Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

«Wenn Gemeindezeitungen Journalismus imitieren, wird es gefährlich»

Die «Maurmer Post» wollte als unabhängige, journalistische Zeitung agieren. Damit ist Schluss. Der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss ordnet den Fall ein.

Medienexperte Vinzenz Wyss sagt: «Für das, was die Gemeinden wollen, braucht es keine Zeitung.»

Foto: Manuel Bauer

«Wenn Gemeindezeitungen Journalismus imitieren, wird es gefährlich»

Medienexperte zum Fall «Maurmer Post»

Die «Maurmer Post» wollte als unabhängige, journalistische Zeitung agieren. Damit ist Schluss. Der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss ordnet den Fall ein.

Was kann und darf eine Gemeindezeitung? Wie unabhängig ist eine solche Publikation? Und was sind ihre Aufgaben?

Das sind Fragen, die die Gemeinde Maur schon seit längerer Zeit beschäftigen. Mit der «Maurmer Post» verfügt die Gemeinde über ein in der Bevölkerung stark verankertes Lokalblatt mit einer eigenständigen Redaktion.

Lange Vorgeschichte

Der Versuch, die Unabhängigkeit dieser zu stärken, scheiterte vor zwei Jahren. Damals lehnte die Gemeindeversammlung eine Privatisierung der «Maurmer Post» deutlich ab. Für Schlagzeilen weit über die Gemeinde hinaus führte allerdings erst die Berichterstattung zu einem tragischen Tötungsdelikt. Auf erhobene schwere Vorwürfe konnte die Gemeinde keine Stellung nehmen. Die vom Schweizer Presserat festgehaltene Richtlinie zur Anhörung wurde nicht eingehalten.

Man sieht die Frontseite einer Zeitung.
Ein Artikel in der «Maurmer Post» löste eine Schlammschlacht aus. Der Gemeinderat war danach gefordert.

Was folgt sind die Absetzung der Redaktionskommission durch den Gemeinderat, der nun selbst die Aufsicht übernimmt, Aufsichtsbeschwerden beim Bezirksrat Uster und eine Stellungnahme des Gemeindeamts des Kantons Zürich. Es hält fest: Eine Gemeinde sollte keine «investigative Zeitung herausgeben, die kritisch über die Vorgänge in der Gemeinde und über die Gemeindebehörden berichtet». Zudem könnten «Journalisten, die investigativ über die Gemeinde und die Gemeindebehörden berichten, nicht Angestellte der Gemeinde sein».

Ende Februar teilt der Maurmer Gemeinderat deshalb nach einer Überprüfung der Strukturen mit: Die «Maurmer Post» wird zur reinen Gemeindepublikation, mit Forumscharakter. Meinungsbildende Artikel zu politischen Geschäften werden nicht mehr erscheinen. Seine Aufsicht gibt der Gemeinderat ab und schreibt die Besetzung der fünfköpfigen Kommission neu aus.

Experte plädiert für Behördenkommunikation

Ende gut, alles gut? Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der ZHAW, ordnet den Fall ein und erklärt, warum die Entscheidung der Maurmer Exekutive nicht unbedingt als eine Stärkung für unabhängigen Journalismus gedeutet werden kann.

Herr Wyss, wieso gibt es in Gemeinden wie in Maur den Wunsch, selbst journalistisch tätig sein zu können?

Vinzenz Wyss: Die Gemeinden sind enttäuscht, weil sie merken, dass sich viele Verlage aus Ressourcengründen aus dem Lokalen zurückziehen. Es gibt bei vielen Medienhäusern keine finanziellen Mittel mehr, jedes Dorf, jede Stadt in den Mittelpunkt zu rücken. Also wollen es Gemeinden selbst in die Hand nehmen, allenfalls auch, um mehr Kontrolle über die Berichterstattung zu haben, was sicherlich ein unschöner Aspekt ist. Es gibt die Angst vor negativen Enthüllungen. Dabei ist doch genau das die Aufgabe von unabhängigem Journalismus. Das, was die Gemeinden eigentlich wollen, dafür braucht es keine Zeitung.

Was wollen denn die Gemeinden?

Sie wollen ihre Bevölkerung informieren. Und für Informationen gibt es Gemeindewebsites, Newsletter. Eine Gemeindepublikation wäre auch viel ehrlicher als eine Zeitung. Es existiert allerdings diese Idealvorstellung, dass aus einer unabhängigen Perspektive das politische und gesellschaftliche Geschehen beobachtet, kritisiert werden soll, damit glaubwürdige Beiträge für die Demokratie geliefert werden können.

Sie sprechen von Idealvorstellung. Die Realität sieht also anders aus?

Das muss man leider so feststellen. Denn wie das Beispiel Maur zeigt, agierte die Gemeindezeitung nicht unabhängig. Das ist bei direkten Finanzierungsmodellen aus Steuergeldern schwierig. Gemeinden wollen aber, das belegt auch eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz, immer mehr in eigene, gedruckte Publikationen investieren.

Und gehen damit entgegen dem Trend, den Zeitungsverlage immer mehr spüren: Print ist ein aussterbendes Produkt. Warum schwimmen Gemeinden gegen den Strom?

Wir leben in einer Zeit, in der fast alles online zugänglich ist. Die Beachtung von Gemeindewebsites ist allerdings gering, die Hürde, sich als Bürgerin und Bürger selbständig aktiv zu informieren, ist hoch: Das Handy suchen, URL eingeben, scrollen, das kostet Überwindung. Da ist ein Printprodukt fast schon wieder innovativ. Es liegt einfach im Briefkasten, auf dem Küchentisch, wenn ich es wegwerfen will, muss ich es in die Hand nehmen, schaue dabei aber vielleicht noch rein. Und, das ist nun wieder ein gefährlicher Aspekt, durch diese professionelle Aufmachung kann es «echten» Journalismus imitieren.

Was genau ist die Gefahr?

Beiträge ohne Kontext, ohne Einordnung oder ohne Gegenstimme sehen in ihrer professionellen Erscheinungsform wie journalistische Inhalte aus, sind es aber nicht. Sie sind eine Camouflage. Nicht mehr von Redaktionen geprüfte Inhalte könnten auf einmal die Bevölkerung ohne Einordnung oder Kontextualisierungen erreichen und die Meinungsbildung beeinflussen. Und widersprechen der journalistischen Rolle des kritischen Beobachters in der Demokratie.

Und wie gross schätzen Sie die Bedrohung ein, dass durch Imitation von Journalismus Gemeindeblätter plötzlich von Interessengruppen ausgenutzt und als Verbreitung ihres Gedankenguts nutzen könnten?

Das ist eine äusserst spannende Frage. Wenn die Vielfalt von Perspektiven, Deutungen und Kontextualisierungen, also all die Dinge wegfallen, die Journalismus auszeichnen, aus verschiedenen Perspektiven eine Medienrealität entstehen zu lassen, dann erachte ich das durchaus auch als gefährlich. Ein Einfallstor für interessensgesteuerte Kommunikation würde geöffnet. Man stelle sich kaum professionell aufgestellte Redaktionen hinter einer Gemeindezeitung vor, die keine Abwägungen mehr treffen, was Propaganda ist und was nicht. Deshalb plädiere ich umso mehr für eine reine Behördenkommunikation. Eingesandte, also Meldungen von Vereinen, hätten dann zwar keinen Platz mehr, aber die Stossrichtung der Kommunikation wäre dafür klar. Schuster bleib bei deinen Leisten.

Weg mit dem Trugbild des Journalismus, hin zu reiner Publikation. Ist das nicht die Chance für Lokalmedien, der Bevölkerung ihren Sinn und Zweck wieder aufzuzeigen und gegen schwindende Abo-Zahlen zu kämpfen?

Es gibt definitiv ein Vakuum, das publizistisch gefüllt werden muss. Dadurch bietet sich aber auch die Chance für neue Akteure und neue Formate, wie es sie schon in St. Gallen gibt. Dort betreiben ehemalige Mitarbeitende der eingestellten Newsplattform FM1Today einen Social-Media-Account, allerdings unbezahlt. Damit bleibt die Frage: Woher nimmt man die finanziellen Ressourcen?

Das Schweizer Stimmvolk hat vor drei Jahren an der Urne ein Massnahmenpaket abgelehnt, mit dem Zeitungen, Lokalradios und Regionalfernsehen sowie Online-Medien gefördert werden sollten.

Ein mögliches Finanzierungsmodell wäre, dass die Bevölkerung und weitere Finanzierungspartner in eigens dafür vorgesehene Stiftungen einzahlen würden. Stiftungen agieren unabhängig und könnten dadurch als Geldgeber hinter neuen journalistischen Formaten stehen.

Zur Person

Vinzenz Wyss (59) ist ein Schweizer Medien- und Kommunikationswissenschaftler sowie seit 2003 Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Er arbeitet im Schwerpunkt Journalismustheorie, journalistische Qualität und Qualitätssicherung, Medienethik und Medienkritik.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns