Firma für Weltmeister-Töffs testet seit 20 Jahren ohne Bewilligung Motoren
Abgasgestank sorgt für Wirbel
Ein Anwohner beschwert sich über den Gestank von Abgasen, dann stellt sich heraus: Der Suter Industries AG in Turbenthal fehlt eine Umweltbewilligung. Wie konnte das passieren?
Sie hatte schon oft den richtigen Riecher bei der Entwicklung von Trends: die Turbenthaler Firma Suter Industries AG. Davon zeugen weltmeisterliche Motorräder im Rennsport oder die Zusammenarbeit mit Hollywoodstar Keanu Reeves.
Die Nase voll von der Firma hat ein Anwohner. Seit vielen Jahren stört er sich an stinkenden Abgasen im Quartier. Schliesslich meldete er sich bei den Behörden und dieser Redaktion. Er berichtet von schwarzem und bläulichem Rauch, der aus dem Kamin des Gebäudes ausgetreten sei. «Mir wird schlecht davon», sagt er.
Selbst wenn er mit seinem Hund in über einem Kilometer Distanz spazieren gehe, rieche es nach «ungefiltertem Diesel». Weil er sich im Dorf nicht exponieren will, möchte der Anwohner anonym bleiben.
«Ständig andere Motoren»
In der Firma, die vom ehemaligen Motorrad-Rennfahrer Eskil Suter gegründet wurde, werden seit über 20 Jahren verschiedene Motoren getestet. Vier Prüfstände befinden sich im Gebäude am Dorfrand von Turbenthal, in das Suter 2004 eingezogen ist. Sie sind für die Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Was als Skizze entstand, wird dort getestet.

Ursprünglich aus dem Rennsport testet das Unternehmen mittlerweile viele Motoren aus der Schiff- und Luftfahrt oder der Rüstung. Reto Karrer, Leiter Entwicklung bei Suter, verweist deshalb auf die vielen unterschiedlichen Motoren, die an den Prüfständen aufgebaut sind: «Ohne konkretes Datum und ohne Uhrzeit ist es unmöglich, herauszufinden, ob und wann welcher Motor welchen Geruch verursacht hat.»
Aufgrund der Meldungen des Anwohners bei Polizei, Gemeinde und Kanton schauten die Behörden aber genauer hin. 2024 stattete das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) dem Betrieb mit Gemeindevertretern einen Besuch ab. Es stellte sich heraus: Die Suter Industries AG verfügte nie über eine lufthygienerechtliche Bewilligung.

Eine solche brauche es, sobald geruchsbelastete oder anderweitig belastete Abluft anfalle, sagt Sprecherin Isabelle Rüegg von der Baudirektion. Menschen, Tiere, Pflanzen und der Boden sollen so vor «schädlicher oder lästiger Luftverunreinigung» geschützt werden. Es geht also nicht nur um Gestank, sondern generell um mögliche Schadstoffe.
Bei Suter stehen laut Rüegg Kerosindämpfe sowie die Abgase aus der motorischen Verbrennung im Fokus. Messungen durch die Baudirektion fanden in der Turbenthaler Firma bisher aber keine statt. Zunächst müsse man klären, welche Messungen in diesem «spezifischen Fall» zielführend seien.
Denn Prüfstände von Verbrennungsmotoren sind gesetzlich ein Spezialfall, starr vorgeschriebene Grenzwerte gibt es nicht. «Die Anlagen müssen insbesondere im Hinblick auf ihre Nutzung individuell angeschaut werden», sagt Rüegg. Die dazu nötigen Abklärungen würden derzeit laufen. Die Firma Suter Industries AG hat laut Gesetz fünf Jahre Zeit, um ihre Anlage zu sanieren.
Gesuch trotz Auflage nicht eingereicht
Aber wie kann es sein, dass die Firma 20 Jahre lang unbewilligt Abgase nach draussen blies?
Diese Frage stellt sich umso mehr, als der Bau des Industriegebäudes in Turbenthal 2002 unter Auflagen bewilligt wurde. Rüegg von der Baudirektion sagt: «Zu diesem Zeitpunkt war die genaue Nutzung noch nicht abschliessend bekannt.» Der Kanton stimmte dem Bau deshalb zu, aber mit dem Vorbehalt, dass ein Gesuch für eine Bewilligung eingereicht werden müsse, sobald verschmutzte Luft anfalle. «Dieses Vorgehen ist in solchen Fällen üblich», sagt Rüegg.
Nur: Ein entsprechendes Gesuch wurde nie eingereicht.
«Darüber war ich auch überrascht», sagt Entwicklungsleiter Karrer, der 2003 und somit erst nach der eingegangenen Baubewilligung bei Suter zu arbeiten begann. Wie das habe passieren können, das müsse man nun zuerst einmal selber verstehen. Bei Suter wie beim Kanton haben die Angestellten in der Zwischenzeit gewechselt.
Die fehlende Bewilligung habe keine Busse zur Folge, sagt Rüegg. «Dazu fehlen die Rechtsgrundlage und eine dazu notwendige Praxis in der Rechtsprechung.»
Bis zum Eingang der Beschwerde im letzten Jahr sei die Anlage in Turbenthal auch nicht durch «übermässige oder lästige Gerüche» aufgefallen. «Mit den uns vorliegenden Informationen gehen wir aktuell nicht von einem schwerwiegenden Fall aus.»
Welche Stoffe vor dem Awel-Besuch in die Luft ausgestossen wurden, weiss man bei der Baudirektion allerdings nicht. «Dafür müsste klar sein, welche Motoren geprüft wurden und wie lange in den 20 Jahren die Prüfstände in Betrieb waren», sagt Rüegg.
Kamin angepasst, Filter eingebaut
Nach dem Besuch des Awel habe man sofort diverse Massnahmen getroffen, sagt Karrer von Suter. «Wir haben den Abgaskamin angepasst, der sich auf dem Dach in Richtung Kantonsstrasse befindet, sowie diverse Filtrierungen und Kühlungen eingebaut.» Im Herbst habe man dann weitere Verbesserungen vorgenommen.
«Seither können wir Angestellten keine Geruchsemissionen mehr feststellen», sagt Karrer. Auch das Awel bestätigt, die Situation habe sich «deutlich verbessert», da die getroffenen Massnahmen in der Luftreinhaltung erprobt seien. Zumindest sei man bisher davon ausgegangen. Denn der Anwohner sieht dies anders: «Es stinkt zwar weniger, aber immer noch stark.»
Karrer erreichen nicht zum ersten Mal Beschwerden aus der Bevölkerung. In seinen über 20 Jahren als Angestellter bei Suter erinnert er sich an zwei Beschwerden von Anwohnern. Auch, weil man früher wegen der Aktivitäten im Rennsport an Wochenenden getestet habe. «Da haben wir dann miteinander geredet und konnten es klären.»
Ob ein Gestank störend ist, empfinden Menschen unterschiedlich. Rüegg sagt, damit ein aufwendiges Verfahren mit Erhebungen und Befragungen initiiert werde, müsse ein gut begründeter Fall vorliegen. Die Auswertung müsste zudem laut Verordnung zeigen, dass «ein wesentlicher Teil der Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden erheblich gestört ist». Rüegg ergänzt, dass in Gewerbegebieten deutlich mehr toleriert werden müsse als in reinen Wohngebieten.
Der Geruch könnte auch eine andere Ursache haben
Zudem sei es so, dass Gerüche in einem Quartier nicht immer zweifelsfrei einem bestimmten Verursacher zugeordnet werden könnten. Auch Karrer von Suter wirft ein, dass der Geruch nicht zwingend von den Motorentests stammen müsse.
Denn Suter ist nicht das einzige Gewerbe am Dorfrand von Turbenthal. Dort befinden sich auch noch mehrere Autogaragen, und auf der anderen Seite der Kantonsstrasse betreibt ein Landwirt eine Holzschnitzelheizung sowie eine offene Kompostieranlage.
Zudem befindet sich auf dem Suter-Gebäude die Wohnung von Gründer Eskil Suter. «Wenn also Rauch zu sehen ist, könnte dieser auch aus seinem Cheminée stammen», sagt Karrer. Er merkt deshalb an, dass ein direkter Kontakt mit dem Anwohner weiterhelfen würde. «Dann können wir das Problem weiter eingrenzen.»
