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«Ich traute mich lange nicht, mich zu zeigen»

Sarah Vieth aus Egg spielte in vielen Bands. Mit 37 Jahren veröffentlicht sie nun ihr erstes Soloalbum. Es ist intim. Und ziemlich grossartig.

Der Friedhof Sihlfeld und das Alte Krematorium sind für Sarah Vieth wichtige Rückzugsorte.

Foto: Boris Müller

«Ich traute mich lange nicht, mich zu zeigen»

Erstes Soloalbum von Eggerin Palinstar

Sarah Vieth aus Egg spielte in vielen Bands. Mit 37 Jahren veröffentlicht sie nun ihr erstes Soloalbum. Es ist intim. Und ziemlich grossartig.

Tim Wirth

Im Café wird es ihr schnell zu viel.

Sarah Vieth hat von weissen Hasen im Universum erzählt, von Schreibritualen am Morgen, vom «Schiss», allein als Musikerin auf der Bühne zu stehen, und davon, dass sie es doch tun musste. Aber jetzt sagt sie: «Ich kann nicht so gut denken, wenn im Hintergrund das Radio läuft.» Also gehen wir über den nahe gelegenen Friedhof, und sie steuert das Alte Krematorium Sihlfeld D an, ziemlich direkt.

Ihr erstes Album allein, als Palinstar, heisst «Backtrain Places». Oxford-Englisch ist das nicht. Aber ihre Sprache. Direkte Übersetzung von «Rückzugsort». Und der Friedhof Sihlfeld ist einer ihrer Rückzugsorte.

Sarah Vieth kann sehr lustig sein – und dann plötzlich wieder ernst.

«Vor zwei, drei Jahren», sagt sie, «ist es mir nicht so gut gegangen. Ich weiss nicht, ob du das kennst, aber ich hatte Mühe, herumzusitzen und es einfach auszuhalten.» Sie lief dann jeden Tag den Friedhof auf und ab, und immer zum Alten Krematorium Sihlfeld D, das im Winter so düster aussieht, mit seinen schwarz verfärbten Säulen.

«Im Frühling wachsen hier farbige Tulpen», sagt sie.

Musik macht die 37-Jährige aus Egg im Zürcher Oberland schon lange. Neben ihrem Beruf in der Intensivpflege spielte sie Bass bei Kush K und Schlagzeug bei One Sentence Supervisor. Das sei prägend gewesen und sie habe viel über sich gelernt, sagt Sarah Vieth. «Aber ich habe mich auch hinter diesen Bands versteckt. Ich traute mich lange nicht, mich zu zeigen.»

«Nirvana del Rey»

Songs für sich allein hat sie trotzdem immer geschrieben. Mit «Backtrain Places» veröffentlicht sie als Palinstar nun diese Sammlung von intimen Stimmungen der letzten Jahre. Sie singt übers Vermissen, über Heimatlosigkeit und Einsamkeit. Das sind die weissen Hasen im Universum, über die sie im Café gesprochen hat, Themen, die sie interessieren und beschäftigen.

Palinstars Musik zuzuhören, macht traurig und tröstet gleichzeitig. Stil: «Nirvana del Rey», so sagte sie es einmal. Den gitarrenlastigen, schweren Grunge von Nirvana mischt sie mit den kitschigen Melodien von Lana Del Rey.

Das Albumcover von «Backtrain Places».
Das Album «Backtrain Places» von Palinstar erscheint am 21. Februar.

Ein Vorbild, das weniger erwartbar ist, liegt in den Wänden des Krematoriums Sihlfeld begraben. Sarah Vieth läuft unter der Laube durch, zeigt auf einen Grabstein in der Wand: Marie Heim-Vögtlin. Gestorben am 7. November 1916. Sie war die erste Schweizer Ärztin. «Und eine Suffragette. Ich bewundere sie voll.»

2017 bekam Sarah Vieth ein Stipendium der Stadt Zürich und wohnte in New York. Sie tourte mit der queeren Band Boytoy aus Brooklyn, traute sich Sachen, die ihr in Zürich schwerfielen oder ihr nicht zugetraut wurden. «Dieses Gefühl vermisse ich», sagt sie jetzt, während sie auf der Treppe vor dem Krematorium sitzt. «Es ist schwer, das Innere zu ändern, wenn das Äussere gleich bleibt», sagt Vieth.

Eine Frau hält sich an einer roten Stange.
Wenn sie ihre Songs jetzt live auf der Bühne spielt, hat Sarah Vieth einen emotionalen Jetlag.

Ihr Album glorifiziert das Auswandern aber nicht, sondern eher das Aushalten von Zwischenphasen und Gefühle, die im ersten Moment schwierig zu ertragen sind. Es sind diese Momente, die Vieth faszinieren, in denen man weiss, dass man etwas gehen lassen muss, ohne zu wissen, was kommt. «Oft habe ich diese Zeiten abgewertet», sagt sie, «dabei sind sie megawertvoll.»

Palinstars Songs vertonen komplexe Gefühle. Dieses Hadern auch. «Complicated» etwa ist acht Minuten lang und vertrackt, so wie Beziehungen, vor allem mit sich selbst, eben sein können. Und doch ist da immer eine Melodie, an der man sich festhalten kann. Ein befreiender Moment. Oder zumindest eine kreative Wortschöpfung.

Zu Wörtern wie «Backtrain Places» inspiriert hat Sarah Vieth unter anderem Fritz Herdi. Der Pianist hat sein Leben in Zürcher Bars verbracht, spielte Hintergrundmusik, hörte den Gästen beim Reden zu und gab deren Sprache 1955 als Lexikon heraus. «Limmatblüte: Vo Abblettere bis Zwibackfräsi» habe sie sich in einem Antiquariat gekauft, sagt Vieth. Dort habe sie gelernt, dass man auch «Fisch verschrecke» sagen könne, wenn man schwimmen meine. Macht sie jetzt manchmal.

Ihre Freundinnen in den USA wiederum verwenden ihre Mundart-Englisch-Kreationen. Wenn sie einen Ausflug machen wollen, sagen sie «outfly». Und wenn sie etwas ein bisschen zu standardmässig finden, dann «zero eight fifteen». 08/15.

«Ich muss jetzt los», sagt Vieth. Einen Hund bei der Schmiede Wiedikon abholen, den sie ausführt. Runter vom Friedhof.

Vielleicht wolle sie selbst mal ein Lexikon herausbringen, sagt sie. Zuerst geht Palinstar im Sommer aber auf Tour. Mit ihrem eigenen Album und Schlagzeuger Hugo Panzer und Tontechnikerin Lena Brechbühl, die sie begleiten. Sie habe jeweils einen emotionalen Jetlag, wenn sie auf der Bühne in die Gefühle ihrer Songs eintauche, die sie teils vor Jahren geschrieben hat.

«Fühlt sich sehr gut an», sagt Sarah Vieth. Was früher schwerfiel, ist jetzt vielleicht ganz einfach.

Das Album «Backtrain Places» von Palinstar erscheint am Freitag, 21.2.

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