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Sie machen Zugfahren leichter – mit Service, den die SBB nicht bieten

Fünf junge Schweizer haben mit Simple Train eine Firma im Oberland gegründet, die Zugticket-Käufe für Auslandsreisen einfach macht. Wir haben sie nach ihren Buchungstricks gefragt.

Sind schon zusammen ins Gymnasium und jetzt Geschäftspartner: Saskia Bilang und Austin Widmer haben mit drei weiteren Freunden die Firma Simple Train gegründet.

Foto: Rahel Zuber

Sie machen Zugfahren leichter – mit Service, den die SBB nicht bieten

Oberländer Start-up

Fünf junge Schweizer haben mit Simple Train eine Firma im Oberland gegründet, die Zugticketkäufe für Auslandsreisen einfach macht. Wir haben sie nach ihren Buchungstricks gefragt.

Daniel Schneebeli

Wer mit dem Flieger verreisen will, kann sein Ticket mit wenigen Klicks auf dem Handy buchen. Wer aber schon mit dem Zug ins Ausland gereist ist, womöglich noch über mehrere Landesgrenzen hinweg, weiss: Die richtigen Tickets zu lösen, kann ganz schön kompliziert sein. Das nervt. Vor allem, wenn man diese Art des Reisens bewusst gewählt hat, um die Umwelt zu schonen.

Doch jetzt gibts Hilfe. Simple Train, ein Oberländer Start-up, verkauft Zugtickets in wirklich jede Ecke Europas und sogar nach Nordafrika. Und das erst noch so günstig wie möglich.

In einem Altstadtbau in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs sitzen die Jungunternehmer, die hinter Simple Train stecken, dicht gedrängt in einem kleinen Büro. An die Wände sind Karten und Zettelchen angepinnt, in der Ecke steht ein Drucker für Bahnbillette. Was es hier indes nicht gibt: fixe Arbeitsplätze für die Angestellten, geschweige denn festgefahrene Strukturen. Hier ist alles provisorisch, ein bisschen wie damals in der Garage von Steve Jobs im kalifornischen Los Altos, denkt man.

Okay, der Vergleich mit Apple ist vielleicht etwas verwegen. Pioniergeist herrscht aber auch bei Simple Train. Und Begeisterung. «Es ist cool, zu sehen, wie sich unsere Firma entwickelt», sagt Saskia Bilang und strahlt. Und ihr Geschäftspartner Austin Widmer nickt und doppelt nach: «Das ist unser Herzensprojekt.»

Als Kind viel mit dem Zug gereist

Simple Train entstand kurz vor der Corona-Pandemie. Das Projekt aus der Taufe hob Marius Portmann, der mit Bilang und Widmer ins Gymi gegangen war. (Oder besser: mit Saskia und Austin. Auf der Firmenwebsite werden alle nur mit Vornamen vorgestellt.) Schon als Kind war seine Familie immer mit dem Zug in die Ferien gereist – und so wurde aus ihm ein leidenschaftlicher Bahnfan.

Nach der Matur begann er, via Facebook eine Dienstleistung anzubieten, die sich mit seiner Leidenschaft deckte: Gegen Bezahlung suchte er Bahnverbindungen ins Ausland – und besorgte auch gleich die Tickets. Eine simple Idee, aber offenbar auch ein Bedürfnis: Sich im Dschungel der europäischen Fahrpläne und Tarifsysteme zurechtzufinden, ist wirklich nicht einfach. Doch was andere als mühsam empfinden, sah Portmann als Herausforderung – und je mehr er sich in die Materie vertiefte, desto besser wusste er Bescheid.

Die Nachfrage war von Anfang an gross und wurde schnell grösser. Schon nach wenigen Wochen hatte sich Portmanns Kundenstamm über seinen Kollegenkreis hinaus erweitert, und er kam mit der Arbeit nicht mehr nach. Damals stiessen Austin Widmer und Linus Egli hinzu und wenig später Saskia Bilang und Karin Hugentobler, allesamt ehemalige Schulfreunde aus der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon. «Fünf Freunde aus dem Oberland», sagt Bilang grinsend und spielt damit auf die Bücher von Enid Blyton an, die nicht nur sie als Kind verschlungen hat.

Von Migros und ZKB gefördert

Im September 2020 machten die Freunde Ernst. Die Firma wurde offiziell gegründet – der Name war schnell gefunden: Simple Train –, sie bekam eine eigene Website samt einem einfachen Buchungssystem. Das Team wurde grösser, es stiessen IT-Spezialisten und Kommunikationsfachleute hinzu. Simple Train schloss Vertriebspartnerschaften mit den wichtigsten europäischen Bahn- und Fährgesellschaften ab, und die Jungunternehmer bemühten sich um Bankkredite.

Man sieht zwei Menschen an einem Bahnhof.
Fahren natürlich auch selbst gerne Zug: Saskia Bilang und Austin Widmer vom Simple-Train-Gründerteam. Marius Portmann sollte eigentlich auch mit aufs Foto, lag aber, als der Artikel entstand, mit Grippe im Bett.

«Am Anfang waren wir vollkommene Grünschnäbel», erinnert sich Austin Widmer lachend. Doch sie lernten schnell hinzu und vor allem: «Wir hatten keine Angst.» Häufig klappte etwas nicht im ersten Anlauf, doch die Simple-Train-Gründer liessen sich nicht so rasch abschütteln. «Wir waren hartnäckig bis zur Aufsässigkeit, haben manchmal auch den Chef verlangt, so lange, bis die Verträge unterzeichnet waren.»

Mit der Firmengründung geriet Simple Train ins Visier von Talentspähern. «Wir wurden vom Migros-Pionierfonds gescoutet», erzählt Widmer. Mittlerweile ist die dreijährige Förderpartnerschaft mit der Migros zwar zu Ende. Doch eben wurde Simple Train mit dem Zürcher Zukunftspreis ausgezeichnet, den der Zürcher Kantonsrat dieses Jahr erstmals vergeben hat. «Das macht uns stolz», sagt Saskia Bilang. Die 16’000 Franken aus der Jubiläumsdividende der Kantonalbank werde man in die weitere Automatisierung des Buchungstools investieren.

Und wie gehts weiter? «Simple Train steht im Moment an der Schwelle, ein ernst zu nehmender Player im Bahnticketing zu werden, wie etwa Trainline in Grossbritannien», sagt Austin Widmer.

Alle möglichen Reisen, aber keine Hotelbuchungen

In den ersten Monaten mussten alle Bestellungen manuell erledigt werden. Inzwischen ist das Buchungstool so weit entwickelt, dass ein Grossteil der Tickets an die wichtigsten Destinationen der Nachbarländer automatisch erledigt werden kann.

Wenn die Anfragen komplizierter werden, Spezialwünsche wie Velotransport oder Hundetickets dazukommen und Rückfragen nötig sind, wird allerdings noch immer von Hand gearbeitet. Grundsätzlich wird mit Ausnahme von Hotelbuchungen jede Bestellung erledigt, auch für Reisegruppen. So hat Simple Train schon Reisen nach Marokko oder nach Kirgistan organisiert.

Und was das Versprechen des günstigsten Tarifs angeht, so hat sich die Truppe im Lauf der Zeit schon einige unkonventionelle Kniffe angeeignet. So werden zum Beispiel bisweilen Interrail-Tickets ausgestellt oder die Carte Avantage eingesetzt, eine Art französisches Halbtax. «Weitere Buchungstricks werden nicht verraten», sagen Saskia Bilang und Austin Widmer schmunzelnd. Nur so viel: Auf gewissen Strecken könne es günstiger sein, eine Reise ab Zürich im Ausland zu buchen. Mit solchem Know-how bietet Simple Train inzwischen so manche Dienstleistung an, die es am SBB-Schalter nicht gibt.

Bis heute hat Simple Train rund 10’000 Reisewünsche erfüllt. Und der Kundenstamm wächst. Regelmässig würden auch ältere Personen über sie buchen, die mit dem digitalen Ticketing nicht so vertraut seien. «Das zeigt uns, dass unser Tool einfach zu nutzen ist», sagt Austin Widmer. Vor einiger Zeit haben auch Reisebüros begonnen, Zugreisen über Simple Train zu buchen.

Und wie läuft eine solche Buchung nun ab? Wer Simple Train nutzen will, muss das mindestens fünf Tage vor der Reise tun; kurzfristigere Buchungen können nicht berücksichtigt werden. Sobald eine Onlineanfrage eintrifft, erkennt das System, ob der Auftrag automatisiert werden kann oder manuell erledigt werden muss.

Dann wird für Neukunden eine Bearbeitungsgebühr von 25 Franken fällig, die beim Abschluss eines Auftrags angerechnet wird. Innerhalb von 48 Stunden erhalten die Kunden eine Offerte, meist mit verschiedenen Reisevarianten. Bei Fragen steht eine Chatfunktion zur Verfügung.

Sobald der Auftrag gebucht wird, stellt Simple Train alle Tickets aus, die für eine Reise nötig sind. Weil die meisten Bahngesellschaften jeweils eigene Ticketsysteme haben, sind oft viele verschiedene Tickets nötig – die Dateien, welche die Kunden zugeschickt bekommen, können also ganz schön gross ausfallen. Manchmal müssen die Tickets auch ausgedruckt werden. Freigeschaltet oder verschickt wird alles erst, nachdem die Zahlung eingegangen ist.

Zugreisen sind romantischer

Und was ist die Hauptmotivation für die Jungunternehmer: ihr Beitrag zum Klimaschutz oder der Ehrgeiz, eine gute Dienstleistung zu erbringen? Beides, finden Saskia Bilang und Austin Widmer übereinstimmend. Von der Flugschambewegung möchten sie sich aber distanzieren. «Wir machen hier keine Politik», sagt Widmer. Es gehe ihm vielmehr darum, eine altmodische Branche aufzumischen und die Bahngesellschaften zu motivieren, ihre Angebote besser zu koordinieren.

Und weshalb soll man eine 40-Stunden-Reise nach Kreta mit Zug und Schiff buchen, wenn man die Strecke zum gleichen Preis auch in vier Stunden per Flugzeug bewältigen kann?

Da gibt es für Bilang und Widmer zwei Gründe. Erstens verursache die Reise über Land und Wasser nur ein Zehntel an Treibhausgasen. Zweitens könne man sich auf der langen Reise besser auf die Ferien einstimmen. «Es ist romantischer, im Zug zu reisen, und es kann einem schöne Begegnungen bescheren», sagt Saskia Bilang. «Ich habe so schon ein gemeinsames Yogatraining auf dem Bahnsteig erlebt.»

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