Die geheimnisvollen Stollen im Aatal
Tunnel sicherte Profit
Vor über 150 Jahren ist im Aatal gebohrt worden. Die Arbeiten versprachen eine blühende Zukunft.
Wer mit dem Zug durchs Aatal rollt, wird sie schon gesehen haben: Zwei Stolleneingänge führen auf der Seite des Seegräbner Ortsteils Sack in den Hang. Der mit einem Torbogen geschmückte Zugang endet schon nach der ersten Biegung vor einer grossen, stählernen Tür.
Das zweite Loch ist etwas weniger gut einsehbar und erinnert trotz Graffiti mehr an den Zugang zu einem Bunker. Wer sich ins Dunkel vorwagt, wird zuerst entlang von Betonwänden geführt, ehe diese in Nagelfluh übergehen. Doch nach rund 15 Metern ist auch hier Schluss: Eine Stahltür verhindert das Weitergehen.




Die beiden Zugänge in die Unterwelt dienen aber weder einem militärischen Zweck, noch wurde dort nach Edelmetallen geschürft. Gleichwohl war das, was hinter den Türen zu finden ist, ein begehrter Rohstoff, der für die regionale Wirtschaft essenziell war: Wasser. Dieses wurde benötigt, um die Energie für Textilmaschinen zu gewinnen.
Der Millionenbach
Vor 150 Jahren war das Oberland eine der am stärksten industrialisierten Regionen Europas. Und die Textilindustrie wurde zum grossen Arbeitgeber und versprach den Spinnerei- und Webereibesitzern hohe Profite. Der Aabach, an dessen Lauf sich 15 Spinnereien ansiedelten, wurde zum Millionenbach.
Die zwei kurzen Stolleneingänge wurden aber nur zur Kontrolle angelegt. Sie führen zu zwei unterirdischen Kanälen von 294 und 598 Metern Länge. Erstellt wurden diese rund zwei Meter hohen Stollen 1856/1857. Sie bringen das beim Sauriermuseum vom Aabach abgezweigte Wasser zum Wasserschloss oberhalb der ehemaligen Baumwollspinnerei Trümpler. Von dort stürzt das Wasser 19 Meter hinunter in eine Turbine.
Bedarf von 350 Haushalten
Einer, der die Stollen bestens kennt, ist der Elektroingenieur Romeo Comino. Er gehört der Geschäftsleitung der Energie Uster AG an und ist dort für die Netze verantwortlich – und damit auch für die Wasserkanäle. Denn im Jahr 1996 übernahm die Ustermer Energiedienstleisterin das Wasserkraftwerk auf dem Trümpler-Areal.
Versprach der Betrieb des Kraftwerks einst das grosse Geld, «erfolgt die Energieproduktion heute aus ideellen Gründen», meint Comino. Mit einer Jahresproduktion von 1,4 Millionen Kilowattstunden ist es immerhin das weitaus grösste Kleinkraftwerk entlang dem Aabach. Es deckt den Energiebedarf von rund 350 Haushalten.
Oder ein anderer Vergleich: Gesamthaft werden rund 8,2 Prozent (10,5 Gigwattstunden) des Stromverbrauchs im Versorgungsgebiet der Energie Uster AG durch lokale Kraftwerke abgedeckt. Rund 10 Prozent davon stammen aus den Wasserkraftwerken am Aabach. Der grosse Rest wird von rund 700 Solaranlagen produziert.
Rund 800 bis 900 Kunden sind laut Philippe Joss auch bereit, gegen einen kleinen Aufpreis Aabach-Strom zu unterstützen. Er zeichnet bei der Energie Uster AG für den Vertrieb Energie/Wasser verantwortlich. «Das ist für diese Kunden und für uns ein Beitrag an eine ökologische Energieversorgung.»
Die «Aabach-Ferien»
Dazu gehört auch, dass der Betrieb dieser ganzen Anlage – der gesamte Kanal mit den beiden Stollen und den offenen Passagen ist rund 2,5 Kilometer lang – vergleichsweise aufwendig ist. Verschiedene Rechen müssen das Laub und Gehölz einsammeln, das in den Kanal fällt. Und weil trotz den Rechen Material durchdringt und liegen bleibt, wird die ganze Anlage einmal pro Jahr für zwei Wochen stillgelegt, um sie komplett zu reinigen. Das ist die Zeit der «Aabach-Ferien».






Bevor das Wasser um- und abgeleitet wird, wird der Kanal jeweils leer gefischt. Die Tiere werden danach wieder eingesetzt. Nur während dieser 14 Tage im Juli ist es überhaupt möglich, durch die Stollen zu gehen. Ansonsten sind sie meist bis oben mit Wasser gefüllt.
Wichtiges Anschauungsobjekt
«Wir haben hier ein richtiges Bijou», schwärmt Romeo Comino. Und er meint damit nicht nur das Kanalsystem oder gar den idyllisch gelegenen, schon 1825 erstellten Fabrikweiher samt Wasserfall, Badehaus und Pedalo. Sondern ebenso das 2001 letztmals erneuerte Turbinenhaus auf dem Trümpler-Areal.
Während damals die Anlage für drei Millionen Franken mit einer Diagonalturbine auf eine ökologische Stromerzeugung umgestellt wurde, wurden während der beiden Weltkriege die Turbinen modernisiert, um in Zeiten von Energienot mehr Leistung zu erhalten. 1918 wurde eine Francis-Turbine installiert, 1939 dann eine schiffsschraubenähnliche Kaplanturbine von Bell in Kriens. Die Diagonalturbine verrichtet noch heute zuverlässig ihren Dienst. (Über den Stand der Sanierung der anderen Aabach-Kraftwerke ist hier mehr zu lesen.)



Dieses Zeitzeugnis präsentiert die Energie Uster AG immer wieder Schulen sowie am Ferienplausch. «Die ganze Anlage ist ein gutes Anschauungsbeispiel, um zu demonstrieren, wie ein Wasserkraftwerk funktioniert», sagt der Ingenieur, der schon zahlreiche viel grössere Wasserkraftwerke erneuert hat.
Die Bahn verdrängte den Kanal
Die historische Kanalanlage, die einen grossen Fortschritt in der Energieproduktion brachte, wäre übrigens kaum erstellt worden ohne den Druck durch einen anderen Fortschrittstreiber. Als in den 1850er Jahren die Bahnlinie durchs Aatal gezogen wurde, verdrängte sie den damals parallel zum Aabach verlaufenden Wasserkanal. So musste dieser in den Berghang verlegt werden.

Somit sorgte der Zug für die geheimnisvollen Stolleneingänge, die noch heute von ihm aus entdeckt werden können. Mindestens so lange, bis das Frühlingsgrün die Sicht wieder verwehrt.
