Letzte Runde im Erzählcafé Pfäffikon
Organisatorin blickt zurück
Gabrielle Zangger-Derron hat in Pfäffikon einst das Erzählcafé ins Leben gerufen. Doch nun hört die bald 88-Jährige mit der Moderation der Gespräche auf. Zum Abschluss gibt es einen bekannten Gast.
«Für alte Leute gibt es sehr viele Angebote, aber kaum jemand fragt, was die alten Leute denn zu bieten haben», sagt Gabrielle Zangger-Derron. «Doch die alten Leute haben viel erlebt, sie können erzählen.» Das war die Idee, die sie vor zwölf Jahren dazu bewogen hat, in Pfäffikon ein Erzählcafé zu gründen, wo Seniorinnen und Senioren aus ihrem Leben erzählen.
Von 1963 bis 1973 arbeitete ihr Mann als Pfarrer in Pfäffikon. Danach lebte das Ehepaar 40 Jahre zuerst im Kanton Aargau, dann in Zürich, zuletzt in Wädenswil. Später zog es die beiden wieder an den Pfäffikersee. «Ich war damals zwar schon alt, aber dachte, ich könnte doch noch etwas Neues anpacken», sagt die heute 87-Jährige. Sie selber hatte als Redaktorin gearbeitet, war in der Erwachsenenbildung der kantonalen Kirche tätig und danach als Germanistin Teil des Teams der Neuübersetzung der Zürcher Bibel.
Erzählen als Empowerment
Sprache liegt ihr, Fragen stellen auch. Beim Erzählcafé befragt sie betagte Pfäffikerinnen und Pfäffiker über ihr Leben. «Ich vermeide den Ausdruck Interview, es soll ein Gespräch sein – einfach vor Zuhörern.»
Dabei hat sie beobachtet, dass die Erzählungen manchmal ein richtiges Empowerment auslösen. «Viele Personen, die ich angefragt habe, meinten zuerst, sie hätten doch gar nichts zu erzählen.» Im Gespräch sei ihnen dann bewusst geworden, dass sie sehr wohl etwas zu sagen hätten, dass sie viel erlebt hätten, dass sie jemand seien. «Da konnte man beobachten, wie das Selbstbewusstsein und die Freude grösser wurden.»
Ihre Idee eines Erzählcafés hat sie vor zwölf Jahren dem damaligen Pfarrer vorgeschlagen, der ihr sofort grünes Licht gegeben hat. Und obwohl die Organisation über die Reformierte Kirche laufe, sei der Anlass nicht an Religion oder Glauben geknüpft. «In den Erzählungen kam das Thema ab und zu vor», erzählt Zangger-Derron. «Aber ich hatte schon Gäste, die nicht Mitglieder der Reformierten Kirche waren, das war nie eine Bedingung.»

Die meisten Personen, die sich in den Jahren ihren Fragen stellten, hat sie direkt angefragt. «Ich hatte ‹aller Gattig› Leute zu Gast», sagt sie. In einem Jahr legte sie den Fokus auf Ausländer, die vor langer Zeit in die Schweiz gekommen sind und in Pfäffikon ein Zuhause gefunden haben. «Da kamen viele berührende Geschichten zusammen.»
So etwa aus dem Leben des mittlerweile verstorbenen Anatomieprofessors Wolfgang Zenker, dessen Familie dank einer tschechischen Hausangestellten dem «Brünner Todesmarsch» 1945 in Tschechien entkam. Oder aus dem einer Frau, die aus der Steiermark nach dem Krieg als Dienstmädchen in die Schweiz kam. «Im Anschluss an das Gespräch kamen drei Frauen aus dem Publikum auf sie zu und erzählten, dass sie das genau gleiche Schicksal erlebt haben», sagt Zangger-Derron.
Zuschauerzahl stieg stetig
Bei der ersten Durchführung war der ehemalige Leiter des Alterszentrums Sophie Guyer, Peter Portmann, zu Gast. «Ich wusste, dass er in Pfäffikon sehr geschätzt war, und dachte deshalb, dass viele Seniorinnen und Senioren sich für seine Lebensgeschichte interessieren würden – und es kamen tatsächlich 50 Personen.»
Diese Zahl der Zuhörer ist seither stetig gewachsen, gelegentlich sogar bis zu 100 Personen versammelten sich, um den Geschichten von früher zu lauschen. Nach einer Stunde Gespräch gibt es eine Kaffeepause, danach hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Dabei wäre es das Ziel von Gabrielle Zangger-Derron gewesen, den Kreis der Interessierten auch auf junge Personen auszuweiten. «Da das Erzählcafé jeweils am Freitagmorgen stattfand, war ich aber auf die Kooperation der Schulen angewiesen.» Sie wandte sich an alle Lehrpersonen der Sekundarschule und lud sie ein, mit ihren Klassen zu einem Besuch zu kommen. «Doch das war angesichts der Überbelastung der Lehrer nicht machbar.»
Sie bekomme immer wieder die Rückmeldung von alten Leuten, dass ihre Grosskinder sich nicht für ihre Geschichten interessierten. «Doch da bin ich anderer Meinung. Junge Leute hören gerne zu, wenn man von früher erzählt. Und es ist wichtig, dass sie von den Entbehrungen wissen, die ihre Grosseltern erlebt haben.»
Schluss aus Altersgründen
Für Gabrielle Zangger-Derron ist nun der Zeitpunkt gekommen, einen Schlussstrich unter «ihr» Erzählcafé zu ziehen. «Ich werde bald 88 Jahre alt, irgendwann ist auch mal gut.» An ihrem letzten Erzählcafé tritt unter anderen auch ein prominenter Gast auf: der ehemalige SVP-Regierungsrat Christian Huber.
Sie hätte Freude, wenn es danach mit dem Angebot irgendwie weitergehen würde. Sie habe von einer potenziellen Nachfolgerin gehört, ein Treffen habe aber noch nicht stattgefunden. «Das Interesse an Lebensgeschichten ist da. Ich wurde auch schon im Coop angesprochen und gefragt, wann denn das Erzählcafé das nächste Mal wieder stattfindet. Wir werden sehen.»
Die drei letzten Gäste
Noch dreimal wird Gabrielle Zangger-Derron vor Publikum mit älteren Pfäffikerinnen und Pfäffikern sprechen. Am Freitag, 28. Februar, ist der ehemalige Regierungsrat Christian Huber zu Gast. Am Freitag, 7. März, erzählt die ehemalige Lehrerin Elisabeth Attinger aus ihrem Leben. Und am Freitag, 14. März, macht der ehemalige Werkzeugmacher Ernst Raths den Abschluss. Das Erzählcafé findet von 9 bis 11 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus Pfäffikon statt. In der Pause werden Kaffee, Tee und Zopf offeriert. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
