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20 Jahre donnernde Gebete: Metal-Jubiläum in Uster

Metalmusik und christliche Texte - geht das? Am Elements of Rock zelebriert eine begeisterte Community genau diese ungewöhnliche Kombination.

Die White-Metal Band Whitecross überzeugt das Publikum mit ihrem soliden amerikanischen Hard Rock.

Foto: Simon Grässle

20 Jahre donnernde Gebete: Metal-Jubiläum in Uster

Elements of Rock im Stadthofsaal

Das Elements of Rock sorgt seit 20 Jahren dafür, dass christliche Metalfans aus dem In- und nahen Ausland headbangen können – und das erst noch mit Gottes Segen.

Schon von Weitem ist das charakteristische Wummern von Bässen und Kreischen von Gitarrenriffs zu hören, wenn man sich dem Stadthofsaal nähert: Eine Metalband ist am Soundcheck. Nichts Aussergewöhnliches, wenn man ein Rock-Festival besucht. An diesem Samstagmorgen allerdings steht ein Gottesdienst auf dem Programm, bevor es am Abend Konzerte mit internationalen Bands gibt. Das Elements of Rock (EOR) vereint scheinbare Gegensätze.

Beim Betreten des Foyers herrscht schon reges Treiben. Männer und Frauen zwischen 40 und 60 sitzen und stehen an Bartischen, nippen an Kaffeebechern, unterhalten sich angeregt. Da ein fröhliches «Hallo», dort ein freundschaftlicher Handshake. Man kennt sich, freut sich über ein Wiedersehen.

Der Dresscode verrät, dass die Besucher allesamt Metalfans sind: Schwarze Kleidung, Springerstiefel, lange Haare, Bärte, Jeans- oder Lederwesten mit Nieten und Aufnähern. Viele tragen bedruckte Shirts, die ihre bevorzugten Bands verraten, bei einigen zieren indes Bibelsprüche den Rücken. Aus der Menge stechen einige gotisch inspirierte Rockfans heraus, mit Patronengürteln, Netzstrümpfen und wallendem Umhang.

Gottesdienst mal anders

Inzwischen hat die Metalchurch-Band Melodic Confession zu spielen begonnen. Mehr und mehr verschieben sich die Besucher aus dem Foyer in den Saal. Viele sitzen auf den Stufen im hinteren Teil des Raums, einige stehen etwas von der Bühne entfernt. «Chömed doch chli nöcher», fordert der Sänger die Besucher in breitem Berndeutsch auf. Er leitet ein kurzes Gebet an.

Das Konzert dauert etwa eine halbe Stunde. Der Frontmann singt mal englisch, mal deutsch, manchmal auch schweizerdeutsch. Auf einer grossen Leinwand werden die sehr christlich gehaltenen Texte eingeblendet. «Ehre sei dein Lamm auf dem Thron. Anbetung und Preis in Ewigkeit.»

Während sich die Bedeutung dieser Zeilen dem Aussenstehenden nicht wirklich erschliesst, schmettert sie der Sänger Silas Bitterli mit voller Hingabe ins Publikum. Die meisten Erwachsenen wippen etwas zurückhaltend mit, andere geben sich vollkommen dem Rhythmus hin. Einige Kinder mit Gehörschutz haben sich am Bühnenrand platziert und scheinen völlig vertieft in die Musik.

Man sieht Kinder und Erwachsene vor der Bühne.
Unter den Gottesdienstbesuchern sind viele Familien mit Kindern – im Hintergrund werden die Liedtexte auf einem Bildschirm gezeigt.

Die Zielgruppe dieses Anlasses ist bunt durchmischt: Unter den Besuchern ist auch ein Hund auszumachen. Einige kleinere Kinder tun es ihm gleich und machen es sich vor der Bühne auf dem Boden gemütlich.

Schliesslich betritt Pastor Bob die Bühne. Der aus den USA angereiste 72-Jährige ist gemäss Angaben des Veranstalters der erste Heavy-Metal-Pastor und wird von der Community gefeiert wie ein alter Bekannter. Und das ist er offenbar, denn «bis vor acht Jahren bin ich regelmässig an das Ustermer Festival gereist», sagt der weisshaarige Mann.

«Alle sind älter geworden seit meinem letzten Auftritt hier», sagt er lachend. «Die Haare sind grauer, die Bärte länger geworden.» Die christliche Metalfamilie gehe langsam in die nächste Generation über. Wenn den alten Headbangern der Nacken schmerze, sei es an der Zeit, dass die jungen Metalbands übernehmen. «Doch Gott hat uns alten Rockern nicht gesagt, dass wir aufhören sollen!»

Man sieht einen Metal-Pastor.
He is back: Pastor Bob aus Nashville denkt noch lange nicht ans Aufhören.

Die Predigt des Nashviller Urgesteins ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen. Er erzählt von seinen Erkrankungen, unter anderem mit Krebs, die der Grund für seine lange Abwesenheit gewesen seien. Lebhaft schildert er, wie allein sein Engagement für Obdachlose ihn von all seinen Krankheiten geheilt habe.

Etwas klischeehaft wirkt die Schilderung dieses amerikanischen Wunders – doch sein authentischer, humorvoller Auftritt, der live auf deutsch übersetzt wird, kommt bei den Besuchern gut an. «We are metal, we are family», lautet sein Schlusswort.

Musikstil, der verbindet

Der Community-Gedanke spiegelt sich auch in Gesprächen mit den Anwesenden wider. «Im Laufe der Zeit kennt man sich in der Szene», erzählt Alexandra. Sie ist zusammen mit Samuel aus dem Bernbiet angereist. Er ist seit der ersten Ausgabe im Jahr 2000 treuer Besucher des EOR und hat auf diesem Weg den Zugang zu Metal gefunden. Der Glaube war für ihn schon immer wichtig, «im Metal habe ich meine Herzensmusik gefunden».

Genau umgekehrt war es bei Jessi, die erst durch die Musik wieder zu ihrem Glauben zurückgefunden hat. Sie besucht das Festival seit Jahren mit ihrem Mann Sihlmann, zum dritten Mal nun mit den Kindern Elya und Ezra. «Wir sind begeistert von diesem Musikstil und hören uns auch nicht christlichen Metal an», erzählt die Mutter. Allerdings gäbe es Grenzen, etwa wenn es ins nationalsozialistische Gedankengut gehe oder das Christentum angeprangert werde. «Es gibt allerdings auch Bands, die damit lediglich provozieren wollen», relativiert Sihlmann, der mit christlichem Metal aufgewachsen ist. Auch als bekennender Christ könne er diese Provokationen ein Stück weit nachvollziehen: «Es gab dunkle Kapitel in der Geschichte der Kirche.»

Robin, Nadine, Markus und Matthias sind aus Deutschland angereist, um drei Tage am Festival zu verbringen. Metal ist mein Lebensinhalt», schwärmt Markus, der selbst Sänger in einer Black Metal Band ist. «Diese Musik gibt mir Kraft und Motivation.» Die Texte müssten nicht unbedingt christlich sein, doch ihn vom Gefühl her «segnen».

Man sieht Besucher des Elements of Rock.
Robin, Nadine, Markus und Matthias sind aus Deutschland angereist.

Alle drei grenzen sich von jener Subkultur ab, die ins Satanistische gehe. Nadine betont allerdings die Wichtigkeit, den weit verbreiteten Mythos aufzubrechen, dass Black Metal per se «Satansmusik» sei.

Bernie ist seit 40 Jahren in der Metalszene und kommt damit ganz der Aufforderung von Pastor Bob nach, auch als älterer Metalhead nicht aufzuhören. Der gebürtige Deutsche arbeitete in seiner Heimat bei einem Plattenlabel und war lange als Roadie und Fotograf mit einer Metalband unterwegs. Heute engagiert er sich für eine Metalchurch im Berner Oberland, die ihre Predigten in einer Bar abhält. «Wir bringen die Kirche dahin, wo das Leben und die Menschen sind.»

Man sieht einen Besucher des Elements of Rock.
Bernie aus dem Berner Oberland war vor zwei Jahren selbst als Prediger am Elements of Rock.

Kaum ist der Gottesdienst vorüber, strömen die Menschen an die Sonne. Und im Stadtpark sind überall schwarz gekleidete Metalheads zu sehen, die es sich auf Picknickdecken gemütlich gemacht haben – sie tanken Energie für das abendliche Headbangen. Das verbindet wohl die Rocker aus allen Genres.

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