Wirtepaar der «Buurestube» auf der Dachsegg geht in Rente
Nach über einem Vierteljahrhundert
Hochzeiten, Traktorentreffen, Einachserrennen: Auf der Dachsegg bei Wald fanden während der letzten zwei Jahrzehnte unzählige Feste statt. Jetzt hört das Wirtepaar auf.
«Ihr macht das keine zwei Jahre, nur schon wegen der Schlaglöcher auf der Zufahrtsstrasse kommen zu wenig Gäste», wurde dem Ehepaar Dietrich, das die «Buurestube» auf der Dachsegg über knapp 26 Jahre betrieb, 1999 noch zugetragen. Die eben erwähnte Anzahl an Jahren ist Beweis dafür, dass man nicht auf andere, sondern auf das eigene Bauchgefühl vertrauen sollte.
«Es war eine wunderschöne Zeit, aber irgendwann mögen auch wir nicht mehr», sagt Brigitte Dietrich, die eigentlich bereits seit vier Jahren pensioniert ist. Sie sei erleichtert, die Verantwortung für die als Ausflugsziel äusserst beliebte Gaststätte am kommenden Sonntag abzugeben.



Ihr Mann Willy Dietrich lässt sich überraschen. Der nebenbei als Landwirt tätige Wirt wird wohl ohnehin keinen Tag völlig ruhig sitzen bleiben können. Grosse Pläne für danach hegen sie beide allerdings nicht. Zunächst gilt es schlicht, sich auszuruhen und die ereignisreichen Jahre nochmals Revue passieren zu lassen. Und mit der Räumung des Lokals steht noch eine eher anstrengende Aufgabe an.
Während sich die beiden danach auf eine Zeit ohne die bisherigen Verpflichtungen freuen, sind vor allem die Stammgäste enttäuscht. Diese werden am Sonntag zum letzten Mal von den Dietrichs verköstigt.

Sie können und wollen sich die «Buurestube» ohne das Ehepaar noch nicht so richtig vorstellen. «Alles geht einmal zu Ende, wenn in diesem Fall auch nicht ganz», betont Brigitte Dietrich. Ab dem kommenden Herbst übernehmen wohl die Eltern ihrer Schwiegertochter das Zepter und erarbeiten ein neues Restaurantkonzept.
«Genaue Details gibt es allerdings noch keine zu verkünden.» Auf alle Fälle seien sie keine unerfahrenen Gastronomen. Wo sie bis anhin wirteten, lassen wir an dieser Stelle noch offen. Schliesslich ist noch nichts offiziell.
Vom Wohnzimmer zur Gaststätte
Willy Dietrich wohnt schon seit eh und je auf der Dachsegg. Für Familienfeste ist es ein idealer Ort, Lärmklagen sind hier oben in der Abgeschiedenheit rund um das «letzte» Haus der Gemeinde Wald vor der Grenze zu Rüti keine zu befürchten. «Irgendwann fragten wir uns, wieso wir keine Beiz haben.»
So kam es zu einer Schnellbleiche, die Dietrichs nennen es «eine gelungene Kurzschlusshandlung»: Innert vier Monaten bauten sie ihr einstiges Wohnzimmer zu einer kleinen Gaststätte mit 40 Plätzen um. Im Herbst 1998 regelten sie die nötigen Formalitäten, im Juli 1999 fand die Eröffnung statt. Während all der Jahre verfügten sie weder über einen Koch noch über Servicepersonal – und das bis heute.

Einzig an den grossen Festen griffen ihnen freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Region unter die Arme. Bis zu 50 an der Zahl seien es manchmal gewesen. «Ohne unsere Verbindungen zu den Turnvereinen, Guggen oder der Harmoniemusik aus Wald hätten wir nie auf so viel Hilfe zählen können», sagt Willy Dietrich.
Löhne mussten sie keine ausbezahlen, ein Helferessen und ein Schlafplatz in einem Zelt reichten aus. «Wir waren eine Gemeinschaft, wie sie sich heute kaum mehr so leicht finden lässt.»
Für ihre Rösti und den Fondueplausch war die «Buurestube» sogar über die Kantonsgrenze hinaus bekannt. «Da wir uns von Beginn an als Ausflugsrestaurant deklarierten, kamen schon bald Gäste aus Eschenbach, Rapperswil, aber auch aus den Kantonen Schwyz und Glarus zu uns», blickt Willy Dietrich zurück.
Auch Leute vom anderen Ufer des Zürichsees nahmen den Weg auf sich. «Vor allem bei Töff- und Velofahrern sowie Wandergruppen waren wir beliebt», sagt Brigitte Dietrich.
Einachser, Traktoren und Hochzeiten
Nicht dass die Dietrichs den «Normalbetrieb» vernachlässigt hätten. Aber ihr Herzblut steckten sie vordringlich in die Grossanlässe auf der Dachsegg. Dazu zählten speziell die Einachserrennen und die Traktorentreffs. «An gewissen Sonntagen war die halbe Schweiz vor Ort, 300 Gäste und über 100 Traktoren», schwärmt Willy Dietrich.


Die Einachserrennen seien auch bei kaum vorstellbaren Witterungsbedingungen über die Bühne gegangen. «Die Mengen an Schlamm waren schon gewaltig, eine regelrechte Schlammschlacht», schmunzelt Brigitte Dietrich. Weitere Höhepunkte waren unzählige Hochzeiten.
«Einmal fand gar die Zeremonie hier vor Ort in unserer Scheune statt. Als Altar diente ein Heuballen», erinnert sich der Landwirt und Wirt. An solchen privaten Festen hatten sich gut und gerne 140 Personen in der Scheune eingefunden.
Mehr Service gibt es kaum
Das Engagement der Dietrichs werden demnach unzählige Gäste über die Region hinaus missen. In der «Buurestube» wurde man nämlich nicht nur verpflegt, sondern bei Bedarf von Willy Dietrich mit einem Shuttlebus bis zurück ins Tal gebracht.
Manchmal fuhr er auch bis nach Zürich, um seine Gäste nach Hause zu bringen. Ab und an kam er erst gegen fünf Uhr in der Früh zurück. Zu diesen Zeiten warteten bereits seine Kühe im Stall auf ihn. «Im Winter hatte ich auch öfters die Strasse zu pflügen, was bedeutete, dass einige Gäste länger sitzen blieben und so noch etwas mehr konsumierten.» Den Geschäftssinn kann man dem baldigen Rentner nicht absprechen.

Auch wenn am Sonntag das Ende der «Buurestube» unter der Ägide der Dietrichs bevorsteht – ganz wird das Ehepaar der Dachsegg nicht abhandenkommen. Ihr Sohn wohnt mit seiner Familie gleich im Haus nebenan. Sie bleiben also nach wie vor in Reichweite. Offiziell verabschieden sich die Dietrichs mit folgenden Worten: «Wir danken Euch herzlich für Eure Treue und die vielen Momente. Es war uns eine Freude, Euch bewirten zu dürfen.»
Am Samstag, 5. April, findet auf der Dachsegg ab 9 Uhr ein kleiner Flohmarkt statt. Das Wirtepaar verkauft seine Küchenmaschinen, Geschirr und überhaupt so ziemlich alles vom Restaurantinventar. Für alle sei etwas mit dabei.
