Entern erlaubt: Schüler laden zum Piratenspektakel in Schlatt
Theaterproduktion für Schüler
Schlatt ahoi: 25 Fünft- und Sechstklässler proben fieberhaft für ihr Theaterstück. Spannung, Tanzduelle und interaktive Überraschungen erwarten das Publikum.
In der Turnhalle Schlatt ist es stockdunkel. Schwarze Vorhänge mit Totenköpfen vor den Fenstern verbannen das Tageslicht aus dem Raum. Von den Turnringen baumeln Haie, Tintenfische, Schlangen und Papageien aus Plüsch. Ein Scheinwerfer beleuchtet die grosse Bühne: Palmen, Holzfässer, an die Wand gebeamte Strandbilder und mittendrin etwa 20 Piraten. Wir befinden uns gerade bei den Proben des jährlich durchgeführten Schultheaters, das in wenigen Tagen aufgeführt wird.
Der grosse Raum scheint mit Adrenalin gefüllt. Die Gesichter der Kinder glühen vor Eifer und Aufregung. «Schaut eure Konkurrenten noch etwas arroganter an», weist sie Benjamin Flückiger an. Er geht mit den Schülern nochmals die Tanzschritte durch, die sie monatelang geübt haben.
Geduldig, aber beharrlich lässt der selbst theatererfahrene Mittelstufe-Lehrer die jungen Schauspieler die Szene so lange wiederholen, bis sie perfekt sitzt. «Es ist für uns alle eine Herausforderung, wenn die verschiedenen Szenen an einem Stück gespielt werden», erklärt Flückiger.
Er und seine Lehrerkolleginnen Nathalie Fischer und Sabrina Schmäh gehören zum Kernteam der Theatercrew Reutern. Bereits zum achten Mal haben sie mit Fünft- und Sechstklässlern der Primarschule Schlatt ein Theaterstück einstudiert. Die Proben begännen jeweils im Oktober, «aber wir fangen schon etwa ein Jahr vor den Auftritten an, Ideen zu sammeln und das Stück vorzubereiten», so Benjamin Flückiger.


Die Theaterstücke kaufen sie zwar jeweils ein, schreiben sie aber auf die Anzahl Kinder um. Das sei sehr aufwendig, sagt Sabrina Schmäh. «Unser Theater ist immer mehr gewachsen, und wir hatten stets den Anspruch, alles selbst zu machen.»
Für diese Produktion hätten sie jedoch erstmals angefangen, zu delegieren und Hilfe anzunehmen. «Wir dürfen auf ein Riesennetzwerk an Helfern zurückgreifen», freut sich Nathalie Fischer.
Wenn das Theater zum Dorffest wird
Längst sind die Aufführungen kein Geheimtipp mehr. «Wir brauchen jeweils jeden Stuhl, den wir in Schlatt auftreiben können», erzählt Oliver Fischer lachend. Der Ehemann von Nathalie Fischer ist für die Beleuchtung und die Spezialeffekte zuständig. Von denen es nicht wenige gibt. «Es wird langsam schwierig, unser selbst hoch gesetztes Niveau zu halten», räumt Benjamin Flückiger ein.

Im diesjährigen Stück «Die Jagd nach dem Piratenthron» sucht die erfahrene Piratin Erna einen Nachfolger für ihren Anführerposten. Doch wer hat das Zeug dazu? Zur Auswahl stehen der traditionsbewusste Halvan und die unkonventionelle Sally. Die beiden müssen sich mit ihren Crews in Prüfungen beweisen. Die Dance Battle, die wir in den Proben mitverfolgen können, gehört zweifelsfrei zu den Highlights der Aufführung.
Doch – Achtung, Spoileralarm – schliesslich entscheidet das Publikum über den besseren Kandidaten. «Dass wir in diesem Jahr interaktiver sind mit den Zuschauern, ist eine von mehreren Überraschungen», verrät Oliver Fischer.
Die Jungdarsteller im Fokus
Die Probe kommt indes zu einem lautstarken Ende, die Schüler werden in die Mittagspause entlassen. Innert Sekunden ist die Bühne leer, es wird still in der Turnhalle. Doch bevor die Kinder nach Hause gehen, stellen sie sich geduldig in eine Reihe, um bereitwillig Interviews zu geben – früh übt sich eben.
Yana hat in der abtretenden Piratenchefin Erna ihre Traumrolle gefunden. «Ihre selbstbewusste Art passt gut zu mir», erzählt sie. «Ich stehe gerne auf der Bühne, und das Textlernen fiel mir leicht, genauso wie mir Vorträge keine Mühe bereiten.»
Auch Nicolas fühlt sich wohl vor Publikum und kann sich gut mit seiner Rolle als Chefanwärter Halvan identifizieren: «Ich teile seine ehrgeizige und mutige Art.»
Jael spielt seine Konkurrentin, die rebellische Piratin Sally. Das Üben der Texte habe ihr Spass gemacht, «wenn es am Anfang auch etwas schwierig war, weil ich eine viel grössere Rolle habe als letztes Jahr».


Nico spielt den frechen Monkey. Zwar hätte er sich auch eine grössere Rolle zugetraut, «es fühlt sich aber gut an, als Gruppe auf der Bühne zu zeigen, was man kann».
Selina war sich zunächst unsicher, ob sie mitspielen will. Das Theaterprojekt wird in einem Freizeitkurs angeboten, ist also freiwillig. Selina bereut es aber nicht, dass sie sich von ihren Freundinnen überreden liess, mitzumachen. «Es ist lustig, einmal einen Mann zu spielen», sagt sie und schmunzelt. Denn sie spielt Nudelholz Berta, die sich vorübergehend in den männlichen Bert verwandelt. Genauso wie Caylee, die Johanna alias Joe spielt.
Teilnahme musste eingeschränkt werden
Elin ist als eine von wenigen bereits zum dritten Mal dabei. «Das Theaterprojekt ist so beliebt bei den Schülern, dass wir es irgendwann auf die Fünft- und Sechstklässler begrenzen mussten», erklärt Nathalie Fischer. «Sonst hätten wir einfach zu viele Schauspieler gehabt.» Elin spielt Sturmhaar Helene. «Ich finde es schwierig, dass man so laut und deutlich sprechen muss und dabei niemanden direkt ansehen, sondern ins Publikum reden soll.»
Nora, Olivia und Alena, die schon «mega aufgeregt» sind, spielen jeweils drei Rollen: Trolle, Sirenen und Markthändlerinnen. «Es ist schwierig, in jeder Rolle anders zu tönen», erklärt Olivia. Alena gefallen besonders «die Langsamkeit und die Eleganz, die ich als Sirene spielen muss.» Neben dem Turnen sei Theaterspielen ihre zweitgrösste Stärke, sagt sie und vollführt einen perfekten Handstand.
Auch Lionel scheint an seiner Rolle als Teatime Tim grossen Gefallen zu finden. «Ich finde es cool, dass ich einen englischen Akzent und eine Teetasse in der Hand habe», erzählt er begeistert. Die steifen Bewegungen mit geradem Rücken seien allerdings etwas anstrengend. «Darum gefallen mir die Tanzeinlagen, da kann ich wieder Energie loswerden.»

Noch stolpert man auf dem Boden über Requisiten und Leitern – doch bald werden alle Stühle Schlatts die Turnhalle füllen. Spätestens, wenn sich die Holzbühne am Schluss in einen Dancefloor verwandelt, wird ohnehin niemand mehr stillsitzen wollen.
Theater «Die Jagd nach dem Piratenthron», öffentliche Aufführungen in der Turnhalle Schlatt vom 10. bis 12. April. Donnerstag ab 18 Uhr, Freitag und Samstag jeweils ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.
