Zu viele Autos in Grüningen: Jetzt wollen die Anwohner Massnahmen
Wegen Baustelle in Gossau
Die Strassensperrung durch die Grossbaustelle in Gossau habe zu spürbar mehr Verkehr im Stedtli von Grüningen geführt, sagen die Bewohner des historischen Dorfkerns. Der Kanton solle nun reagieren, fordern sie.
«Und schon wieder einer», ruft Beat Hofmann und zeigt auf ein Auto, das die scharfe Kurve im Grüninger Stedtli etwas gar eng geschnitten hat. Beim Treffen mit dem Präsidenten der IG Stedtli an einem sonnigen Nachmittag überfahren die Autos und Lastwagen fast im Minutentakt die grellgelbe Linie, die eigentlich zum Schutz der Fussgänger gedacht wäre. Per se sind solche Szenen nicht neu.
Neu ist allerdings, dass der Verkehr durch das Stedtli zuletzt noch einmal zugenommen hat. Die Ursache dafür ist die über zweijährige Totalsperrung der Kantonsstrasse in Gossau. An ihrer Generalversammlung hat die IG Stedtli darum beschlossen, beim Kanton vorstellig zu werden und Massnahmen zu fordern. Das konkrete Vorgehen wird der Vorstand in den kommenden Wochen besprechen.
Schwerverkehr als Belastung
Denn an der engen Kurve im Stedtli kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen. Auch an diesem Nachmittag fahren die Autos nur knapp an einer Frau vorbei, die mit ihrem Kinderwagen unterwegs ist. «Wir wollen nicht warten, bis es einen Unfall gibt», sagt darum IG-Präsident Hofmann. Schliesslich würden im Stedtli auch viele Familien mit kleinen Kindern wohnen.
Neben der generellen Verkehrszunahme sind es vor allem die Lastwagen und Landwirtschaftsfahrzeuge, an denen sich Hofmann stört. Er wohnt selbst zwar nicht direkt an der Strasse, sondern in einem leicht zurückversetzten Haus. «Doch es erzittert jeweils das ganze Stedtli, wenn der Schwerverkehr hindurchrollt.» Dies schade auch der historischen Bausubstanz. Trotz Verbotsschildern habe auch die Anzahl Lastwagen seit der Strassensperrung in Gossau zugenommen.

Die offizielle Umfahrung führt über die A 52 bei Ottikon. «Doch es war klar, dass sich der Verkehr umverteilt», sagt Hofmann. Dies spüre man auch in Itzikon und Binzikon sowie an der Tränkibachstrasse, die manche Autofahrer als Ausweichroute nutzen würden, wenn die Wartezeiten zu den Stosszeiten an den Ampeln vor dem Stedtli besonders gross seien.
Der historische Dorfkern ist durch den Einbahnverkehr auch zu normalen Zeiten ein Nadelöhr. Für Entspannung soll die Umfahrung durch die geplante Calatrava-Brücke sorgen. Die Realisierung dürfte aber noch Jahre dauern. Aktuell wird das Vorprojekt erarbeitet.

In der Zwischenzeit fordert die IG Stedtli jetzt nicht nur eine Temporeduktion von 40 auf 30 Kilometer pro Stunde auf der gesamten Strecke zwischen den Lichtsignalen – also auch auf dem historischen Damm. Sondern sie will für Lastwagen eine Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h, weil langsameres Fahren die Bodenerschütterungen merklich reduziert. Zudem sollen spürbare Bodenmarkierungen den Fussgängerbereich deutlicher von der Strasse abgrenzen.
VZO sind offen für Massnahmen
Bei der Gemeinde hat man von den Begehren der IG Stedtli Kenntnis. Auch sie habe eine deutliche Zunahme des Verkehrs bemerkt, sagt Gemeindepräsident Carlo Wiedmer (SVP). «Grundsätzlich ist jedes Auto, das zusätzlich durchs Stedtli fährt, unerwünscht.»
Der Verkehr staue sich vor allem in den Hauptverkehrszeiten weit über die Stedtli-Grenzen hinaus. «Wir haben Verständnis für den Unmut der Stedtli-Bewohner. Der Mehrverkehr ist eine grosse, zusätzliche Belastung», betont Wiedmer.
Ein entscheidender Parameter sei die Beurteilung der VZO, deren Busse mehrmals in der Stunde durchs Stedtli fahren würden. Bis heute habe der Fahrplan wegen der eingebauten Busbevorzugung noch eingehalten werden können. Käme der Busbetrieb ins Stocken, seien Massnahmen zwingend nötig.

Bei den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland (VZO) gibt man sich auf Anfrage jedoch gelassen. Zwar hätten auch die VZO eine Zunahme des Verkehrsaufkommens festgestellt. Dies zeigt sich insbesondere durch die längeren Rückstaus vor den Ampelanlagen, wie Adrian Suter, Leiter Angebot und Markt, bestätigt. «Trotzdem sind die Anschlüsse derzeit zuverlässig, sodass aktuell keine Massnahmen erforderlich sind.»
Kein Problem für den Busbetrieb würden die geforderten Massnahmen der IG Stedtli darstellen. Die Busse würden sowieso nur mit «moderater Geschwindigkeit» durch die enge Stedtligass rollen. Und im Gegensatz zu baulichen Massahmen seien auch die Bodenmarkierungen unproblematisch.
Baudirektion sieht keine Probleme
Über Massnahmen entscheiden müsste die Baudirektion. Bisher habe kein Austausch mit der IG oder der Gemeinde stattgefunden, schreibt diese auf Anfrage. Ihr seien entsprechend auch noch keine Forderungen bekannt.
«Dass es durch die Sperrung in Gossau auf anderen Strassen während der Stosszeiten zu punktuellem Mehrverkehr kommen kann, lässt sich nicht vermeiden», schreibt die Baudirektion weiter. Allerdings habe sie keine Kenntnis von Problemstellen ausserhalb von Gossau. Da die Kantonsstrasse durch das Stedtli keine offizielle Umleitung sei, würden aber auch keine Verkehrsmessungen durchgeführt.
Massnahmen würde die Baudirektion in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Zürich ergreifen. Entsprechende Bestrebungen gibt es derzeit aber nicht. Die Vorschläge der IG Stedtli betrachtet die Baudirektion als «nicht zielführend». Im Stedtli gelte bereits jetzt Tempo 40. Und die Signalisation der Umleitung sei schon früher angepasst worden.
Die Aussichten auf eine rasche Entlastung stehen für die Anwohner im Grüninger Stedtli und die IG zum jetzigen Zeitpunkt also eher schlecht. Immerhin kündigt die Baudirektion an, dass das Vorprojekt der Calatrava-Brücke voraussichtlich noch in diesem Jahr öffentlich aufgelegt wird. Der langfristigen Entspannung wäre das Stedtli damit zumindest einen kleinen Schritt näher.