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Warum ein 18-jähriger Tösstaler fürs Wandern brennt

Für seine Maturarbeit erforschte Yuri Kaspar, was junge Menschen beim Wandern suchen. Seine eigene Leidenschaft dafür erwuchs aus tragischen Erlebnissen.

In den Bergen fühlt sich Yuri Kaspar zu Hause.

Foto: PD

Warum ein 18-jähriger Tösstaler fürs Wandern brennt

Von der Tragödie zur Leidenschaft

In seiner Maturarbeit untersuchte Yuri Kaspar die Wanderbedürfnisse der jungen Leute. Er selber entdeckte seine Leidenschaft zum Volkssport durch tragische Ereignisse.

Salma Jarkovich

Wie alle Maturandinnen und Maturanden musste sich auch Yuri Kaspar, Schüler der Kantonsschule Zürcher Oberland, in seinem Abschlussjahr intensiv mit einem Thema auseinandersetzen und darüber seine Maturarbeit verfassen. Für den Baumer war schnell klar, dass er über etwas schreiben möchte, zu dem er einen persönlichen Bezug hat. Etwas, das ihn bewegt.

Bald einmal kam so seine Leidenschaft zum Wandern ins Spiel. Da dieser Volkssport als Freizeitbeschäftigung für pensionierte Bünzli gilt, wollte er bewusst an der jungen Generation anknüpfen. Dies verrät auch der Titel seiner Maturarbeit, angelehnt an das Gedicht «Wanderschaft» von Wilhelm Müller aus dem 19. Jahrhundert: «Das Wandern ist der Gen Z’s Lust».

Wer ist die Generation Z?

Der Begriff der Generation Z (umgangssprachlich: Gen Z) umfasst alle jungen Menschen mit den Jahrgängen 1997 bis 2011. Diese Personen waren zur Entstehungszeit von Yuri Kaspars Maturarbeit also zwischen 13 und 27 Jahre alt.

Dass ein 18-Jähriger seine Maturarbeit einem vermeintlichen Seniorinnen- und Seniorensport verschreibt, ist nicht alltäglich. Doch für Yuri Kaspar ist das Wandern viel mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Er verbindet sein Hobby nicht nur mit der Natur, sondern auch mit einem tragischen Schicksalsschlag, mit dem er leben lernen musste.

Heile Welt am Rücken des Schnebelhorns

Kaspar ist bei seinen Eltern zusammen mit seinen zwei Brüdern und vielen Tieren auf einem der wenigen Bergbauernhöfe des Kantons gross geworden. Abseits der grossen Zivilisation auf dem Bauernhof Grossegg – auf fast 1000 Metern über Meer, mit 15 Autominuten Entfernung zu Steg und in steilster Umgebung.

«Für mich waren das Draussensein, das Anpacken und das Mithelfen, egal, bei welchem Wetter, selbstverständlich», erklärt er. Und auch schon da ging er gerne mit seinem Vater wandern. «Einmal wanderten wir innerhalb von drei Tagen aus Fischenthal zum Säntis», erzählt Kaspar.

Doch mit dem Jahr 2020 veränderte sich das Leben auf der Grossegg abrupt und ohne Vorwarnung. Ein Grossbrand zerstörte den Bauernhof. «Am Morgen ging ich wie jeden Tag ganz normal zur Schule. Am Abend war alles, was ich noch besass, gerade einmal meine Kleidung, die ich noch anhatte», erinnert sich Kaspar. Verletzte gab es zum Glück keine, doch jegliches Weiterleben im Bauernhaus war verunmöglicht.

Ein Bauernhof, umgeben von herbstlichen Bäumen
Weit weg von der Zivilisation liegt der Bauernhof Grossegg am Rücken des Schnebelhorns. Diese Aufnahme entstand vor dem Grossbrand.

Gleich nach dem Brand konnte die Familie im anliegenden Häuschen auf dem Hof unterkommen. Längerfristig war das jedoch nicht möglich, da es für den Winter ungenügend isoliert war. Durch eine überwältigende Solidaritätswelle erreichten die Familie viele Angebote an Unterkünften als Übergangslösung. So kam sie nur wenige Tage nach dem Brand im alten Schulhaus Strahlegg unter.

Der traumatische Autounfall

Nicht einmal ein Jahr später war Yuri Kaspar erneut gezwungen, mit einem einschneidenden Erlebnis klarzukommen. So kamen seine Mutter und er Anfang Februar 2021 mit dem Auto von der Strasse ab und erlitten einen schweren Unfall. Seine Mutter zog sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu, und der damals 14-Jährige musste die Polizei und die Rega verständigen.

Die zwei hatten Glück im Unglück. Obwohl seine Mutter für mehrere Wochen ins Spital und danach in eine Rehabilitationsklinik musste, hätte der Unfall weit Schlimmeres mit sich bringen können.

Aber als hätte die Familie mit einem Grossbrand auf dem eigenen Bauernhof und dem schweren Autounfall nicht schon genug erlebt, musste der 25. Februar im selben Jahr das Gegenteil beweisen.

Die Familie Kaspar und der Tod

Der Vater kam beim Traktorfahren von der schneebedeckten Strasse ab und verunglückte mit nur 52 Jahren tödlich. «Meine Kindheit war mit diesen Ereignissen so gut wie beendet, ich musste Verantwortung übernehmen», sagt Kaspar bedrückt. «Wenn ich jetzt zurückschaue, gibt es für mich ein Leben davor und danach.»

Für eine Übergangszeit kamen die drei Kinder bei einer Familie in Steg unter, da sich die Mutter immer noch in der Reha befand. Den Betrieb auf dem Hof übernahmen während dieser Zeit Freunde der Familie.

Ziemlich schnell war aber klar, dass eine Weiterführung des Bauernhofs mit dem Tod des Vaters nicht möglich ist. So entschied sich die Familie im Frühling 2021 gezwungenermassen, den Hof aufzugeben und ins Tal zu ziehen.

Mit einem neuen Wohnort und einem neuen Umfeld fing auch Yuri Kaspars Zeit am Gymnasium an. Durch den Schulwechsel verschob sich mit der Neuorientierung in Wetzikon an der Kantonsschule und dem voranschreitenden Alter sein Leben immer mehr ins Städtische und weg vom Tösstal.

«So entdeckte ich meine Liebe zum Wandern. Es ist für mich ein Rückzugsort, ein Nachhausekommen. Ich kann zu meinen Wurzeln und meiner Kindheit auf dem Berg finden. Und ich kann meinem Vater näher sein.» 

«Ich bin wohl nicht der Durchschnittsmitarbeiter»

So ist das Wandern für den 18-Jährigen von grosser Bedeutung. Doch die Freizeitbeschäftigung ist für ihn weit mehr als nur ein Weg, mit dem Verlust seines Vaters umzugehen. Denn Kaspar engagiert sich seit vier Jahren im Verein Zürcher Wanderwege. Dieser pflegt und signalisiert die 3000 Kilometer langen Wanderwege im Kanton.

Als Ortsmitarbeiter in Fischenthal ist er für die Region Schnebelhorn und Hörnli verantwortlich – «die schönsten Wege im Oberland natürlich», wie Kaspar lachend betont. Dort kümmert er sich um den Unterhalt der Signalisation und die Passierbarkeit der Wanderwege.

Wirft man einen Blick auf die Website der Zürcher Wanderwege, fällt einem aber schnell auf, dass der 18-Jährige unter den Mitarbeitenden und Freiwilligen aus der Reihe tanzt. Denn bei einem Durchschnittsalter von 50 Jahren und mehr ist Kaspar klar der Jüngling der Truppe.

Ob er sich da manchmal nicht etwas allein vorkommt? «Nein, überhaupt nicht. Klar, die sind alle älter als ich, und ich bin wohl nicht der Durchschnittsmitarbeiter. Aber ich sehe die anderen nicht als alt – einfach erfahrener.»

So weiss Kaspar: Das Wandern ist alles andere als nur eine Freizeitbeschäftigung für Seniorinnen und Senioren. Der Volkssport verbindet. Und hilft, mit Schicksalsschlägen umzugehen.

«Das Wandern ist der Gen Z’s Lust»

In seiner Maturarbeit untersuchte der 18-jährige Yuri Kaspar, wie die Generation Z wandert und ob das Zürcher Oberland ihren Bedürfnissen entspricht. Die Auswertung zeigte, dass sie Touren von drei bis vier Stunden bevorzugt, idealerweise im Frühling oder Herbst und in Gesellschaft von Freundinnen und Freunden. Kaspar stellte daraufhin fünf Wanderrouten im Zürcher Oberland zusammen, darunter auf den Hüttchopf, das Hörnli und das Rosinli.

Der höchste Berg im Kanton – «Yuris Favorit»

Unter anderem gehört auch eine Route auf den höchsten Gipfel des Kantons, das Schnebelhorn, dazu. Kurz: «Yuris Favorit».

Die Tagestour ab dem Bahnhof Steg verläuft über den Grosseggspitz auf das 1291 Meter hohe Schnebelhorn. Der Aufstieg mit 720 Höhenmetern erfordert etwas Ausdauer, gute Verpflegungsmöglichkeiten bieten aber die beiden Restaurants Tierhag und Sennhütte.

Mit bester Aussicht in die Alpen, spannenden Abschnitten auf Bergwanderwegen und abseits von grossen Städten entspricht die Wanderung den Bedürfnissen der jungen Generation. «Bei schönem, nicht zu heissem Wetter im Frühling oder Herbst ist dies ein perfekter Tagesausflug mit der Familie oder den Kolleginnen und Kollegen», lässt sich Yuri Kaspar aus seiner Maturarbeit zitieren.

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