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Das vergessene Schicksal eines «Titanic»-Opfers aus Uster

Albert Wirz wollte in Amerika ein neues Leben starten – und starb beim Untergang der «Titanic». Vor 113 Jahren sank das Schiff.

Albert Wirz aus Uster verstarb beim Untergang der «Titanic» (Bild von Willy Stöwer). Ein Foto von Wirz gibt es nicht, so zeigen wir hier sein Ticket.

Bild: Willy Stöwer (Wikimedia)/Foto: Günter Bäbler

Das vergessene Schicksal eines «Titanic»-Opfers aus Uster

Albert Wirz

Ein Bauernsohn aus Uster wollte in den Vereinigten Staaten ein neues Leben anfangen – doch er starb beim Untergang der «Titanic». Eine auf ihm gefundene Taschenuhr wirft bis heute Fragen auf.

Albert Wirz ist Leiche Nummer 131. «Geschlecht: männlich, dunkles Haar, heller Schnurrbart, dunkler Anzug, Wollsocken, Schnallenschuhe», steht über ihn geschrieben, als sein Leichnam von der Mannschaft des kanadischen Kabelschiffs «Mackay-Bennett» aus dem Atlantik geborgen wurde. Das war am 24. April 1912.

Neun Tage zuvor, am 15. April, verstarb der Ustermer beim Untergang des Luxusdampfers «Titanic». Wirz, ein Passagier in der dritten Klasse, gehört zu den knapp 1500 Menschen, die bei der Schiffskatastrophe ihr Leben verloren.

Er war zum Zeitpunkt seines Todes 27 Jahre alt – und auf dem Weg nach Beloit im US-Bundesstaat Wisconsin, wo der Bauernsohn ein neues Leben anfangen wollte.

Nach Beloit schaffte es dann aber nur noch der Leichnam von Wirz. Was er noch auf sich trug, unter anderem zwei Uhren, Dokumente, Streichhölzer, seine Brieftasche samt Bahnticket und 36 Cents, wurde seiner Familie in Uster retourniert.

Einen Teil der Hinterlassenschaften übergab Halbschwester Rosa in den 1970er Jahren an die Paul-Kläui-Bibliothek. Heute sind sie Teil des Stadtarchivs Uster. Dieses hat die Uhr, den Reisevertrag und den Heimatschein im Moment für eine Ausstellung in Rosenheim in Oberbayern ausgeliehen. Das Portemonnaie von Wirz ist bereits seit 2021 im Landesmuseum in Zürich ausgestellt.

Günter Bäbler kann sich noch gut erinnern, als er diese Stücke des «Titanic»-Opfers zum ersten Mal vor seinen Augen hatte. «Das muss vermutlich 1989 gewesen sein», sagt er. «Es war auch das erste Mal, dass ich etwas von der ‹Titanic› in meinen Händen hielt.»

Bäbler interessiert sich seit seiner Jugend für das Schiff und gilt heute als einer der anerkanntesten Experten für die Schiffskatastrophe. Er ist Mitbegründer des Titanic-Vereins Schweiz und ist seit 1998 dessen Präsident.

Für Bäbler, der in Wald aufgewachsen ist, war es die geografische Nähe, die ihn zum ersten Gang in die Paul-Kläui-Bibliothek bewog. «Es war ein grosser Zufall, dass ein ‹Titanic›-Opfer aus meiner Nähe kommt.» Das hat seine Neugier, mehr über das Leben von Wirz zu erfahren, geweckt.

Mit dem Arbeitszeugnis im Gepäck

Zurück zu Albert Wirz’ Geschichte: Er kam im Mai 1884 in Buchholz bei Uster zur Welt. Als er fünf Jahre alt war, starb seine Mutter. Sein Vater heiratete erneut – und mit der neuen Stiefmutter Lina Wirz-Maag zog auch deren Schwester Maria Maag in das Haus an der Winikerstrasse ein.

Die Stieftante sollte einen grossen Einfluss auf das Leben von Albert Wirz haben, denn sie entschied sich schon früh, mit ihrem unehelichen Sohn nach Amerika auszuwandern – und zwar nach Beloit in Wisconsin. Laut den Recherchen von Bäbler bat Wirz seine Stieftante bereits 1910, ihm eine Stelle zu suchen. Seine Eltern konnten ihn vorerst umstimmen.

Wirz trat stattdessen eine Stelle als Pferdeknecht in Mosnang an, die er Ende März 1912 aufgab. Nur wenige Tage später, am 8. April, stieg er in Zürich in den Zug Richtung Basel, um sich bei der Auswanderungsagentur Kaiser & Cie. einzufinden. Das Arbeitszeugnis aus Mosnang hatte er im Gepäck dabei.

Von Basel begann die Reise zur Hafenstadt Le Havre in der Normandie, wo die Auswanderungswilligen mit einer Fähre nach Southampton weiterreisten.

Am 10. April bestieg Wirz dort die «Titanic». Mit ihm reiste sein Bekannter Anton Kink aus Zürich, der zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und zwei Geschwistern nach Amerika auswandern wollte. Kink und Wirz waren beide in der gleichen Kabine in der dritten Klasse untergebracht.

Auch in den späten Stunden des 14. April. Kurz vor Mitternacht prallte die «Titanic» im Nordatlantik in einen Eisberg. Anton Kink schaffte es auf ein Rettungsboot, Albert Wirz überlebte die Fahrt nicht. Der Ustermer ist eines von 1496 Opfern der «Titanic» – nur 336 Leichen konnten geborgen werden.

Stellvertretend für etliche Auswanderer

Die Reederei organisierte den Leichentransport nach Beloit, wo Wirz am 12. Mai 1912 beigesetzt wurde. Damals noch ohne Grabstein – diesen konnte sich die Familie der Stieftante nicht leisten. Nach langem Hin und Her erhielt Wirz’ Familie in Uster eine Entschädigung von rund 1650 Franken. Zum Vergleich: Es ist etwa das Fünffache von dem, was Wirz für sein Ticket bezahlt hatte.

Das Ustermer «Titanic»-Opfer erhielt dann doch noch einen Gedenkstein, als Günter Bäbler in den 1990er Jahren das Grab von Wirz ausfindig machte. Er stellte den Kontakt mit der Beloit Historical Society her – und so wurde 1996 der Stein im Rahmen einer Gedenkzeremonie aufs Grab gesetzt.

Für den «Titanic»-Experten Bäbler ist Wirz bis heute ein «Phantom». «Trotz allen Bemühungen habe ich es nicht geschafft, ein Foto von ihm aufzutreiben», sagt er. Noch immer hofft er darauf, dass ihm eines Tages der Zufall in die Hände spielen könnte.

Wirz, der Pferdeknecht aus Uster, steht für Bäbler stellvertretend für eine ganze Gruppe von Auswanderern. «Das waren einfache Leute, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben ihre ganze Familie zurückgelassen haben», sagt er. «Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand zurückkehrte, war in der Regel klein.»

Das Rätsel um die Taschenuhr

Doch Bäbler hat die Vermutung, dass der Ustermer «Titanic»-Passagier die Schweiz doch nicht ganz «zurücklassen» wollte – das hat mit der Taschenuhr zu tun, die er zum Zeitpunkt seines Todes auf sich trug.

«Wir wissen, dass er zwei Uhren dabei hatte», sagt Bäbler. Jedoch schaffte es nur eine Uhr ins Stadtarchiv. «Die zweite wird wohl ein anderes Familienmitglied genommen haben», mutmasst er.

Die erhaltene mechanische Taschenuhr zeigt die Zeit 6.08 Uhr. «Ich habe jahrelang gewerweisst, wieso diese Uhrzeit», sagt Bäbler. «Denn die meisten anderen Uhren von ‹Titanic›-Opfern, die gefunden wurden, zeigen eine Uhrzeit um etwa 2.10 Uhr.»

Eine alte Taschenuhr
Die Taschenuhr zeigt 6.08 Uhr.

Zu dieser Zeit am Morgen sank das Schiff, zahlreiche Passagiere trieben mit ihren Rettungsgürteln im eiskalten Meer. Ihre mechanischen Uhren funktionierten nicht mehr.

Letztes Jahr hatte Bäbler dann auf einmal einen Einfall. «Ich dachte mir: ‹Wieso hatte Wirz zwei Uhren? Eine reichte ja.›»

Er hat die Vermutung, dass die zweite, gefundene Uhr die Zeit in der Schweiz anzeigte. Die vier Stunden Zeitunterschied würden passen. «Ich glaube, Wirz wollte die Zeit aus der Schweiz als ‹Souvenir› mitnehmen, deshalb hat er die Uhr auch immer wieder aufgezogen.»

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