Das Kreuz mit dem Maurmer Kreuz
Zu Ostern wieder aufgehängt
In der reformierten Kirche Maur hängt ein wunderbares Plexiglaskreuz, das alle begeistert. Alle? Nicht ganz. Eine österliche Spurensuche.
Knapp 3200 Mitglieder zählt die Reformierte Kirchgemeinde in Maur. Ich bin eines von ihnen – und in meiner Haltung vermutlich eines von vielen: Ich teile zwar die christlichen Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder Vergebung. Aber ich verstehe mich nicht als praktizierend gläubig.
Kirchliche Feiertage sind für mich in allererster Linie Freitage. Zu Weihnachten gibts Geschenke, an Ostern Eier. Und weiter? Natürlich wurden mir die Hintergründe einst vermittelt. Doch müsste ich sie selbst einem Kind erklären, würde ich auflaufen.
Ich darf mich daher glücklich schätzen, heuer, rechtzeitig zum wichtigsten Fest des christlichen Kalenderjahrs, wieder einmal eine kleine Auffrischung bekommen zu haben – und zwar dank eines ziemlich spektakulären, dreidimensionalen Plexiglaskreuzes.
Eine wohltuende Ablenkung
Dieses Kunstwerk hatte ich im letzten Sommer im Rahmen einer Konfirmation in unserer reformierten Kirche entdeckt. Gleichmütig – die gleichschenkligen Balken geschätzt zwei Meter lang und 30 Zentimeter tief – hing es am Ende des Kirchenschiffs unter der Decke und drehte sich langsam um die eigene Achse.
Ganz unbeeindruckt vom feierlichen Geschehen führte die Morgensonne, die durch die Kirchenfenster in diese Installation fiel, ein faszinierendes Schauspiel auf. Violett, blau, dann plötzlich transparent, gelblich, orange, rot – innert Sekunden verlieh sie dem Kreuz eine neue Farbe.
So viel Spektakel in einer Kirche, die gemäss ihren theologischen Grundsätzen während den Gottesdiensten ja eigentlich keine inszenierte Ablenkung erlaubt: Das ist eine echte Wohltat – speziell, wenn man sich etwas ablenken möchte.




Umso erstaunter bin ich, als ich letzten Sonntag für eine Taufe erneut die reformierte Kirche Maur besuche. Die Sonne gibt sich Mühe, drückt mit aller Kraft. Doch da hängt kein Kreuz mehr.
Was ist passiert? Noch vor der Kirche spricht mein Schwiegervater den Pfarrer Samuel Danner darauf an. Die Antwort, die mir aus zweiter Hand zugetragen wird, macht mich stutzig: Das Kreuz hänge leider nicht das ganze Jahr hinüber, es gefalle wohl nicht allen.
Echt jetzt? Die Sache beschäftigt mich. Am Dienstag kontaktiere ich den Pfarrer persönlich. Freundlich erklärt er mir, dass er meine Anfrage nicht exakt beantworten könne, weil er erst knapp zwei Jahre im Amt sei. Er verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen.
Am Nachmittag schickt er mir einen Artikel des reformierten «Kirchenboten» vom September 2011. Dieser handelt von einer Ausstellung des deutschen Künstlers Ludger Hinse, der damals in acht verschiedenen reformierten und katholischen Kirchen seine Kunstkreuze für zwei Monate aufhängte. Darunter auch jenes in Maur. Für weitere Fragen verweist Samuel Danner schliesslich an den Präsidenten der Kirchenpflege Maur.
Ein «gut schweizerischer» Kompromiss
Karl Walder nimmt das Telefon hörbar gut gelaunt ab. Zuerst verweist er darauf, dass auch er damals noch nicht im Amt war. Weil seine Frau aber zu jener Zeit in der Kirche Maur als Sigristin arbeitete, wisse er schon etwas zu erzählen.
«Unser damaliger Pfarrer Kurt Gautschi hatte derart Freude an diesem Kreuz, dass er es dem Künstler kurzerhand abkaufte», sagt Walder. Das Problem: Ein Teil der Kirchgemeinde, «schätzungsweise 40 Prozent», sei anderer Meinung gewesen. Die Gründe: mannigfaltig.
«Die einen lehnten Kreuze in der Kirche generell ab, andere störten sich daran, dass es kein christliches Kreuz war, wiederum andere mochten das Farbenspiel nicht.» Ein LGBTQ-Abwehrreflex? «Nein, das war absolut kein Thema», versichert Karl Walder und lacht.

Das Heil fand die Kirchgemeinde schliesslich im «gut schweizerischen» Kompromiss. Ein Kompromiss, so praktisch, dass er fast schon kitschig anmutet:
Am Totensonntag, einem Gedenktag für die Verstorbenen am letzten Sonntag im November, endet das christliche Kalenderjahr. Tags darauf wird das Kreuz abgehängt und damit der nötige Platz geschaffen für das Krippenspiel und den grossen Weihnachtsbaum, der ab dem 1. Advent das Bild der Kirche prägt.
Aufgehängt wird das Kreuz dagegen in der Woche vor Ostern – zur Auferstehung von Jesus Christus. Früher, so erzählt Walder, sei die Symbolik noch prägnanter gewesen: «Damals wurde es sogar erst am Samstag installiert. Nach dem Karfreitag, an dem Jesus gekreuzigt wurde, und vor dem Ostersonntag, dem Tag der Wiederauferstehung.»
Alles in allem fehlt das Kreuz ergo etwas mehr als viereinhalb Monate, was ziemlich exakt 40 Prozent des Jahrs entspricht. Dem Anteil der Kirchgemeinde also, die sich damals nicht damit anfreunden konnte.
Zum Abschluss des Gesprächs bitte ich Karl Walder noch um einen Kontakt aus der Kreuz-Gegnerschaft. Doch der winkt ab: «Da gibts keinen mehr, heute gefällt es praktisch allen. Ja, es ist sogar eine Art Logo geworden. Wir sind stolz darauf.»
