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Er kämpft für eine faire Klassenzuteilung von Schülern

Uster nutzt für die Schul- und Klasseneinteilung ein Computerprogramm. Doch wer steckt hinter dem Algorithmus und welche Absichten verfolgt dieser Mensch?

Dieser Wissenschaftler will mit seinem Algorithmus die Schulzuteilungen von Schülern gerechter machen.

Foto: Jan Gubser

Er kämpft für eine faire Klassenzuteilung von Schülern

Uster setzt auf Algorithmus

Uster nutzt für die Schul- und Klasseneinteilung ein Computerprogramm. Doch wer steckt hinter dem Algorithmus, und welche Absichten verfolgt dieser Mensch?

Im Sommer stehen die Gemeinden jeweils vor einer grossen Herausforderung: Vom Kindergarten bis zur dritten Oberstufe müssen diverse Kinder in geeignete Schulen und Klassen eingeteilt werden. Die Schwierigkeit liegt darin, den Schulweg, den Hintergrund der Kinder sowie die Wünsche der Eltern zu berücksichtigen.

Uster setzt nun nach einer Testphase als erste Stadt der Schweiz für diese herausfordernde Aufgabe definitiv auf digitale Unterstützung des Programms «isa». Dieses kommt bei der Zuteilung in den Kindergarten und in der Primarschule zum Einsatz.

Zuteilung mit Folgen

Das Tool, das die Zukunft vieler Kinder massgebend beeinflusst, stammt vom Zürcher Oliver Dlabač. Wir treffen den Erfinder des Schulzuteilungsprogramms in einem Co-Working-Büro. Dlabač tüftelt seit gut acht Jahren an dem Programm, welches datenbasiert Zuteilungen zu Schulen und Klassen fairer – und vor allem gerechter – machen soll. «Ich setze mich dafür ein, die bisherige Praxis bei der Schul- und Klasseneinteilung zu überdenken», sagt Dlabač.

Oliver Dlabac hat das Schulzuteilungsprogramm isa entwickelt.
Oliver Dlabač investierte viel Zeit in die Entwicklung seines Tools.

Meist werde die Zuteilung lediglich aufgrund des Wohnorts und des Geschlechts vorgenommen. Dadurch landen Kinder mit ähnlichen sozialen und sprachlichen Hintergründen häufig in derselben Schule. Handle es sich dabei mehrheitlich um fremdsprachige, sozial schwache Schülerinnen und Schüler, habe dies einschneidende Folgen. Soziale Ungleichheiten würden durch die Schulzuteilung auf die nächste Generation übertragen.

In erster Linie leidet dabei die Leistungsfähigkeit der Schüler, später mündet dies für die betroffenen Kinder in schlechteren Chancen in ihrer schulischen und beruflichen Laufbahn.

Ein herausfordernder Schulwechsel

Dlabač erlebte selbst, welche Auswirkungen schlecht durchmischte Klassen auf die schulische Karriere haben können. Denn als einer der wenigen wechselte er nach der sechsten Primarstufe im Schulhaus Loogarten in Altstetten in ein Langzeitgymnasium – erst an die Kantonsschule Wiedikon, dann ans Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium Rämibühl.

«Mit dem Wechsel an das Langzeitgymnasium riss es mich förmlich aus meinem Umfeld», sagt der 45-Jährige. Denn die meisten seiner Klassenkollegen gingen nach der Primar- an eine Oberstufenschule, wie es in den meisten Regionen üblich ist.

Wenige Jahre später studierte Dlabač Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Letztlich erlangte er 2013 den Doktortitel.

Im Rahmen eines Quartierprojekts in Altstetten setzte er sich noch als Student für benachteiligte Kinder ein. Das Ziel dahinter: den Kindern eine positive Einstellung zu Bildung zu vermitteln. Dafür machte Dlabač in den Schulen Werbung für die Kinder-Universität und bot zugleich eine Gratisbegleitung für interessierte Kinder an. Das Angebot sollte eine Brücke aus dem Quartier zur Kinder-Universität bilden.

Was ist eine Kinder-Universität?

Die Kinder-Universität bietet in Workshops, Vorlesungen und Exkursionen mehrmals pro Semester Programme für Schülerinnen und Schüler an. Diese stehen Kindern der dritten bis sechsten Primarstufe offen und sind nicht an schulische Leistungen oder Noten gekoppelt. Die Kinder besuchen die Kinder-Universität in deren Freizeit. Dabei sollen die Primarschüler die Wissenschaften der Universität Zürich auf spielerische und kindgerechte Art und Weise näher kennenlernen. (jgu)

Gemeinsam mit weiteren Studierenden bot er zudem eine ausserschulische Aufgabenhilfe an. Das Angebot besteht weiterhin mit drei Lokalen in Altstetten und Schwamendingen.

Der ideale Mix

Dlabač bemerkte in dieser Zeit Unterschiede bei der Zusammensetzung von benachbarten Schulen. «Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.» Erstmals dachte der Wissenschaftler darüber nach, wie ein Computerprogramm die Schulzuteilung verändern könnte.

Denn: Würden Kinder unterschiedlicher sozialer und sprachlicher Herkunft gleichmässiger auf die Schulen und Klassen verteilt, würden sich auch deren Chancen auf ihre schulische und berufliche Entwicklung verbessern.

Doch wie müsste der ideale Mix aus privilegierten und benachteiligten Schülern aussehen? Wie aus einer nationalen Studie des Zentrums für Demokratie Aarau, welche durch Dlabač geleitet wurde, hervorgeht, liegt die kritische Grenze bei 30 bis 40 Prozent. Denn erst ab diesem Anteil an sozial schwachen und fremdsprachigen Schülern in einer Klasse nimmt auch die Leistung sämtlicher Kinder deutlich ab.

Schwerfälliger Start

Damit Dlabač nun ein Programm konzipieren konnte, welches soziale und finanzielle Hintergründe von Kindern berücksichtigt, war er auf Daten angewiesen. «Das war mitunter die grösste Herausforderung», blickt der Wissenschaftler zurück. Denn ohne diese Angaben hätte er das Projekt gleich einstampfen können.

Oliver Dlabac hat das Schulzuteilungsprogramm isa entwickelt.
Daten waren seine Grundlage: Ohne diese hätte der Wissenschaftler kein Schulzuteilungsprogramm realisieren können.

Doch er hatte Glück und konnte zu Beginn auf alte Volkszählungsdaten zurückgreifen, die Aufschluss über die besuchten Schulen und sozialen Hintergründe der Kinder lieferten.

Die Entwicklung des Tools «isa» schritt voran. Doch Dlabač sah sich nun mit politischen Fragen konfrontiert. Manche Politiker konnten die Begeisterung über ein Schulzuteilungsprogramm nicht teilen. «Ich habe über die teils ablehnende Haltung gestaunt», sagt Dlabač.

Mehrfach versuchten Politiker gar, den Zugang zu Daten zu unterbinden. Dabei hätten die Daten für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt werden sollen. Es fehlte gemäss Dlabač – trotz Einsicht vielerorts – die Bereitschaft, etwas an der bisherigen Zuteilungspraxis zu ändern.

Wie funktioniert Schulzuteilung per Algorithmus?

Nichtsdestotrotz fand Dlabač einen Weg, sein Projekt weiterzuverfolgen. Heute bietet er ein Tool an, das per Lizenz von jeder Gemeinde benutzt werden kann. Und die Logik, wie das Tool bei der Schulzuteilung vorgeht, sei nach wie vor nachvollziehbar. «Denn hinter dem Programm steckt keine künstliche Intelligenz, sondern ein regelbasierter Algorithmus.» Jeder Schritt folge deshalb dem folgenden Muster:

Als Erstes berechnet der Computer die Länge und Gefährlichkeit für die Schulwege der Kinder. Aufgrund der Berechnungen erfolgt eine provisorische Einteilung, wobei auch die Kapazitäten der umliegenden Schulhäuser relevant sind.

Oliver Dlabac hat das Schulzuteilungsprogramm isa entwickelt.
Ein Blick in das Schulzuteilungs-Tool, welches unter anderem den Schulweg der Kinder berücksichtigt.

Danach berücksichtigt das Tool den sozialen und sprachlichen Hintergrund. Einerseits spielt dabei die Armutsquote eine Rolle. Diese basiert auf Sozialmonitorings, welche den Anteil Haushalte, die sich in einem Strassenblock unter der Armutsgrenze befinden, ausweist. Bei diesen Daten sind keine Rückschlüsse auf einzelne Haushalte möglich, da die Berechnungen in Strassenblöcken erfolgt.

Andererseits wird auf den Anteil fremdsprachiger Kinder sowie die Leistungsfähigkeit geachtet. Diese Angaben setzen sich aus der Muttersprache, den Deutschkenntnissen sowie bisherigen Beurteilungen durch die Lehrpersonen zusammen. Zudem berücksichtigt der Algorithmus das Geschlecht.

Wie stark der Algorithmus die Zuteilung in Uster beeinflusst

In Uster gibt es zwischen 320 und 380 Kindern pro Schulstufe. Beim Übertritt vom Kindergarten in die erste Klasse, wie auch beim Wechsel in die dritte Klasse, kann sich die Zuteilung verändern – unter anderem wegen des eingesetzten Algorithmus. Auf die Einteilung in der Oberstufe hat das Tool aber keinen Einfluss, da die Sekundarschule Uster jenes Programm nicht einsetzt.

Das digitale Tool «isa» schlägt Schul- oder Klassenwechsel zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit in Uster also für den Kindergarten und die Primarschule vor. Beim Übertritt in die erste und dritte Primarstufe effektiv von Umteilungen betroffen sind jeweils 20 bis 30 Kinder. In Prozent also zwischen 6 und 8 Prozent, wie aus einer Antwort der Primarschulpflege auf eine Anfrage hervorgeht.

Allerdings sind weitere Versetzungen aufgrund der Kapazitäten der Schulhäuser nötig. Dies tangiert 10 bis 15 Prozent der Kinder. Diese Wechsel wären auch ohne den Einsatz des Zuteilungsprogramms vonnöten. (jgu)

Hat Dlabačs Programm alle Daten schrittweise geprüft, schlägt es eine Zuteilung nach Schulen und Klassen vor. Nun können die Verantwortlichen selbst über die definitive Zuteilung befinden. So können beispielsweise auch Wünsche einzelner Eltern weiterhin berücksichtigt werden.

Der Schutz von sensiblen Daten

Da das Tool für die Zuteilung sensible Daten der Schulverwaltung benötigt, ist der Datenschutz besonders wichtig. Um die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten, wurde deshalb bereits vor Jahren ein Datenschutzbeauftragter beigezogen.

Mit der Stadt Uster hat Dlabač zudem einen Vertraulichkeits- und Datenschutzvertrag abgeschlossen. Der Kreis der Personen, der Zugriff auf das Programm und somit auch auf die Daten hat, ist stark eingeschränkt. Die verwendeten Daten werden jährlich gelöscht.

Finanzielles Risiko

Für die Entwicklung des Zuteilungsprogramms investierte der 45-Jährige bisher viel Zeit und Geld. Letztes Jahr nahm er gar ein privates Darlehen auf. Dies wird dieses Jahr voraussichtlich auch der Fall sein. Dafür arbeiten vier Personen – verteilt auf 160 Prozent – an der Verbesserung des Tools «isa». Unter anderem soll nun die Oberfläche benutzerfreundlicher werden.

Damit die Rechnung für Dlabač aufgeht, ist er darauf angewiesen, dass die Gemeinden die Schulzuteilung künftig digital mit seinem Programm durchführen. Bereits heute zeigt sich der Wissenschaftler und Unternehmer aber zufrieden: «Es freut mich, wie gewisse Schulgemeinden mittlerweile auf die Zuteilung der Schülerinnen und Schüler achten.»

So auch die Stadt Uster, die als bisher einzige Oberländer Gemeinde das digitale Tool nutzt. Nach einmaligen Kosten in Höhe von rund 54’000 Franken gibt sie nun jährlich 10’000 Franken für Lizenzgebühren und Support aus.

Mehrere Gemeinden in der Region beobachten die Erfahrungen in Uster, während andere Städte in der Schweiz derzeit die Einführung des Tools prüfen.

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