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«Ohne die öffentliche Aufmerksamkeit wäre nichts gegangen»

Vor vier Jahren wollten die SBB in Bubikon eine grosse Serviceanlage auf Kulturland bauen. Eine lokale IG stellte sich dagegen - und gewann. Im Interview erklärt ihre Sprecherin Nicole Fritschi, wie das gelingen konnte.

Mehr als 1000 Stunden Fronarbeit – auch für ihren Grossvater Hans-Rudolf Maurer: IG-Sprecherin Nicole Fritschi.

Foto: Simon Grässle

«Ohne die öffentliche Aufmerksamkeit wäre nichts gegangen»

Verhinderte SBB-Serviceanlage in Bubikon

Als Sprecherin der IG Pro Brach Fuchsbühl hat sich Nicole Fritschi erfolgreich gegen den Bau einer SBB-Serviceanlage auf Kulturland in Bubikon gewehrt. Im Interview erzählt sie, wie es bei der SBB zur Kehrtwende kam – und warum am Ende auch Glück eine Rolle spielte.

4,4 Kilometer Gleise und eine Servicehalle von 150 Metern Länge auf insgesamt 80’000 Quadratmetern fruchtbarer Landwirtschaftsfläche: Die Zahlen haben sich bei Nicole Fritschi eingebrannt. «Das kann doch einfach nicht sein», sagt sie – und klingt dabei noch genauso entrüstet wie vor vier Jahren.

Damals weibelte sie als Sprecherin für die IG Pro Brach Fuchsbühl an vorderster Front gegen das SBB-Projekt, das an diesem Standort in Bubikon den Bau einer Serviceanlage und neuer Abstellgleise vorsah. Sie half unter anderem bei der Organisation von Protesten und der Mobilisierung der Bevölkerung, fütterte die Medien und vertrat die IG im Austausch mit den SBB und dem Kanton.

Ein Engagement, das sich lohnte: Zum Ende der Vernehmlassung verzichtete der Kanton im September 2021 auf den geplanten Richtplaneintrag, die SBB gingen bezüglich des Standorts noch einmal über die Bücher. Und seit die SBB letzte Woche bekannt gaben, dass sie eine Anlage in Schaffhausen bauen möchten (siehe Box), dürfte das Thema für Bubikon sicherlich vorderhand, womöglich sogar ganz vom Tisch sein.

Die Bevölkerung wächst – und mit ihr die Infrastruktur. Weil das Zürcher S-Bahn-Netz im Zuge des Ausbauschritts 2035 erheblich ausgebaut wird und dafür 60 Doppelstockzüge mit einer Länge von 150 Meter beschafft werden, sind die SBB gezwungen, die Wartungs- und Parkierungskapazitäten zu erhöhen.

Dafür war ursprünglich vorgesehen, an den Standorten Feldbach (Hombrechtikon) und Eglisau neue Abstellgleise zu bauen. Noch stärker betroffen war der dritte Standort in Bubikon, an dem neben den Gleisen auch eine neue grosse Serviceanlage errichtet werden sollte – und zwar auf 8 Hektaren Kulturland in den Weilern Fuchsbühl, Brach und Wändhüslen, das fast ausschliesslich in Privatbesitz ist. Das entspricht 20 Fussballfeldern.

Dementsprechend gross war der Aufschrei, als die SBB Ende 2020 die Betroffenen informierte. Unmittelbar darauf formierte sich der Protest in der IG Pro Brach Fuchsbühl, die mit diversen Aktionen das Medieninteresse auf sich lenkte und die Bevölkerung sensibilisierte. Gleichzeitig zeigte sich die lokale Politik erschüttert, was die damalige Bubiker Gemeindepräsidentin Andrea Keller in einem offenen Brief an die Baudirektion an die Baudirektion kundtat.

Da sich auch in Eglisau und Hombrechtikon erheblicher Widerstand bildete und sich darüber hinaus auch Naturschutzorganisationen dem Kampf anschlossen, stieg der Druck auf die Verantwortlichen. Im September 2021 erklärte schliesslich der Regierungsrat Martin Neukom (Grüne), dass der Richtplaneintrag für die drei Standorte aus der anstehenden Teilrevision herausgelöst werde und die SBB den Variantenfächer neu offen würden. Ein Entscheid, den er mit dem Unmut der Bevölkerung begründete, die diesen während der Vernehmlassung mit rund 2300 Rückmeldungen bekräftigt hatte. Das Zürcher Oberland wurde indessen von den SBB als Standortregion für eine Serviceanlage weiterhin als mehr oder wenig alternativlos genannt.

Nach zweieinhalb Jahren Ruhe kam das Thema im Sommer 2024 wieder aufs Parkett. Die SBB gaben bekannt, dass sie das Grossprojekt in zwei kleinere Serviceanlagen an zwei Standorten aufteilen, die Abstellgleise auf mehrere Standorte verteilen, und versiegelte Flächen im SBB-Besitz bevorzugen möchten. Die erste Anlage soll bis 2035, die zweite bis 2050 entstehen – idealerweise an Orten, wo mehrere S-Bahn-Linien enden.

Am Donnerstag vor einer Woche gaben die SBB schliesslich bekannt, dass sie die erste Serviceanlage auf dem ihr gehörenden Areal des Schaffhauser Güterbahnhof realisieren möchte. Neben der Schaffung von 60 Arbeitsplätzen wurde auch eine Arealentwicklung in Aussicht gestellt.

Wo die zweite Serviceanlage erstellt wird, ist bislang noch nicht entschieden worden. Dass diese in der Region Zürcher Oberland zustehen kommen könnte, ist alles andere als unrealistisch. Und wegen des breiteren Zeithorizonts bleiben vorderhand auch Lösungen wie der Betzholzkreisel in Hinwil , über den zuletzt spekuliert worden waren, auf dem Tisch. Bezüglich der Abstellgleise gibt es bislang noch keine Anhaltspunkte. Gut möglich, dass ein Teil von ihnen im Oberland liegen könnte. (mmu)

Dementsprechend intensiv sind Fritschis Emotionen. Die 42-jährige Leiterin eines Videoproduktionsteams lebt zwar in Kilchberg, ist aber über ihren Grossvater, der für das Projekt Land hätte abgeben müssen, persönlich betroffen – oder, je nach Deutung, nicht mehr betroffen. So gross ihr ursprüngliches Entsetzen, so gross ist heute ihre Freude über den neuen Standort, den sie «phänomenal» findet.

Nicole Fritschi, als am Donnerstag vor einer Woche bekannt gegeben wurde, dass die SBB die seit Jahren im Raum stehende Serviceanlage auf zwei Standorte aufsplitten und nun eine erste in Schaffhausen realisieren wollen, kam das für viele überraschend. Auch für Sie?

Jein. Da ich in den letzten drei Jahren am Innovationsprozess teilgenommen hatte, wurde ich ein paar Tage vorher über diesen Standortentscheid informiert. Dennoch war die Ungewissheit zuvor gross gewesen. Denn trotz einer neuen Ausgangslage war unklar, ob die SBB das Landwirtschaftsland in Bubikon wirklich verschonen. Dass man in Schaffhausen eine solch clevere Lösung gefunden hat, finde ich schlicht phänomenal. Eine Fläche hinter einem Bahnhof, an dem vier S-Bahn-Linien enden. Ein Boden, der bereits versiegelt und im Besitz der SBB ist und auf dem man ein Projekt mit einer Mehrfachnutzung mit Wohnungen oder Gewerbe lancieren könnte: Besser gehts nicht.

Sie sagen, Sie waren am Innovationsprozess beteiligt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Als der Kanton und die SBB im September 2021 sagten, dass sie den Variantenfächer noch einmal öffnen und nun auch die Gemeinden und die Bevölkerung miteinbeziehen würden, haben sie Wort gehalten: In den drei Jahren darauf wurden insgesamt sieben eintägige Innovationsworkshops mit Vertreterinnen und Vertretern des Kantons, der SBB und des Zürcher Verkehrsverbunds abgehalten. Als Experten waren unter anderem ein Raumplaner, ein Architekt und ein Vertreter von Raumplanung Zürcher Oberland mit von der Partie. Und von unserer zivilen Seite nahmen Monika Wasenegger von der Umwelt- und Tierschutzorganisation Fondation Franz Weber und ich für die IG Pro Brach Fuchsbühl teil.

Man sieht aus er Luft das Areal wo die SBB-Serviceanlage und die Abstellgleise hätten gebaut werden sollen.
So sehen acht Hektaren aus: Das betroffene Kulturland in Bubikon, orange eingezäunt. (Archiv)

Worum ging es dabei inhaltlich?

Vor allem um die Rahmenbedingungen. Dabei haben sich viele Parameter, von denen man zuvor ausgegangen war, verschoben. So kam man entgegen den ursprünglichen Annahmen zum Schluss, dass auch Standorte ausserhalb des Zürcher Oberlands infrage kommen könnten. Dass sich bereits versiegelte Flächen besser eignen würden. Dass Gebiete, die bereits den SBB gehören, zu bevorzugen sind und man innovative Lösungen für Mehrfachnutzungen suchen will. Und nicht zuletzt, dass es möglich wäre, die geplanten Abstellgleise zu verteilen und statt einer grossen, zwei kleinere Serviceanlagen zu bauen – was wiederum auch zeitlich etwas Luft schafft.

Waren auch potenzielle Standorte ein Thema?

Erst zum Schluss – wobei hier fast 100 eingeworfen wurden. Diskutiert wurden diese allerdings nicht, die Evaluation und die Entscheidungshoheit lagen voll bei den SBB.

Die Kehrtwende ist bemerkenswert: Bis im Herbst 2021 wurde der Standort in Bubikon von den SBB öffentlich als alternativlos verkauft. Nun wird auf einmal eine eigene Fläche in Schaffhausen präsentiert, bei der gleich noch ein einst angedachtes Quartier mitentwickelt werden soll. Verspüren Sie neben der Freude nicht auch Wut?

(Lacht.) Als ich meinem 90-jährigen Grossvater die Neuigkeit überbrachte, reagierte er tatsächlich impulsiv. Er sagte: «Das geht doch nicht, mich mit dieser drohenden Landenteignung so zu erschrecken! Die hätten sich doch das vorher überlegen können.» Ich kann das verstehen, empfinde aber selbst keine Wut, sondern vielmehr Dankbarkeit. Es gibt Gründe, warum die SBB damals den Standort in Bubikon forcierten, die Verantwortlichen standen insbesondere zeitlich unter Druck. Wir haben umgekehrt unseren Widerstand nicht nur als Widerstand verstanden, sondern wollten helfen, Alternativen zu finden.

Ein Protest-Plakat mit einem weinenden Fuchs auf einer grossen Wiese.
«Der Ton war zuweilen rau»: Protestplakat der IG Pro Brach Fuchsbühl im Frühjahr 2021. (Archiv)

Mit Verlaub, ohne diesen Widerstand würden in Bubikon schon bald die Bagger auffahren.

Das stimmt, der Widerstand war extrem wichtig, und ohne die öffentliche Aufmerksamkeit wäre nichts gegangen. Und ja, es war ein Schock, als Ende 2020 unvermittelt die SBB vor den Türen der fünf Landbesitzer standen und ihnen mitteilten, dass man sie für ein solches Projekt enteignen müsse. Ich bleibe dabei: In der heutigen Zeit mit Bodenknappheit und dem gesellschaftlichen Willen zur Erhaltung von Grünflächen eine riesige Gleiswüste auf die Wiese zu stellen – das kann einfach nicht sein! Dementsprechend war der Ton zuweilen rau. Doch dieses Gefühl hat auch Kräfte freigesetzt …

… was zum medial verbreiteten «David gegen Goliath»-Bild geführt hat.

Wir haben Protestaktionen mit riesigen Plakaten gemacht, das gesamte Areal eingezäunt, um die Dimensionen zu zeigen, eine Schreibwerkstatt eingerichtet, um der Bevölkerung zu helfen, im Rahmen der Vernehmlassung Eingaben beim Kanton zu machen. Und wir haben uns eben auch vernetzt und Hilfe von Expertinnen und Experten bekommen: von Professoren, Raumplanern, Politikern, Naturschützern. Wir wussten, dass wir nicht nur «Nein» sagen konnten, sondern auch Alternativen aufzeigen mussten. So konnte ich später im Innovationsprozess die Inputs und Ideen dieser Fachleute direkt einbringen.

Eine von der IG Pro Brach Fuchsbühl erstellte Visualisierung der Serviceanlage der SBB, die nun nicht kommt.
Es bleibt bei der Foto-Montage: Von der IG Pro Brach Fuchsbühl entworfene Vision der Serviceanlage in Bubikon.

Mit der geplanten ersten Serviceanlage in Schaffhausen ist das Thema noch nicht vom Tisch. Gemäss den SBB soll die zweite auf Zürcher Kantonsgebiet zu stehen kommen. Und es ist schon von Beginn weg die Rede davon, dass das Zürcher Oberland von seiner Lage her prädestiniert wäre. Ist der Standort Bubikon allenfalls gar noch nicht aus dem Schneider?

Eine Garantie gibt es nicht. Aber ich bin sehr, sehr zuversichtlich. Einerseits, weil der Platzbedarf nicht mehr so gross ist. Andererseits, weil die SBB im Rahmen dieses Innovationsprozesses einen Paradigmenwechsel vollzogen haben und bei ihren Abwägungen Umweltkriterien nun viel höher gewichten. Es mag zwar immer noch am günstigsten sein, auf der grünen Wiese zu bauen: Praktisch alle anderen Bewertungsaspekte sprechen jetzt dagegen.

Es scheint, als hätte die IG Pro Brach Fuchsbühl ihr Ziel erreicht. Sehen Sie sich als Exempel dafür, dass sich Zivilengagement lohnt?

Im weitesten Sinne schon. Wir haben sehr viel Kraft und Zeit investiert, allein bei mir waren es wohl über 1000 Stunden – alles entgeltlos. Dementsprechend sind wir auch stolz auf das, was wir erreicht haben. Doch es hat eben noch weit mehr gebraucht. So haben wir uns nicht nur quergestellt, sondern konstruktiven Widerstand geleistet und uns aktiv um Lösungen und Alternativen bemüht. Und dass die SBB offen für externe Mitsprache ist, ist nicht selbstverständlich – wären da sture Köpfe am Ruder gesessen, hätten wir wohl keine Chance gehabt. Das zeigt eben auch: Ganz ohne Glück geht es nicht.

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