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Musik kennt kein Alter: In Wetzikon jamen Teenager mit 80-Jährigen

Aus L.A. direkt ins Oberland: Bei den Jamsessions in der Wetziker Garage wird Musik zum generationenübergreifenden Erlebnis.

Generationenübergreifend «jamen» oder «frei improvisieren»: Der 15-jährige Josias und der 80-jährige Mäse.

Foto: Karin Sigg

Musik kennt kein Alter: In Wetzikon jamen Teenager mit 80-Jährigen

Gemeinsam musizieren und improvisieren

Jamsessions sind beliebt – auch im Oberland hat sich diese Tradition nach amerikanischem Vorbild etabliert. In der Wetziker Garage zeigt sich, was hinter dem Erfolgsgeheimnis steckt.

In der Kulturgarage wähnt man sich an einem der letzten Samstagabende in einem lässigen Jazzclub. Vor der Bühne stehen locker angeordnet kleine Tische, Stühle, Sessel und Sofas. Kerzen und Tischleuchten zaubern eine intime Atmosphäre in den rauen Raum mit Industrie-Charakter: Willkommen zur monatlichen Jamsession der Musikschule Zürcher Oberland (MZO).

An der Bar hört man die Korken knallen. Einige Tischchen sind besetzt, da und dort nippen die Gäste an ihrem Aperol Spritz. Auf einem der Sofas sitzt Hans Ruedi Ruchti, in der Musikszene auch als «John» bekannt. Neben ihm steht sein Akkordeon. Der 79-jährige, ehemalige Familientherapeut aus Egg musiziert schon sein Leben lang.

«Hier gefällt mir vor allem, dass ich mit Profis zusammenspielen kann.» Die Opening Acts würden jeweils von professionellen Musikern gespielt, bevor man «auf den Zug aufspringen» könne. Er empfindet die Leute und die Lautstärke im Raum als angenehm. Und schätzt die Qualität der Musik. «Ich bin mit den Jahren ‹gschnäderfrässig› geworden», erzählt er in breitem Berner Dialekt.

Die Jamsession in der Garage Wetzikon bietet die Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre Bühnenerfahrung zu sammeln.
Hans Ruedi Ruchti alias John spielt auch regelmässig in einer Wohngruppe des Wagerenhofs – «ich mache anderen gerne Freude mit meiner Musik».

Auf der Bühne tut sich was. Hinter dem Flügel, dem Schlagzeug, dem E-Bass und dem Mikrofonständer haben die Musiker – allesamt Lehrpersonen der MZO – Stellung bezogen. Die Hausband stimmt in Soulklänge ein, wechselt dann zu Blues und Jazz. Moderator Bernhard «Bernie» Pfister singt dazu Klassiker wie «Everlasting Love» oder «Waltzing Matilda», und die Gäste wippen entspannt mit.

Die Tür der Kulturgarage bleibt indes offen – immer wieder betreten weitere Leute den Raum. Mal ein gesetzterer Herr mit Schirmmütze und E-Gitarre auf dem Rücken. Dann wieder einige Teenager, ebenfalls mit ihren Instrumenten unter dem Arm. Sie setzen sich an die Tischchen unter die Zuschauer.

Wer macht mit?

«Die Session ist eröffnet, kommt zu uns auf die Bühne», lauten die einladenden Worte von Moderator Bernie. Als «MC» hat er die Aufgabe, die Leute zum Mitmachen einzuladen, ihre Wünsche abzuholen und durch den zweieinhalbstündigen Abend zu führen. «Einige teilen ihren Musikwunsch bereits im Vornherein mit», erklärt der ehemalige Schlagzeuglehrer.

Das vereinfache es, vor allem bei nicht ganz so geläufigen Liedern, dass alle über die entsprechenden Noten verfügten. Für ihn haben diese Sessions vor allem einen sozialen Aspekt: «Hier spielen gestandene Profis, ältere Musiker und junge Schülerinnen gemeinsam.»

Leistung steht nicht im Vordergrund

Von seinem Barhocker aus verfolgt Thomas Ineichen interessiert das Geschehen. Als Direktor der MZO und Co-Präsident des Vereins Garage Wetzikon ist er massgeblich für die Durchführung der monatlichen Jamsessions verantwortlich. «Die MZO bietet die Plattform und zahlt die Gagen der Hausband.» Diese bestehe aus einer wechselnden Besetzung von Musiklehrpersonen.

Das Notenrepertoire, das online abgerufen werden kann, werde stetig erweitert. Für Ineichen ist die Offenheit und Spontanität elementar bei einer Jamsession. Hier stehe nicht die Leistung im Vordergrund. «Kennenlernen, vernetzen – plötzlich können Schüler gemeinsam mit Lehrern spielen.»

Man sieht den Direktor der MZO und Co-Präsident der Kulturgarage.
Thomas Ineichen spielt Geige und Posaune. Meist verfolgt er das Geschehen aus dem Hintergrund. «Ich habe aber auch schon mitgejamt». sagt er.

Ins Rollen gebracht wurde das Ganze vor zweieinhalb Jahren auf die Initiative von Atlant Bieri hin. Der Autor und Hobbymusiker aus Pfäffikon habe diese Idee an Thomas Ineichen herangetragen.

An diesem Abend jamt Atlant Bieri mit seinem Sohn Arin mit. «In unseren Sommerferien in Los Angeles haben wir Jamsessions entdeckt», erzählt der 15-jährige Arin, «uns war sofort klar, dass es dieses Format bei uns auch braucht.» Es mache viel mehr Spass, gemeinsam Musik zu machen, statt dass jeder im «stillen Kämmerlein» üben würde. «Es gibt Leute, die gehen jeden Sonntag in die Kirche – wir gehen jeden Monat an die Jamsession», sprudelt es aus dem Teenager heraus.

«Die Bühne ist offen – wer hat einen Musikwunsch?», fragt Bernie an die Personen gerichtet, die ein Instrument dabei haben. Der Mann mit der Schirmmütze nickt, betritt die Bühne und steckt seine Gitarre in den Verstärker ein. Er bespricht seinen Wunsch mit den Musikern der «Hausband», und ganz kurz stimmen sie ihre Instrumente ab. «Haben wir noch jemanden, der singt?», fragt Bernie in die Runde.

Nach kurzem Zögern betritt Melina die Bühne. Die 16-jährige Kanti-Schülerin gibt zu bedenken, dass sie das Lied nicht so gut kenne. Beim Jamen kein Grund zur Sorge: Denn weil Bernie nicht nur moderiert, sondern auch leidenschaftlich gern singt, stimmen die beiden zum Duett an.

Schliesslich findet auf der Bühne eine grosse Rochade statt. Atlant kommt mit dem Saxofon und sein Sohn Arin setzt sich an den Flügel. Florin stellt sich mit seiner Ukulele neben Sängerin Melina. Nun hat sie einen Musikwunsch, «Get Lucky» von Pharrell Williams.

«Kennst du das?», wird der Gitarrist gefragt. Der Herr mit der Schirmmütze schlägt einige Töne an. «Schau, einfach B, D, F, E», erklärt ihm Jung-Pianist Arin. Sie stimmen sich kurz ab, dann gehts los. Und jeder einzelne Ton passt. Einfach so, ohne Noten, ohne Vorbereitung, ohne grosse Worte – klassisches Jamen halt.

Melina reisst die Anwesenden mit immer klarerer Stimme mit. Später erklärt die Kanti-Schülerin aus Grüningen, dass sie sonst in der Gymi-Band E-Gitarre spiele und eigentlich nur für sich selbst «bitzli singe». Sie sei etwa zum vierten Mal an dieser Session dabei – meist als Zuschauerin, zum zweiten Mal steht sie selbst auf der Bühne. Ob sie mitmachen wolle, entscheide sie jeweils spontan. «Zusammen Musik zu machen, ist cool – egal, wie alt oder jung die anderen Musiker sind.»

Für Gitarrenlehrerin Manuela Giuliani, die oft Bass spielt in der Hausband, ist es gerade das generationenübergreifende Musizieren, was die Wetziker Sessions ausmache. Der 15-jährige Josias findet es «ganz okay», dass er hier auch mal mit älteren Musikern zusammenspielt.

Dem gleichaltrigen Ukulelespieler Florin macht das Musizieren unter Kollegen Spass, «dass man einfach spontan mitspielen kann», gefällt ihm. «Ich liebe Musik» – deshalb spielt er nebst Ukulele auch noch Keyboard, Klavier und ein wenig Schlagzeug.

Mit seinen 80 Jahren darf man Marcel Blaser aus Wald – vielen bekannt als «RockDJMaese» – getrost zu den «älteren Musikern» zählen. Wenn es seine Gesundheit zulässt, ist er regelmässig an den Sessions anzutreffen. Weil ein Schlagzeug oder eine Gitarre schwieriger zum Mitnehmen seien, spielt er ausschliesslich auf seiner Mundharmonika – pardon, «Schnorrägigä», wie er sie nennt. «Ich habe vor 72 Jahren gelernt, darauf zu spielen.»

Weitere Jamsessions in der Region

- U-Boot Bar Uster: Multikulti
Im Ustermer Zeughausareal stehen regelmässig Jamsessions auf dem Programm. Dabei wird abwechselnd auf Celtic Jam, Balkan Jam, Jazz Jam und Pop/Rock/Blues/Soul Jam gesetzt.

- Dübi Jam: Klein, aber fein
In Dübendorf findet monatlich eine Jamsession im Proberaum der Band 2AM statt. Etwa sechs aktive und fünf passive Musiker/Zuschauer finden Platz und improvisieren zu Pop/Rockklängen.

In der Wetziker Garage steht am Samstag, 10. Mai die nächste Jamsession an.
Türöffnung um 19 Uhr, 19.30 Uhr gehts los bis ca. 22 Uhr.
Eintritt frei, Kollekte

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