«Ich habe dem Papst sicher über 100 Mal die Hand geschüttelt»
Oberländer Reaktionen
Er war Menschenfreund, Frauenförderer, Fussballfan: Der am Montag verstorbene Papst Franziskus hinterlässt ein grosses Erbe. Drei Oberländer Katholiken blicken auf sein Wirken zurück – und darüber hinaus.
Felix Caduff, ehemaliger Präsident der Zürcher Synode

«Es war ein sehr positives Erlebnis.» Das sagt Felix Caduff über sein Treffen mit Papst Franziskus im Januar 2023. Der ehemalige Präsident der Synode – des Kirchenparlaments im Kanton – beschreibt es als grosses Glück, dass er zu dieser Privataudienz eingeladen wurde. Grund dafür war, dass die Katholische Kirche im Kanton Zürich 500’000 Franken für den Bau der neuen Kaserne der Schweizergarde gesprochen hatte.
«Der Papst hat bei mir einen sehr positiven Eindruck hinterlassen», sagt der Turbenthaler. «Er war wirklich ein menschlicher Papst, der sich barmherzig für die Ärmsten eingesetzt hat.»
Caduff würdigt vor allem Franziskus’ Engagement für die soziale Gerechtigkeit und die Ökologie. «Er hat immer Klartext geredet, auch gegenüber Leuten wie Donald Trump.»
Obwohl Franziskus für ihn nicht «gänzlich ein Reformer» gewesen sei, habe er viele wichtige Prozesse angestossen. So hat er beispielsweise einen weltweiten «Synodalen Prozess» initiiert. In diesem Beratungsprozess sollen Anliegen von Katholikinnen und Katholiken aus der ganzen Welt einfliessen. «Das gab es vorher nicht.»
Caduff selber wünscht sich, dass Frauen in der Kirche alle Ämter bekleiden dürfen. Eine solche Reform war auch unter Papst Franziskus nicht möglich. Trotzdem ortet Caduff auch in diesem Bereich Fortschritte. So hat Franziskus noch im Januar dieses Jahrs die Ordensschwester Simona Brambilla zur ersten Präfektin des Vatikans ernannt – in anderen Ländern würde dies etwa der Rolle einer Ministerin entsprechen.
Der Turbenthaler hofft, dass der Weg, der unter Franziskus eingeschlagen wurde, fortgeführt wird. «Aber wir müssen schauen, was jetzt passiert.»
Monika Schmid, ehemalige Gemeindeleiterin Katholische Kirche Effretikon

Monika Schmid war bis zu ihrer Pensionierung 2022 für 37 Jahre Gemeindeleiterin der Katholischen Kirche St. Martin in Effretikon. 2008 erreichte sie schweizweite Bekanntheit, als Papst Benedikt XVI. noch im Amt war. Damals kritisierte sie im «Wort zum Sonntag» die Katholische Kirche wegen ihres zögerlichen Vorgehens gegen pädophile Priester und gewann dafür den Prix Courage des «Beobachters». Als Reaktion auf den Tod von Papst Franziskus findet sie nur versöhnliche Worte.
«Ich mag es ihm gönnen, dass er mit einem österlichen Halleluja im Herzen sterben konnte», sei ihr erster Gedanke gewesen, als sie am Montag von der Neuigkeit gehört habe. «Er war ein tiefgläubiger Mensch, und ich denke, er hat all seine Kräfte zusammengenommen, um das Osterfest noch mit den Menschen feiern zu können.»
Sie wolle zwar nichts schönreden, was sie in der Vergangenheit kritisiert habe, betont sie. Aber Franziskus hinterlasse sehr viel Gutes, er habe den Fokus nicht auf die Kirchenpolitik gelegt, sondern der Kirche nach zwei sehr konservativen Päpsten ein menschliches Gesicht gegeben. «Er hatte den Blick für die Armen in dieser Welt, und dieser Blick ist der Blick Jesu.» Es hätte noch viel gegeben, das hätte angepackt werden müssen. «Aber er hatte auch oft mit enormem Gegenwind in den eigenen Reihen zu kämpfen.»
Seine Leistungen blieben bemerklich. Er habe die Kirche von innen verändert und in kleinen Schritten erneuert: Die Priesterweihe für Frauen habe er zwar nicht eingeführt, dafür aber Frauen im Vatikan in hohe Ämter eingesetzt und die Synoden auch für Frauen und nicht geweihte Männer geöffnet. «Man wird wohl erst im Nachhinein erkennen, wie wichtig dies für die Kirche war.»
Monika Schmid erhofft sich als Nachfolger jemanden, der weiterführt, was Papst Franziskus angestossen hat. «Wenn man momentan in die Welt schaut – auf die Art und Weise, wie menschenverachtend gewisse Machthaber sprechen –, dann hoffe ich, dass die Kirche ein Gegengewicht bleibt.»
Papst Franziskus habe wichtige Pflöcke eingeschlagen. «Wenn die Kirche glaubwürdig bleiben will, dann gibt es für sie kein Zurück mehr.»
David Geisser, ehemaliger Schweizergardist und Kochbuchautor

Als ehemaliges Mitglied der Schweizergarde in Rom von 2013 bis 2015 hat der Wermatswiler Spitzenkoch David Geisser Papst Franziskus persönlich gekannt. «Ich habe noch nie eine Persönlichkeit getroffen, die über so viel Tiefe und Ausstrahlung verfügt wie er», zeigt er sich beeindruckt.
Als Gardist sei man rund um die Uhr mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche unterwegs. «Ich habe ihm sicher über 100 Mal die Hand geschüttelt», erzählt er. Denn Franziskus habe stets den Kontakt zu seinen Leibwachen gepflegt und sich gerne mit ihnen über Gott und die Welt – oder Fussball – unterhalten.
Dies zeigt ein persönliches Erlebnis von Geisser, das ihm in besonderer Erinnerung bleibt: «An der Fussball-WM 2014 hatte die Schweiz in der Nacht ganz knapp gegen Argentinien verloren. Ich hatte Nachtdienst vor den Dienstgemächern und war am Morgen die erste Person, die dem Papst begegnete. Er wusste, dass ich Fussballfan bin, und er fragte mich, ob ich enttäuscht sei über das Resultat. Wir führten eine angeregte Unterhaltung über den Match, bevor er weiterging. 20 Minuten später kehrte er zurück, um mich mit etwas Süssem aufzuheitern, damit mein Tag besser startete.»
Als besonderes Privileg bezeichnet David Geisser die Zusammenarbeit mit dem Papst, als er das Kochbuch «Buon Appetito» mit Rezepten aus dem Vatikan schrieb. «Franziskus war froh, wenn er auch mal über Alltägliches wie das Kochen reden konnte.»
Dem Oberländer «Kochfluencer» liegt es fern, eine fachliche Beurteilung der Arbeit seiner Heiligkeit abzugeben. «Er war volksnahe, bodenständig und hat sich für die Menschen interessiert», anerkennt er dessen Wirken. «Er nahm sich auch für Randständige Zeit und liess dafür schon mal Staatsoberhäupter warten.»
Was er alles bewirkt habe, verdiene grössten Respekt. «Er hat vieles angerissen, das er noch nicht beenden konnte.» Deshalb erhofft sich Geisser, dass ein Nachfolger seine Projekte weiterführen könnte. Wichtig sei, dass der neue Papst in die jetzige Zeit passe, in der Frieden eine so zentrale Bedeutung spiele.
