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Lost Place unter der Autobahn: Das vergessene Tunnelportal bei Kemptthal

An der A1 ist nach Rodungsarbeiten ein Verkehrsrelikt aus den 1970er-Jahren wieder aufgetaucht: ein Tunnelportal für eine Bahnlinie, die nie gebaut wurde.

Dunkler Einschnitt oberhalb der Gleise: Das rätselhafte Betonbauwerk unter der Autobahn Zürich–Winterthur bei Kemptthal.

Foto: Martin Huber

Lost Place unter der Autobahn: Das vergessene Tunnelportal bei Kemptthal

Geistertunnel A1

An der A1 ist nach Rodungsarbeiten ein Verkehrsrelikt aus den 1970er Jahren wieder aufgetaucht: ein Tunnelportal für eine Bahnlinie, die nie gebaut wurde.

Martin Huber

Eine tunnelartige Öffnung mit Betonwänden direkt unter der Autobahn Zürich–Winterthur: Zu sehen ist das merkwürdige Bauwerk derzeit vom Zug aus auf der Pendlerstrecke Zürich–Winterthur, kurz nach dem Bahnhof Kemptthal auf der rechten Seite.

Sichtbar ist das düstere Loch erst, seit im Hang zwischen Bahngleisen und Autobahn in grossem Stil Bäume und Büsche gerodet wurden. Die Natur hatte den Betonbau zuvor praktisch vollständig verdeckt. Ohnehin liegt dieser in schwer zugänglichem Gelände – was allerdings Sprayer nicht davon abhielt, an den Wänden ihre Spuren zu hinterlassen.

Tunnel zum Rangierbahnhof Töss

Anruf bei Jonas Hoehn, dem Sprecher des für Autobahnen zuständigen Bundesamts für Strassen (Astra). Bei der tunnelartigen Öffnung unter der A1 handelt es sich um eine 1972 vorsorglich erstellte Unterführung für ein Tunnelportal der Bahn, wie er sagt.

Die SBB planten damals einen neuen Rangier- und Güterbahnhof südlich von Winterthur-Töss. Als Zufahrtsstrecke sollte von Kemptthal her ein Tunnel unter dem Rossberg dienen – mit besagtem Eingangsportal unter der Autobahn. Der Bahntunnel und der Rangierbahnhof wurden allerdings nie realisiert.

Im Zürcher Staatsarchiv finden sich einige wenige Belege für die damaligen Bahnausbaupläne. So genehmigte der Regierungsrat am 20. September 1972 die «Unterführung der SBB-Zufahrtsgleise unter der Autobahn zum projektierten Rangierbahnhof Winterthur». Aus bau- und verkehrstechnischen Gründen müsse das Unterführungsbauwerk im Kreuzungsbereich mit der Autobahn ausgeführt werden, heisst es in dem Dokument. Die Gesamtkosten für die Unterführung bei Kemptthal beliefen sich auf 1,3 Millionen Franken.

Man sieht einen Zug vorbeifahren.
Der Hammermühle-Viadukt der A1 beim Bahnhof Kemptthal: Rund 100 Meter dahinter am Hang rechts befindet sich die verlassene Unterführung.

Bereits im Mai 1970 hatte der Regierungsrat darauf hingewiesen, dass die später zu erstellenden «Überwerfungsgeleise der Zufahrten für den Güterbahnhof Winterthur-Töss» durch die Autobahn nicht behindert werden dürfen. Der Autobahnabschnitt Zürich–Winterthur wurde 1974 eröffnet.

32 Sortiergleise – und Verlegung des Flusses

Der Bau des Rangierbahnhofs Töss wurde damals damit begründet, dass der bestehende Rangierbahnhof in Winterthur zu klein und technisch veraltet sei. Die neue Anlage mit direkter Tunnelzufahrt ab Kemptthal sollte «in den Bereich des Tösslaufes zu liegen kommen, westlich begrenzt durch die N 1, südlich durch den Rossberg und östlich durch den Reitplatz», schrieben die «Neuen Zürcher Nachrichten» im Juni 1981.

Dort werde es nötig sein, «dass der Tössfluss auf rund einen Kilometer Länge um maximal 75 Meter nach Osten verlegt» werden müsse. Und weiter: «Die Richtungsgruppe mit 32 Sortiergleisen muss in gekrümmter Form längs der zu verlegenden Töss, zwischen Steigmühle und Reitplatz, angeordnet werden.» Die gesamte Anlage werde eine Länge von 3,3 Kilometern beanspruchen.

Man sieht einen Zug vorbeifahren.
Der Durchgang unter der Autobahn liegt direkt neben der Pendlerstrecke Zürich–Winterthur.

Die Kosten für den Rangierbahnhof Töss wurden auf 230 Millionen Franken veranschlagt. Es gehe darum, die «als einzig richtigen Standort für einen Rangierbahnhof in der Ostschweiz erkannte Tössniederung» planerisch zu sichern, schrieb die NZZ im März 1981. Der Neubau der Rangieranlage werde allerdings, wenn überhaupt, erst für eine fernere Zukunft als notwendig erachtet, weil die vor der Vollendung stehende Grossanlage im Limmattal eine erhebliche Entlastung auch des Winterthurer Rangierbahnhofs bringe.

Heimatschutz wehrte sich beim Bundesrat

Der Schweizer Heimatschutz wehrte sich vehement gegen das Güterbahnhof-Projekt «Töss». Im Oktober 1979 forderte er in einem Brief an den damaligen SP-Bundesrat Willi Ritschard einen Verzicht auf das Projekt, weil die Tunnelausfahrt und die Rangiergleise in die unberührte Töss-Flusslandschaft zwischen Eschenberg und Rossberg zu liegen kämen, ein «wertvolles Erholungsgebiet» samt Grundwasserschutzzone. Das Schreiben an den Bundesrat ist zusammen mit einigen handgezeichneten Plänen des Rangierbahnhofs Töss im Archiv von SBB Historic erhalten geblieben.

Skizze
Diese Skizze des Heimatschutzes von 1979 zeigt das geplante Güterbahnhof-Projekt «Töss» samt dem Tunnel von Kemptthal her.

Im Juni 1983 kam das Aus für den Rangierbahnhof Töss. Damals kündigten die SBB den Verzicht auf den Bau weiterer Rangierbahnhöfe bis mindestens im Jahr 2000 an. Die Ertragslage im Wagenladungsverkehr entwickle sich ungünstig, zudem genügten die vorhandenen Rangieranlagen, begründeten die SBB den Entscheid. Damit war auch das Projekt in Winterthur-Töss vom Tisch.

Daran hat sich laut den SBB bis heute nichts geändert, wie eine Sprecherin auf Anfrage bestätigt. Mit den aktuellen Ausbauprojekten «Brüttener Tunnel» und «Mehrspur Zürich–Winterthur» stehen für die Gegend von Winterthur-Töss in den kommenden Jahren andere einschneidende Veränderungen bevor.

Bauwerk ohne Verwendungszweck

Die Unterführung unter der Autobahn bei Kemptthal wurde damit zur Planungsleiche. Das Verkehrsrelikt ist weiterhin im Besitz des Astra. Laut Sprecher Jonas Hoehn wird das Bauwerk regelmässig auf seine Stabilität überprüft. Es habe aber weder eine Funktion noch einen Verwendungszweck und werde im jetzigen Zustand belassen.

Man sieht einen Zug vorbeifahren.
In diesem Gebiet südlich von Winterthur-Töss war in den 1970er Jahren ein Rangierbahnhof geplant.

So bleibt die düstere Unterführung unter der Autobahn ein Lost Place – ohne Züge, dafür mit Graffiti.

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