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Bauern leiden doppelt so häufig an Burnouts

Burnout: An welchen Beruf hätten Sie gedacht? Kaum jemand glaubt, dass Landwirte betroffen sind.

Landwirte kennen kaum freie Tage. Auch deshalb sind 12 Prozent von ihnen von Überlastung betroffen, die zu einem Burnout führen kann. (Symbolbild)

Foto: Christian Merz

Bauern leiden doppelt so häufig an Burnouts

Arbeiten ohne Ende?

Das Burnout-Syndrom: Dabei denkt man wohl eher an Pflege- oder Büroberufe, die allgemeine Hektik oder digitalen Stress verursachen. Aber Landwirte sind von der Krankheit noch viel mehr betroffen.

Büroangestellte verlassen die Arbeitsstelle am Feierabend genauso wie Schwerstarbeiter. Landwirte? Ihnen fällt das «Abschalten» schwer. Sie verlassen ihre Arbeitsstelle nämlich nicht, sie verbringen auch ihr Privatleben dort. Im Unterschied zu den Büroangestellten können sie auch nicht auf die Schnelle kündigen, um zu einer Firma zu wechseln, wo die Auslastung vielleicht etwas geringer ist.

«Nine to five?» – für Bauern nicht möglich. Wochenende? Gibt es kaum. Ferien? Eher schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Wohl deshalb sind rund 12 Prozent der Bäuerinnen und Bauern von Burnouts betroffen – doppelt so viele wie in der Allgemeinbevölkerung. Dort sind es nämlich «lediglich» 6 Prozent.

Definition von Burnout

Ein Burnout entsteht durch erhöhten Stress, der sich schleichend steigert und oft unbemerkt bleibt. Es entwickelt sich meist eine Burnout-Spirale – der Stress wird chronisch und hat eine starke Verminderung der Leistungsfähigkeit zur Folge. Dadurch werden die eigenen Fähigkeiten weniger bestätigt, weshalb es zu einem Verlust des Selbstwertgefühls kommt. Damit gehen Schlaflosigkeit und der Verlust von sozialen Kontakten einher. Im schlimmsten Fall kommt es gar zu einem Suizid.

Diese Zahlen beruhen auf einer exklusiven Studie der Agrarforschung Schweiz, die rund 4000 Landwirtinnen und Landwirte dazu befragt hat. Das Durchschnittsalter lag bei 49 Jahren. Die Teilnehmenden bewirtschafteten den Betrieb im Schnitt schon über 20 Jahre. Eine Spurensuche nach dem Warum.

Mangelhafte Strukturen?

In der Anfangsphase eines Burnouts gibt es noch Handlungsmöglichkeiten. Allerdings sind die Betroffenen dabei auf die Rückmeldung von engeren Bezugspersonen angewiesen, die ihnen den Spiegel vorhalten. Zumindest geht dies aus der Studie hervor.

Hierbei ist die Arbeit in der Landwirtschaft aber risikobelasteter als beispielsweise diejenige in einem Büro. Denn Landwirte arbeiten meist allein, höchstens Familienmitglieder helfen im Alltag mit. Und fällt ein Landwirt einmal länger aus, kann dies auch schwere finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen.

Allgemein gilt, dass zwei Drittel der Landwirte 50 und mehr Stunden pro Woche arbeiten. Bei den Bäuerinnen sind es ein Viertel (Stand 2022). Die durchschnittliche Arbeitszeit lag dabei zwischen 35 (Bäuerinnen) und 54 (Landwirte) Stunden pro Woche. Bei den Gewerbetreibenden waren es 42 Stunden (Männer) beziehungsweise 28 Stunden (Frauen) wöchentlich.

Bemerkenswert: Das Burnout-Ausmass bei Milchviehbetrieben ist signifikant höher als bei anderen Betriebstypen. Und in der Deutschschweiz sind Bauern eher betroffen, in der Westschweiz sind es aus unbekannten Gründen deutlich weniger.

Grosse Divergenz

Dann ist da noch die Problematik mit den Ferien. Aus dem Agrarbericht 2022 ging hervor, dass Vergleichsgruppen bei den Urlauben konträr zu den Landwirten auseinanderdriften. Landwirte bezogen knapp neun freie Tage, während es bei den Bäuerinnen gerade einmal sieben Tage pro Jahr waren. Mit Blick auf die Vergleichsgruppen ist das äusserst wenig: Gewerbetreibende Männer bezogen im Schnitt 21 Tage Ferien, Frauen 17 Tage.

Landwirtinnen und Landwirte können ihren Hof, vor allem wenn sie sich um Vieh kümmern müssen, kaum verlassen. Auch Melkroboter schaffen nur sehr bedingt Abhilfe. Die Statistiken der letzten Jahre haben sogar gezeigt, dass 24 Prozent der Landwirte und 30 Prozent der Bäuerinnen überhaupt keine Ferien beziehen. Weshalb Frauen noch weniger Urlaub machen, ist im Bericht nicht ersichtlich.

Leidenschaft vorausgesetzt

Bauer Erwin Kündig vom Heggenhof in Grüningen hat eine relativ simple Erklärung für das verstärkte Aufkommen von Überlastung in der Landwirtschaft, will aber auch nicht unbedingt von sich auf andere schliessen: «Es ist nicht jeder für die Selbständigkeit gemacht, ein Bauernhof muss wie ein Unternehmen geführt werden.»

Ein Bauer in seinem Stall voller Kücken.
Erwin Kündig sagt, dass er ohne seine Leidenschaft längst ausgebrannt wäre. Auch die Erwartungshaltung in den Familien hält er für risikoreich. (Archiv)

Er glaube auch, dass in Familien zu oft eine «interne» Lösung angestrebt werde und eine zu hohe Erwartungshaltung bestehe, was für die Nachkommen, welche die Höfe letztlich übernähmen, nicht gerade dienlich sei. «Man muss für den Beruf und den Hof brennen, sonst kommt es nicht gut», sagt Kündig. Auch er selbst wäre ohne die Leidenschaft wohl längst von einem Burnout heimgesucht worden.

Erkenntnis als erster Schritt

Der erste Schritt aus dem Hamsterrad ist die Erkenntnis, in einem solchen zu stecken. Denn je mehr man gibt, desto schneller dreht sich das Rad. Dies schrieb Tatjana Bohl-Hans vom Bereich Betriebsentwicklung des Strickhofs in Lindau im letzten Jahr in einem Fachartikel für die Zeitung «Zürcher Bauer».

«Wer sich in einer solchen physischen und psychischen Ausnahmesituation befindet und nicht mehr weiss, wie der nächste Schritt angegangen werden sollte, braucht Unterstützung von Aussen, von einer erfahrenen Begleitperson», sagt sie und schildert, wie es im landwirtschaftlichen Alltag, zumindest im Frühling und Sommer, meist aussieht: Es herrscht ideales Wetter für den nächsten Grasschnitt.

Zugleich sollte der Mais gehäckselt und das Jungvieh von der Alp geholt werden. Bis dahin muss auch der Weidezaun stehen. Nicht zu reden von der Arbeit im Stall, die noch nicht einmal angerührt ist. Stets läuft den Landwirten die Zeit davon.

Kühe gehen auf einer Strasse.
Nach dem Alpabzug findet das Vieh Ruhe im Stall, und die Arbeit wird weniger. Könnte man meinen, dem ist aber nicht so. Für Landwirte gibt es immer etwas zu tun. (Archiv)

Und dann ist da meist auch noch die Familie, vielleicht sehr junge Kinder, die ebenfalls Zeit in Anspruch nehmen. Möglicherweise ist die vorherige Generation, die Eltern, in Sachen Betriebsführung völlig anderer Meinung. Druck an allen Ecken und Enden.

«Besonders in der Landwirtschaft ist es eine Kunst, alles unter einen Hut zu kriegen», sagt Bohl. Wenn das nicht mehr gelinge, biete eine externe Beratung oft einen «Griff unter die Arme».

Mehrere Gebäude. Ein Hof, eine Institution für landwirtschaftliche Betriebsentwicklung.
Der Strickhof in Lindau beschäftigt sich mittlerweile intensiv mit Überlastung in der Landwirtschaft und schult Landwirte auch in der Betriebsentwicklung. (Archiv)

Zunächst müsse allerdings der Wille zur Veränderung da sein. Der Weg aus dem Hamsterrad, die Flucht weg vom psychischen Druck, bedeute meist auch eine Umstrukturierung, eine Reorganisation der Abläufe auf einem Hof. «Mittels gezielter Gesprächsführung und individueller Begleitung bieten wir schrittweise betriebsspezifische Lösungswege an.» Bekanntlich gebe es nicht «den» Lösungsweg oder «das» bestimmte Vorgehen.

Doch wenn etwas in die falsche Richtung laufe, müssten vor allem Landwirte handeln. «Es sind meist vermeintlich unwesentliche Abläufe und Alltagssituationen, die sich über die Zeit stetig wiederholen und über kurz oder lang negativ auf das Betriebsgeschehen auswirken», sagt Bohl.

Meist seien junge Betriebsleiterfamilien übermässig engagiert unterwegs. Zugleich wachsen deren Familien, die Betriebsstrukturen aus früheren Generationen werden optimiert – die Zeit, allen Ansprüchen gerecht zu werden, wird immer knapper. So stossen Familien an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. «Ist dies erst einmal der Fall, kann es für einen Betrieb so zu personellen Ausfällen kommen, welche immense finanzielle Schäden hinterlassen, die kaum mehr aufzuwiegen sind.»

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