Wie das Balkonkistchen zum Sprungbrett für die Natur wird
Biodiversität im Siedlungsraum
Die Stadt Illnau-Effretikon ruft dazu auf, Balkone und Terrassen zu begrünen. Die kleinen Oasen bieten Lebensraum für die heimische Tierwelt – und sie funktionieren als natürliche Klimaanlagen.
Drei, vier Töpfe mit Wildblumen für die Bienen, etwas Totholz als Rückzugsort für Käfer oder eine Wasserschale für die Vögel: «Nur schon ein Fenstersims kann einen wertvollen Beitrag für mehr Natur im Quartier leisten», sagt der Umweltwissenschaftler Marc Weiss. Mit der Verdichtung von Ortschaften schwinde der Raum für einheimische Tiere und Pflanzen.
Das sei nicht nur aus ökologischer Sicht problematisch. «Versiegelte Flächen können im Sommer zu wahren Hitzeinseln werden. Und das schlägt sich dann auch auf das Wohlbefinden von uns Menschen nieder.»
Marc Weiss leitet den Bereich Naturschutz der Stadt Illnau-Effretikon. Er hat einen Flyer mitkonzipiert, der in diesen Tagen in alle Haushalte von Illnau-Effretikon und Lindau verschickt wird. Unter dem Titel «Meine Naturoase» rufen die beiden Gemeinden die Einwohnerinnen und Einwohner dazu auf, ihre Balkone und Terrassen zu begrünen.
Der Aufruf ist Bestandteil einer auf vier Jahre angelegten Informationskampagne zum Thema «Biodiversität im Siedlungsgebiet». Deren Startschuss fiel 2022 mit dem Thema «Invasive Neophyten». 2023 folgte eine Aktion gegen sterile Rasenflächen im Gemeindegebiet, im letzten Jahr standen dann die «tierisch guten Nachbarn» im Mittelpunkt.
Vernetzung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen
«Begrünte Balkone und Terrassen sind natürliche Klimaanlagen», erklärt Marc Weiss. «Die Pflanzen spenden Schatten, und sie verdunsten Wasser, was die Umgebungstemperatur merklich senkt.» Daneben würden sie auch Nahrungsquelle und Lebensraum für die Tierwelt bieten.

Die Minioasen seien aber noch aus einem anderen Grund für die Biodiversität wichtig. In dicht überbauten Gebieten sorgen sie als sogenannte Trittsteine für die Vernetzung von Lebensräumen. So verbinden sie beispielsweise Parks und Gärten miteinander. «Dadurch können Tierarten mit einer begrenzten Reichweite in neue Gebiete vorstossen oder alte zurückerobern.»
Für jeden Standort die richtige Pflanze
Die Verwendung von einheimischen Pflanzen sei besonders wertvoll, da diese Nektar und Pollen für Bestäuber wie Bienen oder Hummeln lieferten. Ihre Samen verbreiten sich mit dem Wind oder durch Vögel, was die Vielfalt der Flora in der Umgebung fördert. Zudem sind sie an das hiesige Klima angepasst und winterhart.
Für sonnige Plätzchen bieten sich beispielsweise Wiesensalbei, Kartäusernelke oder Margerite an. Efeu, Kleines Immergrün und Wurmfarn mögen es lieber schattig. Feldthymian, Wegwarte, Hauswurz und Wundklee wiederum sind die ideale Wahl für trockene Standorte.
Wer lieber einen kleinen Naschgarten anlegen will, kann auf Küchenkräuter, Salate, Tomaten oder Walderdbeeren zurückgreifen. Selbst Johannisbeeren lassen sich auf dem Balkon ziehen. Die Blüten von Thymian, Dill und Schnittlauch fänden übrigens auch bei den Insekten Gefallen, sagt Marc Weiss. «Und essbare Wildpflanzen wie Gänseblümchen, Gundelrebe oder Wilde Malve bringen Abwechslung auf unsere Teller.»

Wer sich jetzt fragt, ob vor lauter Pflanzen überhaupt noch Platz für den Liegestuhl bleibt, dem empfiehlt er das sogenannte Vertical Gardening. Bei diesem wird mithilfe von Pflanzregalen, Hängeampeln oder auch Klettervorrichtungen in die Höhe gegärtnert. «Im besten Fall kann man gleich noch einen Nistkasten oder ein Insektenhotel am Klettergerüst befestigen.»
