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«Es ist unsere Pflicht hinzuschauen»

Vater uns Sohn aus Wernetshausen reisten in die Ukraine. In ihrer Fotoausstellung erzählen sie von Luftangriffen, Drohnen und Sonnenblumen.

Vater Urs Walder (links) machte die Bilder, Sohn Gian Walder half bei einem Hilfsprojekt mit.

Foto: Eleanor Rutman

«Es ist unsere Pflicht hinzuschauen»

Fotografien rund um den Krieg

Urs und Gian Walder besuchten die Ukraine. Wie nahmen sie den Aufenthalt im Kriegsgebiet wahr? Jetzt zeigen sie Fotos der Reisen in Wernetshausen.

Am 24. Februar jährt sich der Kriegsbeginn in der Ukraine schon zum dritten Mal. Ein trauriges Datum. Zumal der russische Angriffskrieg mittlerweile schon 12’605 zivile Todesopfer auf der ukrainischen Seite forderte, darunter rund 670 Kinder. Dies laut dem Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR).

Urs und Gian Walder haben das traurige Jubiläum zum Anlass für eine Fotoausstellung in Wernetshausen genommen. Der Fotograf und sein Sohn sind im Herbst 2023 und ein knappes Jahr darauf ein zweites Mal in die Ukraine gefahren. «Die meisten Bilder sind jedoch erst auf der zweiten Reise entstanden», sagt Urs Walder.

Ein Telegram-Kanal half weiter

Denn die Idee, die Ukraine zu besuchen, hatte einen anderen Ursprung. Sohn Gian Walder war damals 17 Jahre alt. Er wollte für seine Abschlussarbeit in der Gärtnerlehre in der Ukraine helfen und darüber berichten. Im Netz fand er die Non-Profit-Organisation Dobrobat. «Ich wurde in einen Telegram-Chat aufgenommen, und von da an verlief alles sehr schnell und unkompliziert», erzählt Gian Walder.

Die Organisation helfe, Häuser wiederherzustellen, Dächer zu flicken und soziale Infrastrukturen wieder instand zu setzen. So kam es, dass Gian Walder in Irpin mitarbeiten konnte. Die Stadt liegt 27 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew.

Vater und Sohn zeigen Bilder der Reisen und erzählen, wie sie die Stimmung in der Ukraine wahrgenommen haben.

«Als wir im Sommer 2024 zum zweiten Mal in die Ukraine reisten, gab es jede Nacht vier oder fünf Luftangriffe», sagt Gian Walder. Zu Beginn seien er und sein Vater bei jedem Alarm aufgestanden und hätten sich bei einer Unterführung beim Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, in Sicherheit gebracht.

Man entscheide jedes Mal von Neuem, ob man bei einem Alarm aus der Wohnung gehe oder nicht. «Nach zwei Wochen in Kiew haben wir uns irgendwann auch einfach umgedreht und weitergeschlafen, so müde waren wir», sagt Urs Walder.

Die Informationen, wie man sich bei einem solchen Angriff verhalten soll, entnahmen Vater und Sohn einer App namens Airalert, die jede Nacht angibt, welche Gebiete betroffen sind. Gian Walder öffnet die App und erklärt: «In den roten Zonen werden zum Beispiel in dieser Nacht Luftangriffe erwartet.»

Hände, die ein Smartphone halten, mit der ukrainischen Karte drauf.
Auf dieser App kann man die Gebiete sehen, in denen in der kommenden Nacht Luftangriffe erwartet werden.

Mit der Zeit beginne man, dem ukrainischen Abwehrsystem einfach zu vertrauen, fügt der 19-Jährige an. Einmal hätten er und sein Vater am Horizont Abfangraketen gesehen. «Auch an die Erschütterungen der Detonationen haben wir uns mit der Zeit gewöhnt.»

Iranische Drohnen «nur» als kleine Gefahr

Es habe sich meistens um iranische Drohnen gehandelt, die nachts die Bevölkerung eingeschüchtert hätten. «Bei diesen Drohnen heisst es, dass es reiche, wenn zwei Wände Abstand zwischen Einschlag und Mensch seien», erklärt Gian Walder.

Der Krieg sei für die Bevölkerung mittlerweile zum traurigen Alltag geworden. «Wir beobachteten Menschen, die während eines Alarms einfach im Restaurant sitzen blieben und weiterassen», sagt Gian Walder rückblickend.

Mehr als die Hälfte zerbombt

Zu Beginn der russischen Grossinvasion vor drei Jahren gingen schreckliche Bilder aus Irpin um die Welt. 2022 wurden in der Stadt rund 70 Prozent aller Gebäude zerstört. Darunter Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Parkanlagen und Kindergärten. «An vielen Orten sieht man mittlerweile aufgemalte Sonnenblumen als Symbol des Friedens», erklärt Gian Walder.

Er wollte für seine Abschlussarbeit vor allem auch das Thema der Grenze beleuchten. Eine erste Grenze hatte sich schon bei den SBB bemerkbar gemacht, als Vater und Sohn ein Ticket nach Kiew lösen wollten. «In Wien war schon Schluss.» Man könne nicht einfach an den Schalter gehen und sagen: «Grüezi, ich möchte gerne ein Zugbillett bis Kiew lösen.»

Also fuhren sie mit dem Zug bis Krakau und von dort weiter. Bei der zweiten Reise im Sommer 2024 mussten sie sogar den Flixbus ab Krakau nehmen, da alle Züge ausgebucht waren.

Zu wenig Zwischenverpflegung

Ihre erste Reise hätten sie etwas unbedarft begonnen, vor allem, was den Proviant betroffen habe: Vater und Sohn hatten etwas wenig zu essen mit dabei. «Ein ukrainischer Bataillonsführer, der mit in unserem Abteil sass, hat uns grosszügigerweise seine halbe Verpflegung aufgetischt», erinnert sich Gian Walder.

Die Menschen seien alle sehr freundlich gewesen. Auch bei den Arbeitseinsätzen, wo es vor allem darum gegangen sei, Trümmer wegzuräumen. Viele Europäer hätten mitgeholfen. Deutsche, Engländer, sogar ein 70-jähriger Schwede sei in seinem Trupp mit dabei gewesen. «Er hat gesagt, er wolle dort sein, wo er einen Unterschied bewirken könne», erzählt Gian Walder.

Fotos von den Trümmern und ein junger Mann mit Schaufel in der Hand.
Gian Walder hilft bei einem Arbeitseinsatz Trümmer wegzuschaufeln.

Eine Frau habe vor Ort in ihrem Gewächshaus gelebt, weil ihr Haus zerbombt worden sei. «Es gab schon Schicksale, die mich sehr erschütterten.»

Zum Beispiel auch dasjenige eines ukrainischen Elfjährigen, der sich mit seinem Vater in dem Hilfstrupp aufhielt. Sein Bruder sei zu der Zeit schwer verwundet gewesen. Mittlerweile sei der Bruder des Jungen jedoch wieder an der Front. Auch der Vater sei eingezogen worden. «Über Online-Computerspiele bin ich mit dem Jungen noch immer in Kontakt», sagt Gian Walder. Und er gibt zu, dass es sich bei einigen dieser Spiele um Baller-Games handelt.

Bei der zweiten Reise besuchten Vater und Sohn Walder auch einen Soldatenfriedhof. In Kiew beobachteten sie, wie die Leute auf der Strasse dafür demonstrierten, dass ukrainische Gefangene freigelassen werden. «Für mich als Fotografen waren die Demonstration und der Friedhof natürlich ein Glücksfall», sagt Urs Walder.

Natürlich könne man seine Bilder auch als Katastrophentourismus bezeichnen. «Für mich ist es aber auch eine Entscheidung: Entweder man schweigt sich über einen Missstand aus und verkriecht sich in seinem schönen Häuschen – oder man berichtet darüber», sagt Urs Walder.

Denn auch uns gehe es etwas an. Der Krieg sei nicht so weit weg. «Ich empfinde es als meine Pflicht, mich zu engagieren», fügt Gian Walder an. Für ihn wäre es schlimmer, einfach nicht hinzuschauen. «Was wir gemerkt haben, als wir dort waren, war der Umstand, dass die Leute wirklich gehört werden wollen.»

Die Fotoausstellung zu den Ukraine-Reisen

Die Ausstellung «Eindrücke aus Kiew 2023 und 2024» ist noch bis zum Sonntag, 23. Februar, im «grauen Haus für Vieles» in Wernetshausen zu sehen. Es sind Bilder des Fotografen Urs Walder und auch einige von seinem Sohn Gian Walder.

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