieder und des Präsidiums im Gemeinderat, der Schulpflegen, der Rechnungsprüfungskommissionen, der Reformierten Kirchenpflegen und des Notariats.

Die Gruppe wird jeweils vor anstehenden Wahlen gebildet und danach wieder aufgelöst. In den letzten acht Jahren seien es 18 Frauen gewesen, die vom Frauenforum Tösstal und Umgebung aufgestellt und empfohlen worden seien. «Fünf davon kandidierten für das Präsidium einer Behörde», so Oelschlegel.

… geht es ums Politische

«Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, Frauen in Behörden zu bringen und zu vernetzen», sagt die Gemeinderätin. Das Frauenforum unterscheide sich von anderen Frauenvereinen, indem es neben gesellschaftlichen Themen insbesondere das politische Geschehen in den Fokus rücke.

Das macht Oelschlegel auch den anwesenden Frauen unmissverständlich klar: «Ich hoffe, wir finden wieder einige engagierte Frauen, die für diese anspruchsvolle Aufgabe brennen.»

Auch acht Jahre nach der Gründung des Forums lodert unter den Frauen noch immer das Feuer für Politik. So sind die Interessentinnen schnell gefunden. Von den 50 Mitgliedern im Alter von 29 bis 76 Jahren sei gut die Hälfte sehr aktiv im Forum. «Viele haben politische Interessen, sind angekommen und wollen sichtbar sein.»

Am Frauen-Stamm schätzen viele den direkten, ehrlichen Austausch auch über politische Themen.
Cornelia Oelschlegel (jubelnd) freut sich, dass nach kurzer Zeit eine Arbeitsgruppe zustande kommt.

So seien auch die Themen, über die sich die Frauen austauschten, oft politisch geprägt. Eine Teilnehmerin zum Beispiel schätzt es, dass in dieser Runde jeweils über Abstimmungsvorlagen diskutiert werden kann. Sie empfindet es als angenehmer, hier über die Vor- und Nachteile der Vorlagen zu sprechen, anstatt alles selber nachlesen zu müssen. «Die Gespräche bringen neue Ideen, eröffnen neue Sichtweisen.»

Für die ortsansässige Pfarrerin bietet der Stamm die Möglichkeit zu politischen und kontroversen Diskussionen, ohne in einen Rollenkonflikt zu geraten. «Der Austausch geschieht immer im respektvollen Rahmen – trotz unterschiedlichen Meinungen werden unsere Beziehungen dadurch nicht bedroht», sagt sie.

Am Frauen-Stamm habe alles Platz, unterstreicht Vorstandsmitglied Heidy Frick deren Aussage. «Wir sind auf einem Level, offene und unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen und zu respektieren.» Das Frauenforum ist eine Initiantinnengruppe, die parteipolitisch unabhängig ist.

Für Organisatorin Christa Hess ist es wichtig, dass sich viele der Frauen Gedanken um gesellschaftliche Themen machen. «Oder manchmal einfach Lust auf feministischen Talk haben», fügt sie an.

Dazu liefert eine der Frauen gleich eine passende Anekdote, als sie vor 40 Jahren von der Goldküste ins Tösstal «ausgewandert» war. «Ich war schockiert, hier mit ‹Fräulein› angesprochen zu werden», erzählt sie lachend. Die emanzipierte Frau, die in einem Frauenhaushalt lebt, hatte sich daraufhin beim Einwohneramt gemeldet. «Dort wurde ich ebenfalls mit ‹Fräulein› angesprochen und gefragt, ob ich heiraten wolle.» Das wolle sie nicht, entgegnete sie, «ich möchte einfach nur mit ‹Frau› angesprochen werden».

Die meisten Frauen am Tisch sind mehr oder weniger regelmässig am Stamm dabei. Allerdings sind nicht nur Mitglieder willkommen, sondern auch solche, die es werden wollen.

Eine Teilnehmerin sitzt zum ersten Mal am Stammtisch. Sie engagiere sich schon ihr Leben lang für Frauen, unter anderem für das Frauenhaus in Winterthur. Seit vier Jahren wohnt sie in Turbenthal und möchte sich noch stärker vernetzen. «Ich hatte eine Mutter, die mich lehrte, dass eine Frau alles schaffen kann», erklärt sie ihre Motivation, «das war wohl sehr gutes Benzin.»

«Auch das Gegenteil kann der Fall sein», widerspricht ihr Gegenüber aus eigenen Erfahrungen. Die Frauen nicken zustimmend und brechen in herzliches Lachen aus. Was widerspiegelt, wie divers die Frauen und ihre Meinungen sind.

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