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«Wir mussten heiraten, damit ich in der Schweiz bleiben konnte»

Paula und Karl Grimm haben am 8. Februar 1955 geheiratet. In diesem Jahr feiern sie Gnadenhochzeit – und blicken auf ein erfülltes Leben zurück.

Paula und Karl Grimm: ein Beispiel einer wundervollen Liebesgeschichte.

Foto: Lea Chiapolini

«Wir mussten heiraten, damit ich in der Schweiz bleiben konnte»

Hittnauer Ehepaar feiert 70. Hochzeitstag

Für Paula und Karl Grimm kommt der persönliche Valentinstag jeweils ein paar Tage früher. Sie haben einst am 8. Februar 1955 geheiratet. In diesem Jahr feiern die beiden Gnadenhochzeit – und blicken auf ein erfülltes Leben zurück.

«Ich wollte nie einen Schweizer heiraten», sagt Paula Grimm und lacht. Die Erklärung dafür geht in den nächsten 30 Minuten, als sie ihre Lebensgeschichte erzählt, irgendwie unter. Sie ist 1936 in Budapest zur Welt gekommen, Vater Österreicher, Mutter Ungarin. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, musste der Vater an die Front, und die Familie wurde zuerst nach Wien abgeschoben, danach nach Bayern deportiert. Als der Krieg zu Ende war, kehrten sie zurück nach Wien, Vater inklusive.

Heute sitzt die 88-jährige Paula Grimm mit ihrem 90-jährigen Mann Karl Grimm am Küchentisch in Hittnau. Am 8. Februar feierten sie ihren 70. Hochzeitstag, wenn auch nur im kleinen Rahmen. «Wir hätten ein Fest geplant, aber der Gesundheitszustand von Karli lässt das nicht zu.» Bis zu seiner Corona-Erkrankung vor drei Jahren sei es ihm sehr gut gegangen, sagt Karl Grimm. «Jetzt bin ich immer müde, das Gedächtnis ist nicht mehr so gut.»

Hochzeitsfoto von Paula und Karl Grimm
Paula und Karl Grimm an ihrem Hochzeitstag am 8. Februar 1955. «Das war ein Dienstag», erinnert sich Paula Grimm.

Nun blicken die beiden auf ihre Anfänge zurück. Zum ersten Mal getroffen haben sie sich am Bahnhof Embrach. «Ich war als ‹Kriegsgeschädigte› bei einer Bauernfamilie in der Schweiz zur Erholung», erzählt Paula Grimm. Sie hätte eigentlich die Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren wollen. «Doch dafür musste man 18 Jahre alt sein.» Also war der Plan, noch ein Jahr als Au-pair-Mädchen in London zu arbeiten, um die Englischkenntnisse aufzubessern.

Doch es kam anders. Eine gemeinsame Bekannte stellte die beiden einander vor. «Ich habe Karls Gesicht gar nicht recht gesehen, er sass auf dem Töff in Militäranzug und Militärhelm. Und als ich ihm zur Begrüssung die Hand gab, sagte ich nur: ‹Hui, habt Ihr kalte Hände!› Danach kam er plötzlich immer öfter bei mir vorbei», sagt sie und schaut ihren Ehemann verliebt an. «Wir mussten heiraten, damit ich in der Schweiz bleiben konnte.»

Doch da sie damals erst 17 Jahre alt gewesen war, hatte dies viele Papiere aus Budapest und Wien sowie die Zustimmung ihrer Eltern gebraucht. «Zur Zeit des Eisernen Vorhangs fast ein Ding der Unmöglichkeit», sagt Karl Grimm. «Immer wenn wir dachten, wir hätten alles beisammen, kam ein neuer Stolperstein.»

Ein halbes Jahr später, am 8. Februar 1955, als Paula Grimm – damals Paula Anton – zwar mittlerweile 18 Jahre alt, aber damit immer noch nicht volljährig war, hatten sie endlich alle Papiere beisammen. Auf dem Wetziker Standesamt gaben sie sich das Ja-Wort. Die kirchliche Trauung folgte im Sommer. «Wir hatten kein Geld für ein Fest», erzählt Paula Grimm. «Drei Freunde haben etwas Musik gemacht, gegessen haben alle vorher zu Hause.» Von ihrer Familie konnte niemand dabei sein.

Das frischgebackene Ehepaar zog für die erste Zeit zu Paul Grimms Eltern nach Wetzikon. Sie fand Arbeit in der Spinnerei Streiff im Aatal, er arbeitete als Hilfsarbeiter in der Schlosserei Weber in Wetzikon. «Um eine Lehre zu absolvieren, fehlte das Geld, da man dazumal sein Lehrmaterial selber bezahlen musste», sagt Karl Grimm.

Bisher hat er vor allem seiner Frau zugehört, nun kommt auch er in Fahrt. Auch er stammt aus einer Grossfamilie, Vater Schweizer, Mutter Italienerin. Er hatte vier Brüder und zwei Schwestern – gerade umgekehrt als bei seiner Frau.

Später, so Karl Grimm, habe er von seinem Lehrmeister ein Angebot erhalten: «Er meinte, wenn ich die doppelte Lehrzeit bei ihm verbringe und erst zum Schluss die Gewerbeschule besuche, kann ich eine offizielle Lehre machen.» Gesagt, getan. In seiner Schulklasse war er mit fast 25 mit Abstand der Älteste. «Ich war verheiratet und hatte schon zwei Kinder – und schloss als Klassenbester ab.»

Sein Lohn in der Schlosserei stieg mit dem Abschluss um 40 Rappen auf Fr. 2.55 pro Stunde. Paula Grimm hatte gerade mal Fr. 1.35 pro Stunde verdient. Doch mit der Geburt ihrer Tochter Barbara 1956 war ihre Zeit in der Fabrik sowieso vorbei.

Immer Tag der offenen Tür

Da in Ungarn mit der Oktoberrevolution das nächste blutige Kapitel geschrieben wurde, nahm die junge Familie für einige Zeit zwei Flüchtlingsmädchen bei sich auf. «Wir holten sie am Weihnachtstag 1956 ab, und sie wurden schnell zu Familienmitgliedern.» Und da in Wetzikon viele Flüchtlinge aufgenommen wurden, konnte Paula Grimm als Dolmetscherin etwas zur Haushaltskasse beisteuern.

Zwei Jahre später kam der erste Sohn zur Welt, noch einmal zwei Jahre später der zweite. 1966 gründete Karl Grimm mit einem Freund eine eigene Schlosserei, welche sein Sohn irgendwann übernahm und die bis Ende 2017 in Hittnau als Grimm Metallbau AG weiterbestand. «Zuerst fuhr ich immer mit dem Velo von Wetzikon zur Arbeit, doch irgendwann zogen wir als Familie hoch.»

Paula Grimm kümmerte sich um die Kinder, die Schwiegereltern, die Nachbarn – schlicht jeden, der Hilfe brauchte. «Meine Mutter sagte immer: ‹Wenn es an einem Tisch Platz hat für zehn Personen, hat es auch Platz für elf.› Dieses Credo habe ich übernommen.» Daneben half sie beim Schulhausputz, im Büro der Schlosserei, einfach überall. «Bei mir war immer Tag der offenen Tür.» Auch ihre Nichte kam als Pflegekind zu ihnen in die Familie.

Arbeiten für die Olympiade 1972

Karl Grimm war aufgrund seines Berufs allerdings oft auf Montage und darum weg von zu Hause. «Als die automatischen Drehtüren aufkamen, war ich in der ganzen Schweiz in Hotels und Warenhäusern unterwegs – in Genf, Chiasso, Arosa, Davos, Zermatt, manchmal zwei Wochen am Stück.»

Er reiste sogar nach München, um beim Aufbau des olympischen Dorfs für die Spiele 1972 mit anzupacken. «Diese Arbeiten dauerten zwei Monate, aber am Wochenende flog ich jeweils nach Hause.» Da seine beiden Lehrlinge, die er nach München mitgenommen hatte, aber jede Woche einen Tag in die Gewerbeschule mussten, war er auf zusätzliche Hände angewiesen. «Viele meiner privaten Freunde sprangen ein – einfach, damit sie auch mal fliegen konnten.»

Vom Reisefieber gepackt

1999 wurde Karl Grimm pensioniert, half aber noch viele Jahre aus, wenn es nötig war. Bei ihrer Hochzeit hätten sie nichts gehabt, auch nie etwas geerbt. Jetzt besitzen sie einige Immobilien, darunter das Haus, in dem sie seit 2006 leben. «Wir haben alles mit unseren eigenen Händen erarbeitet», sagt Paula Grimm.

Nach der Pensionierung machten die beiden erst einmal für sechs Monate eine Reise durch Amerika und Kanada, besuchten Bekannte und Verwandte. Seither hat sie das Reisefieber gepackt. Am liebsten sind sie mit der Familie unterwegs. «Dank meinen Söhnen war ich schon auf allen fünf Kontinenten», sagt Karl Grimm stolz.

Mittlerweile haben sie vier Enkel und zwei Urenkel. «Jedes Mal, wenn unser Jüngster Ferien plant, fragen unsere Enkel, ob wir auch wieder mitkommen – einmal sagte ich: ‹Wir sind schon langsam und nicht mehr so beweglich›», sagt Paula Grimm. «Aber meine Enkelin meinte dann: ‹Omi, früher habt Ihr auf uns geschaut, jetzt schauen wir für Euch.›»

Familie im Zentrum

Dass der 70. Hochzeitstag auch als Gnadenhochzeit bezeichnet wird, passt ihrer Meinung nach sehr gut. «Es ist eine Gnade, ein Geschenk, so lange zusammen sein zu dürfen.»

Gleichzeitig sei es traurig, mit dem stolzen Alter auch immer mehr Freunde beerdigen zu müssen. «Bald haben wir keine Freunde mehr», meint Karl Grimm traurig. Die letzte Beerdigung ist keine Woche her.

Auch sein Gesundheitszustand sei ein ständiges Auf und Ab. Der Umzug in ein Altersheim oder eine Alterswohnung wäre für ihn eine Option, für sie kommt das noch lange nicht infrage.

Wie wichtig ihnen die Familie ist, sieht man auch dem Haus an. In jedem Raum hängen unzählige Fotos von Familienmitgliedern, insgesamt wohl etwa sieben Generationen. «Spitex brauchen wir nicht, wenn nötig kommen die Kinder und helfen.»

Den Fahrausweis haben beide freiwillig abgegeben, dafür leisten sie sich ein Generalabonnement für die SBB. «Wenn Paula jeweils im Turnen ist, steige ich einfach mal in den Bus und schaue, wohin es mich an diesem Tag zieht», sagt Karl Grimm zufrieden.

Was das Geheimnis von 70 Jahren Ehe ist, beantwortet er schnell: «Es ist Paula zu verdanken, dass wir so lange zusammen sind, sie hält die Familie zusammen.» Klar habe es auch schon laute Töne gegeben. «Aber das gehört dazu», sagt Paula Grimm. «Wir können sagen, wir hatten 70 glückliche Jahre», sagt Karl Grimm und schaut zu seiner Frau.

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