«Rotkäppchen» ist inzwischen 78 Jahre alt und zurück in Wald
Ein abenteuerliches Leben
Er sah die halbe Welt und hat sich doch für einen Lebensabend in Wald entschieden. Andy Hunziker, auch bekannt als «Rotkäppchen», erweckt seine gastronomische Vergangenheit nochmals zum Leben und bringt den Blues erneut in seine Heimatgemeinde.
«Im Oberland bin ich eine Legende», sagt Andy Hunziker und versucht gar nicht erst, bescheiden zu wirken. Den Legendenstatus erarbeitete sich der mittlerweile 78-Jährige Ende der 1990er Jahre als Wirt des Gasthofs Ochsen in Wila und der OXX-Bar in Wald.
An diesem Status hat sich anscheinend wenig geändert, zumindest wenn man den Worten des Abenteurers und fünffachen Vaters glauben will, der in seiner damaligen OXX-Bar regelmässig Gäste bewirtete, die von weit her, über die Kantonsgrenzen hinaus, zu ihm strömten. Dazu bekannte Namen aus der internationalen Blues- und Country-Szene. Sie waren es auch, die ihm seinen Spitznamen der roten Mütze wegen verpassten, die er damals noch tagtäglich trug.
Auch später, als er sich in der philippinischen Stadt Dumaguete niederliess, wo er ein Restaurant führte, widmete er sich mit Herzblut der Gastronomie. Es war seine bereits dritte «Flucht» aus der Schweiz.
In «Andy’s Golden Grill» verkehrte die örtliche eher gehobene Klasse und liess sich mit Pasta, Trüffeln, Cordon bleu, Ziegenpfeffer oder französischen Gerichten verköstigen. Zu dieser Zeit war er bereits mit Charie, seiner späteren vierten Frau, verlobt, die ihn unermüdlich im Service unterstützte und die er 2019 in Hongkong ehelichte.
Dabei liess sich Hunziker von seiner dritten Ehefrau vor allem deshalb scheiden, weil sie vor seiner letzten Auswanderung in der Schweiz bleiben und er unbedingt auf die Philippinen zurückkehren wollte. Vor etwa einem Jahr zog es den Überlebenskünstler dann selbst und wohl für immer zurück in die Heimat.
Perfekter Zeitpunkt
Für die meisten seines Alters wäre ein nochmaliger kompletter Neubeginn wohl mehr Mühe als Freude gewesen. Für Hunziker, der einst mit Lebensversicherungen viel Geld verdiente, war es das Risiko wert.
Zu seinen glücklichsten Erfahrungen gehört sicherlich seine erste Reise auf die Philippinen im Jahr 1975, als das Land noch ein anderes war. «Die Möglichkeiten waren grenzenlos.» Genauso positiv ist dem Abenteurer seine Japan-Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn in Erinnerung geblieben.
1974 und 1975 durchquerte er auch noch die endlosen Weiten Russlands, Sibirien, Japan, dann Korea, Taiwan, Hongkong und Macao. Bis er schliesslich auf den Philippinen landete und sein Herz an das Land und dessen Bewohner verlor.
Den Mut sowie den Willen zum Risiko bewies Hunziker in seiner Laufbahn unzählige Male. Beispielsweise als er sich mit seinem Kapital auf den Philippinen eine Firma aufbaute, die 120 Angestellte beschäftigte. Seine damalige Fabrik war auf das Wiederaufsetzen und den Weiterverkauf von Bus- und Lastwagenreifen spezialisiert. 1992 wurde das Areal von der Mafia abgefackelt, wie Hunziker sagt. «Erfolgreiche, dazu noch ausländische Konkurrenten wurden nicht geduldet.»
Er schaue immer nach vorne, und beim Blick zurück erinnere er sich nur an das Gute. Obwohl er durch das Feuer laut eigenen Angaben rund drei Millionen Franken verlor, überzeugt seine Lebensphilosophie. Zumindest untermauert er glaubhaft, dass ihm die Rückschläge seines Lebens nicht viel anhaben konnten.
Als gut oder eher glücklich kann auch das Datum seines Restaurantverkaufs in Dumaguete bezeichnet werden. Der Verkauf ging im November 2019 über die Bühne. «Vier Monate später kam Corona, der Nachfolger ging innert kürzester Zeit pleite.» Hunziker schmerzte das Ende «seines» Restaurants – er gibt dennoch offen zu, wie froh er darüber war, dass er noch rechtzeitig einen mehr als zufriedenstellenden Erlös erzielen konnte.
Viel wichtiger war allerdings die rechtzeitige Abreise seiner Gesundheit wegen. Kurz nach der Pandemie erlitt Hunziker einen Herzinfarkt und kam mit einem blauen Auge davon. «Ohne die gute Gesundheitsversorgung der Schweiz wäre ich nicht mehr da, auf den Philippinen hätte ich das Zeitliche gesegnet.»
«Back to the roots»
Wieder genesen, möchte sich das «Rotkäppchen» nun wie einst der Musik, seinem geliebten Blues, widmen. «Seitdem ich mit meinen Eltern als siebenjähriger Junge von Zürich-Wipkingen nach Madetswil, später nach Wila und Wald gezogen bin, weiss ich, wie wichtig Kultur für diese Gemeinden ist.» Und er ist davon überzeugt, hier das richtige Publikum für seine favorisierte Musikrichtung zu finden.
Mit Blues-Konzerten in einem kleinen Konzertsaal an der Metzggasse 8, direkt neben dem Schmittenbach, vis-à-vis dem Restaurant Löwen, will Hunziker in Wald nochmals Fuss fassen. Auf der Strasse heisse es oft nur: «Oh wie schön, ‹Rotkäppchen› ist wieder da.»
Der bunte Hund scheint trotz den vielen Jahren auf den Philippinen nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Zusammen mit den Walder Unternehmern Karl Minnig und Liberio Calamia versucht er abermals, Blues-Fans zu begeistern.



«Why not» hat «Rotkäppchen» sein kleines Konzertlokal getauft. Zunächst war sich Hunziker nicht gewiss, ob er trotz seinem Ruf einen Saal auf die Schnelle nochmals vollkriegt. Aber warum auch nicht? Den Beweis dafür erhielt er bereits Mitte Mai, als er sein neues Lokal mit 80 Gästen, auch dank den Auftritten der Oberländer Blues-Grössen Larry Schmucki und Hanspeter Bösch, füllen konnte.
Anfang Herbst sollen die nächsten Gigs folgen. «Natürlich schwingt etwas Nostalgie mit, aber wo, ausser bei mir, können auch über 40- bis 90-Jährige tanzen, ohne dass sie belächelt werden?»
Wenn Andy Hunziker wegen seiner Leidenschaft für die Philippinen je belächelt worden wäre, dann wäre ihm auch das ziemlich gleichgültig gewesen. Dass er als älterer Schweizer, der bis vor Kurzem noch auf den Philippinen weilte, stets einem typischen Klischee entsprach, versucht er nicht vom Tisch zu wischen.
«Ich habe insgesamt fünf Kinder und war stets in der Lage, für alle zu sorgen.» Was wolle ein Draufgänger wie er mehr vom Leben? Auf alle Fälle empfindet Hunziker mit Blick in seinen «Rückspiegel des Lebens» mehr als nur ein wenig Zufriedenheit. Warum auch nicht, oder: Why not?
