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Gesellschaft

Acht Wochen Kindergarten ohne Spielzeug – aber wieso überhaupt?

Im Kindergarten Rosswinkel in Effretikon wurden die Kids zu diskutierfreudigen, autonomen Wesen. Wie? Man nahm ihnen das Spielzeug weg.

Im Kindergarten Rosswinkel mussten die Kinder zwei Monate ohne Spielzeug auskommen. Gespielt wurde trotzdem wie wild.

Foto: Mel Giese Pérez

Acht Wochen Kindergarten ohne Spielzeug – aber wieso überhaupt?

Wäscheklammer statt Puppe

Im Kindergarten Rosswinkel in Effretikon mussten die Kinder zwei Monate ohne Spielsachen auskommen. Aus ihnen wurden diskutierfreudige Wesen, die alles hinterfragten. Was dahinter steckt.

Im Kindergarten Rosswinkel weht seit den Sportferien ein anderer Wind. Es ist sozusagen Kinderanarchie ausgebrochen, denn die Kleinen dürfen mehr oder weniger machen, was sie wollen. Die einzige Bedingung: Spielzeug gibt es keins. So sollen die Kinder sich autonom entwickeln können und sekundär gegen Langeweile zu wissen helfen – doch zur Theorie später mehr.

Vielleicht stellt man sich nun einen leeren Raum vor, mit Umherirrenden, die imaginäre Gegenstände durch die Gegend schieben. So ist es nicht, denn mit Spielzeug sind Gegenstände gemeint, die spezifisch für Spiel und Spass gefertigt worden sind – alltägliche Gegenstände wie Tische, Stühle oder Kissen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Die Architektur der Anarchie

Das neue Kinderreich sieht auf den ersten Blick wie ein Zeltparadies aus. Tücher sind mit Wäscheklammern über Stühle gespannt. Es liegen kleine Teppiche herum, Tische stehen quer.

«Wetsch mis Huus go aluege cho?», fragen die Kinder befehlend und geben einen Rundgang durchs Zeltparadies. Die Architektur der Häuser, wie es die Kinder in einer Selbstverständlichkeit und mit viel Stolz erklären, ist beeindruckend.

Vom Esszimmer führt eine Treppe zu einem Balkon – oder wie es Erwachsene nennen würden: «De gföhrlichi Turm us Stüehl». Um ins Schlafzimmer zu gelangen, muss man über eine Brücke, und kriecht man danach einen Gang entlang, findet man zum Garten. Eine rollende Kiste ist das Auto der Mädchenclique, mit zwei Wäscheklammern haben die Buben eine Rakete gebastelt.

Für das Zeltparadies – und die anderen Spiele – sind ganz allein die Kinder verantwortlich. Das soll auch so sein, denn beim Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» sollen die Lehrpersonen bloss eingreifen, wenn die Sicherheit oder das Wohlbefinden der Kinder in Gefahr ist. Doch was genau wie gespielt wird, bestimmen die Kinder selbst untereinander.

Selbstverständlich müssen sie sich weiterhin an Anstandsregeln halten und dürfen nicht wahllos alles machen, was ihnen gerade einfällt. Doch vom Tisch auf die Matte springen? Kein Problem. Auf eine Kommode klettern geht jetzt auch.

Mehr Freiraum für geringeres Suchtverhalten

Im Rosswinkel dauert das Projekt noch bis zu den Frühlingsferien – danach kehrt der reguläre Betrieb wieder ein, inklusive Spielsachen und Bastelrunden. Die Kindergartenlehrperson Tanja Merkle nimmt bereits zum zweiten Mal mit einer Gruppe teil und ist von der Wirkung überzeugt. «Die Kinder gehen anders aufeinander zu, entwickeln mehr Eigeninitiative und werden kreativer», erklärt sie. So habe sie sich beim Spielen der Kinder nicht einmischen müssen, denn die Ideen brachten die Kinder selbst.

Das Projekt ist keineswegs neu. Es wird seit Jahren praktiziert und ist Teil des Lehrplans 21. Mit dem Freiraum sollen die Kinder Lebenskompetenzen trainieren, die vor späterem Suchtverhalten schützen können, heisst es von den Stellen für Suchtprävention im Kanton, die das Projekt anbieten.

Sandra Catuogno, Fachmitarbeiterin der Suchtprävention Zürcher Oberland, begleitet den Kindergarten und nennt ein Beispiel: «Was macht man als Erwachsene automatisch, wenn einem langweilig ist? Man zückt das Handy.» Doch die Fähigkeit, sich ohne äussere Reize – wie Handys oder auch Spielsachen – zu beschäftigen, spiele eine wichtige Rolle in der Suchtprävention.

Zwei Frauen stehen im Kindergarten.
Tanja Merkle (links) ist die Kindergartenlehrperson, und Sandra Catuogno ist die Fachmitarbeiterin der Suchtprävention Zürcher Oberland.

«Kinder, die früh lernen, Langeweile auszuhalten und in dieser Situation ihre eigene Phantasie walten zu lassen, entwickeln eine stärkere innere Widerstandskraft», erklärt Catuogno.

Der Wechsel zum spielzeugfreien Kindergarten könne sich auch zu Hause auf das Verhalten der Kinder auswirken. Schliesslich sind sie sich an Spielzeug gewohnt. Dadurch, dass die Kinder im freien Spiel und in ihrer Kreativität gefordert werden, könne dies zu müderen, aber auch diskussionsfreudigeren Kindern daheim führen, betont die Fachexpertin. Aber wie geht es den Eltern mit ihren neuen Anarchistinnen und Anarchisten zu Hause?

Eine Anstrengung, die sich lohnt

Während die Kinder sich vom Spielen nicht abhalten lassen, versammeln sich im Rosswinkel einige der Eltern. Ein paar Mütter und ein Vater wollen ihre Erfahrungen teilen.

«Manchmal sprach ich meinen Sohn direkt an, doch er ignorierte mich. Er liess sich gar nicht auf mich ein», erzählt Asher Fisler. Mütter berichteten von einer «kürzeren Zündschnur» und mehr Aufmüpfigkeit. «Mein Kind wollte alles durchdiskutieren. Ein einfaches Nein reichte nicht mehr. Und ich merkte, wie es plötzlich ganz anders argumentierte», teilt Arlinda Beqiri mit der Elterngruppe.

Dass die Kinder die neuen Grenzen auch zu Hause austesten wollen, sei klar, bestätigen die Lehrperson wie auch die Fachexpertin. Kamen die Eltern dadurch an ihre Grenzen? «Es war definitiv anstrengender», sagt Mutter Filoreta Krasniqi. «Aber dieses Experiment hat sich gelohnt.»

Denn obwohl die Eltern zu Beginn teilweise überfordert waren, würden sie das Projekt weiterempfehlen: Ihre Kinder wurden selbstbewusster, kommunikativer und kontaktfreudiger. «Mein Sohn spielte sogar häufiger und freiwillig mehr mit seiner kleinen Schwester», erzählt ein Mami erfreut.

Nicht nur Kontaktfreude, sondern auch mehr Selbstbewusstsein konnten die Eltern mitverfolgen. «Ich hatte immer etwas Sorge um meine Tochter, denn sie ist sehr zurückhaltend», erzählt Blerina Marovci. Sie hatte Angst, dass ihr Kind von anderen herumgeschubst werden würde, dass sie sich im schlimmsten Fall nicht wehren könnte. Doch durch das Projekt habe sich ihre Tochter verändert. «Sie sagt, was sie will, und noch viel wichtiger, was sie nicht will. Sie steht ganz anders für sich ein, und ich bin extrem froh darüber.»

Die Eltern sind von der neu gewonnenen Autonomie der Kinder überzeugt. Auch die Kindergartenlehrperson findet, dass es sich lohne, loszulassen. «Man gibt ja als Lehrperson die Kontrolle ab und überlässt den Kindern das Feld. Dann beobachten zu dürfen, dass wirklich jedes einzelne Kind auf seine Weise diese Freiheit nutzt und sich weiterentwickelt, empfinde ich als sehr bereichernd», sagt Merkle abschliessend.

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