Als Bauern aus dem Oberland die Klöster stürmten
Das Schicksalsjahr 1525
Hungrig, durstig und von Freiheitsdrang beseelt: Vor fünf Jahrhunderten ging von der Region eine Rebellion aus. Nun nehmen Historiker die heutigen Oberländer auf eine Spurensuche mit.
Heute vor genau 500 Jahren besetzten Bauern das von einem guten Dutzend Mönchen bewohnte Kloster Rüti und läuteten die Glocken zum «Landsturm». Das war der Auftakt zum Zürcher Bauernaufstand von 1525.
Nur kurz vor jenem verhängnisvollen 23. April hatten Bauern aus der Region schon den Rütner Abt Felix Klauser gestoppt. Dieser hatte versucht, den Klosterschatz vor dem Zugriff des Zürcher Rats nach Rapperswil in Sicherheit zu bringen.





Der Historiker Peter Niederhäuser hat sich intensiv mit den damaligen Ereignissen befasst: «1525 war vor allem im Zürcher Oberland ein sehr unruhiges Jahr.» Mit den Bauernunruhen und dem Täufertum, das in der Region gleichzeitig eine starke Verbreitung fand, «kam einiges zusammen», das dann auf den ganzen Kanton ausstrahlte.
Weinkeller im Visier
Bis zum Abend hatten sich gemäss einer zeitgenössischen Quelle gut 100 Bauern im Kloster zusammengerottet und dessen Weinkeller geleert. Am Folgetag schlossen sich immer mehr Leute dem Aufstand an, gegen 1200 Männer dürften es laut der Quelle gewesen sein. Und sie besetzten ebenso das Haus des Johanniterordens im nahen Bubikon. Auch dort machten sie sich über die Vorräte her und verbrannten die Heiligenbilder. Niederhäuser schätzt, dass neben den drei oder vier Johannitern dort noch weitere Personen, meist Dienstleute, wohnten.
Am 25. April 1525 traf aus Zürich eine Delegation des Rats ein, um mit den Aufständischen zu verhandeln. Diese waren nicht untätig geblieben. Angetrunken – «uff dem Altar hattend sy Wiyn und hieltend Rat» – hatten sie einen Forderungskatalog mit 27 Artikeln ausgearbeitet. Darin fanden sich, abgestützt auf den neuen reformatorischen Ideen Huldrych Zwinglis, religiöse, politische und wirtschaftliche Beschwerden.


Insbesondere lehnten sie den Zehnten und die Leibeigenschaft ab. Auch verlangten sie mehr Mitsprache in kirchlichen und politischen Angelegenheiten. Immerhin stand die Zürcher Landschaft damals unter der Vorherrschaft der Stadt Zürich. Diese machte ihren Einfluss über die Vögte geltend. Jörg Berger, der damals das Amt Grüningen führte, war Zürichs wichtigster Mann vor Ort, wie Niederhäuser im jüngsten «Heimatspiegel», der Beilage zum «Zürcher Oberländer» und «Anzeiger von Uster», ausführt.
Der Historiker meint, dass die ärmliche Bevölkerung die Stürmung der beiden Klöster auch genutzt habe, um sich den Bauch wieder einmal vollzuschlagen. So beschreibt Johannes Stumpf, der seit Juni 1522 Prior des Johanniterhauses war und im gleichen Jahr auch die Leitung der Dorfpfarrei Bubikon übernahm, die Situation so: «Da hub sich in beiden Closter, Rüti und Bubicken, ein solich Zulouffen, Fressen, Suffen, Toben, Wüeten, Schryen, Kotzen, das, welcher die Lüt hievor bekenth hatt und jetzund ansach, must sich grosslich verwunderen.»
Bürgerkrieg vermieden
Nachdem sie sich ausgiebig verköstigt – einige zogen noch nach Wald, wo sie den Wein des altgläubigen Pfarrers wegsoffen – und ihre Forderungen verkündet hatten, löste sich der aufrührerische Haufen auf. Sie setzten darauf, vom Zürcher Rat ernst genommen worden zu sein. Nach den Bauern des Amts Grüningen erhoben sich auch jene der Landvogtei Kyburg und der Herrschaft Greifensee sowie in weiteren Vogteien und stellten ihrerseits ihre Forderungen auf.
Am 5. Mai 1525 folgte eine Grosskundgebung von 4000 Bauern und Bäuerinnen vor dem Frauenkloster Töss. Einen Monat darauf wurde schliesslich zu einer gesamtzürcherischen Bauernversammlung in Kloten aufgerufen.


Anders als in Deutschland und im Elsass wurde die Eidgenossenschaft vor einem grossen Blutvergiessen verschont. Im Norden wurden die aufständischen Bauernhaufen von Söldnertruppen vernichtet.
Kompakte Veranstaltungsreihe
Das «Schicksalsjahr 1525», wie es Niederhäuser nennt, nehmen 500 Jahre später nun Historiker, Kirchen und weitere Organisationen in der Region zum Anlass für eine gemeinsame Veranstaltungsreihe im Mai (siehe Box). Diese steht unter dem Titel «Freiheit im Umbruch». Den Auftakt macht das Ritterhaus Bubikon. Dessen Museumsleiterin Florence Anliker wird den Workshop «Im Aufbruch der Reformation» leiten. Die Zusammenarbeit sei unter dem Motto «gemeinsam ist man stark» lanciert worden.
Im Unterschied zur Veranstaltungsreihe «Facetten des Reichtums», bei der verschiedene Oberländer Museen mitgewirkt hatten, wird das Ganze laut Anliker diesmal konzentrierter stattfinden. Jene Reihe zog sich über das ganze vergangene Jahr hin. «Das funktionierte nicht ganz», meint sie. Nun wird – fast – alles in einen Monat gelegt.



Und anders als in der 2016 umgesetzten Kooperation zum Oberländer Hungerjahr 1816/1817 ist laut Niederhäuser die Organisation heuer deutlich einfacher gestaltet worden. «Nach einer gemeinsamen Sitzung stand diesmal alles.» Auf eine Ausstellung ist nun bewusst verzichtet worden: «Was sollten wir mangels Objekten auch zeigen?», meint der Historiker.
Stattdessen gibt es Vorträge, eine Rundreise zu den Brennpunkten der damaligen Ereignisse, Gottesdienste, einen Pilgerweg und sogar ein Theaterstück. Dabei wird den Fragen nachgegangen, wieso überhaupt das Oberland zum Zentrum der Unruhen wurde und dort die von der Reformierten Kirche verfolgten Täufer ihren Rückzugsort fanden. Dargelegt wird auch, wieso die Pfarrer gerade in der Region so rebellisch waren und ob die Forderungen nach mehr Freiheiten und Selbstbestimmung berechtigt waren.
So viel sei verraten: Von den bäuerlichen Änderungsforderungen in den Herrschaftsverhältnissen ging kaum etwas in Erfüllung. Die Zürcher Obrigkeit «war einzig im Rahmen der Landvogteien zu gewissen Konzessionen bereit», wie Niederhäuser im «Heimatspiegel» vom März dieses Jahrs schreibt. So fiel der kleine Zehnt weitgehend weg. Immerhin wurde teilweise die Leibeigenschaft aufgehoben, teilweise gelockert.
Veranstaltungsreihe zu den Unruhen vor 500 Jahren
Die Reformation war eines der einschneidendsten historischen Ereignisse gerade auch im Zürcher Oberland. Eine Folge waren auch die Bauernaufstände, die 1525 hier ihren Ausbruch erlebten. Zu jener unruhigen Zeit vor 500 Jahren finden in der Region folgende Anlässe statt:
Ritterhaus Bubikon: Vortrag «Johanniterkommende Bubikon um 1525» am 3. Mai sowie Workshop «Im Aufbruch der Reformation» am 4. Mai.
Zeitreise ins Jahr 1525: Rundfahrt zu den Brennpunkten der Bauernunruhen und den Täufern im Oberland am 18. Mai sowie am 10. September.
Chronik Rüti: Vortrag «Bäuerliche Unruhen und rebellische Geistliche» am 7. Mai.
Theaterstück in Grüningen: Das Theater in der Mühle zeigt «Landvogt Berger im Zentrum der Unruhen» am 16., 17. und 18. Mai.
Reformierte Kirche: An Auffahrt am 29. Mai finden in Gossau und Rüti besondere Gottesdienste statt.
Fryheitsweg: Am 29. Mai wird der Fryheitsweg 1525 mit einer Pilgerwanderung von Rüti nach Grüningen eingeweiht. Die Pilgerwanderung kann auf vier Tage ausgedehnt werden und führt dann bis zum 1. Juni bis nach Embrach.
Die genauen Daten und Lokalitäten sowie die Anmeldungsmodalitäten sind unter https://www.zuerioberland.ch/erlebnisse/500-jahre-reformation-zuercher-oberland/ zu finden.
