Der neue Museumsleiter setzt auf erweiterte Realität
Generationenwechsel im Schloss Kyburg
Seit Anfang Jahr hält Benjamin Hitz in der Kyburg das Zepter in der Hand. Der Historiker hat bereits Ideen, wie er Besucher anlocken will. Seine Kinder auch.
Benjamin Hitz hebt warnend die Stimme: «Achtung, Kopf, die Treppe ist nichts für heutige Masse!» Der Weg ins Büro des neuen Museumsleiters der Kyburg führt über eine enge Stiege und drei Etagen bis unters Dach des Willenturms. Neben einem zartblauen Kachelofen drängen sich zwei Schreibtische, an den holzverkleideten Wänden hängen Darstellungen des Schlosses aus verschiedenen Epochen.
«In der Kammer schliefen einst die Mägde», erklärt er. Leider sei der Kachelofen nicht mehr in Betrieb, und die Wärmeleistung der modernen Erdsonde im Ökonomieteil der Burg reiche nur knapp. Er zuckt mit der Schulter. «In einem über 1000 Jahre alten Gemäuer kann es im Winter grimmig kalt sein, das habe ich schon lernen müssen.»
Mit dem Velo zur Arbeit
Über ein Vierteljahrhundert leitete Ueli Stauffacher die Geschicke des Schlossmuseums, seit dem 1. Januar hat nun Benjamin Hitz das Zepter in der Hand. Der 45-jährige Historiker stammt aus Nidwalden, lebt aber schon seit einigen Jahren mit seiner Frau und den drei Kindern in Winterthur. Zuletzt war er an der Universität Basel als Privatdozent für die Geschichte des Mittelalters und wissenschaftlicher Projektmitarbeiter tätig.
«Ich bin zwar nicht der klassische Akademiker im Elfenbeinturm und habe auch schon ehrenamtlich Ausstellungen realisiert», sagt er, «ein Museum zu leiten, ist aber schon noch mal eine andere Challenge.» Am neuen Job reize ihn die Bandbreite der Aufgaben: vom Gestalten der Sonderausstellungen über inhaltliche Recherchen, von der Personalführung bis hin zur Vermarktung. Dazu könne er nun jeden Morgen statt in den Zug nach Basel aufs Velo steigen, fügt er mit einem Augenzwinkern an. «Die Strasse von Sennhof rauf nach Kyburg eignet sich super fürs Intervalltraining.»

Von seinem Vorgänger wurde Benjamin Hitz im letzten November und Dezember tageweise eingeführt. Dank dem Museumsteam von rund 15 Personen, das seit vielen Jahren zusammenarbeite, laufe der Karren aber grundsätzlich. Trotzdem sei er froh, noch eine Gnadenfrist bis zum Saisonstart am 1. April zu haben. «Die Kyburg ist ein sehr kompliziertes Gebäude, da sie immer wieder umgebaut wurde», sagt er. «Ich darf gar nicht zählen, wie oft ich mich schon verlaufen habe.»
Angebote für Gymnasien und Private
Die Umbauten über die Jahrhunderte für die Besucher nachvollziehbar zu machen, steht ganz oben auf der Wunschliste des neuen Museumsleiters. Geschehen soll das mithilfe von «Augmented Reality», einer Technologie, bei der digitale Objekte in einen bestehenden, «echten» Raum projiziert werden. «Wenn wir für die Umsetzung Studierende des Fachs Digital Humanities gewinnen könnten, bräuchten wir im Prinzip nur noch ein stabiles WLAN», erklärt er.
Ein weiteres Ziel ist das verstärkte Einbinden von Schulen. Als Ergänzung der bestehenden Angebote für Primarschulklassen schweben Benjamin Hitz Projekte für Gymnasien oder auch Berufsschulen vor. «Da ginge es dann weniger um Ritter als vielmehr um Polit- oder auch Verwaltungsgeschichte während der Landvogtzeit.»
Und nicht zuletzt will er die Kyburg vermehrt auch für private Anlässe öffnen. Gerade abends entwickle die Burg ihren ganz besonderen Charme. Mit einer einfachen Schlüsselübergabe an die künftigen Mieterinnen und Mieter sei es bei so einem gewichtigen Baudenkmal aber logischerweise nicht getan: «Die von meinen Kindern vorgeschlagenen Paintballschlachten wären sicherlich cool, aber vielleicht doch nicht ganz so praktikabel.»
Sonderausstellung zum Thema Herrschaftssitze
Ab dem 1. April ist das Burgmuseum dienstags bis sonntags wieder fürs Publikum zugänglich. Am 5. April folgt die Eröffnung der Sonderausstellung «Herrschaftssitze». Diese thematisiert die Bedeutung des Sitzens auf der Kyburg, sei es hoch zu Ross, im mittelalterlichen Damensattel oder beim gräflichen Zu-Gericht-Sitzen. Im Herbst folgt dann eine Ausstellung mit Bildern und Tagebüchern der Winterthurer Malerin Sophie Schäppi (1852–1921).
Und wann kehrt der vor vier Jahren bei einer Notgrabung entdeckte 700-jährige Panzerhandschuh zurück auf die Kyburg? «Als Museumsleiter müsste ich jetzt sagen: je früher, desto besser.» Benjamin Hitz schmunzelt. «Nur haben der Kanton und die Kantonsarchäologen da auch noch ein Wörtchen mitzureden.»
