Dieses Seelsorgerpaar aus Greifensee wurde für seinen Mut belohnt
Katholische Kirche neu gedacht
Wie geht Kirche mal anders? Die Pfarreileiter Hella und Gregor Sodies wollen ihre Kirche passend zum Zeitgeist gestalten.
Hella Sodies öffnet an einem grauen Wintermorgen die Tür des Häuschens – mitten im Greifenseer Städtli. Auf die Frage, wie man ihren Namen Sodies ausspreche, sagt die studierte Theologin in einem fröhlichen Singsang: «Sodies? Wie so dies, so das.»
Sie und ihr Ehemann Gregor Sodies wirken im elften Jahr in der katholischen Kirche von Greifensee. Da sie als Paar und offensichtlich nicht zölibatär leben, dürfen sich Hella und Gregor Sodies nicht Pfarrer und Pfarrerin nennen – somit sind die beiden studierten Theologen «nur» als Pfarreibeauftragte oder Pfarreileiter tätig.
Sie dürfen zwar Hostien verteilen, aber nicht der sogenannten Wandlung in einer katholischen Messfeier vorstehen. Laut katholischer Lehre ist dies die substanzielle Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut von Jesus Christus.
Brot selber online segnen
Es ist ein Besuch, der aufzeigt, wie sich das Paar zwischen katholischer Struktur und modernem Alltag bewegt. Wie man sich mit anderen Bezeichnungen und Worten zu helfen weiss, um sich dennoch innerhalb der Struktur der Katholischen Kirche bewegen zu können. «Wir wollen vor allem einfach machen», sagt Gregor Sodies bestimmt.
Dass es innovativ ist, hat das Paar auch während der Pandemie bewiesen: Die beiden luden zu einem Ritual ein, bei dem die Kirchgängerinnen und Kirchgänger ihr Brot zu Hause vor dem Bildschirm direkt selber segnen konnten. «Jeder Mensch darf nach katholischem Verständnis etwas segnen», sagt Hella Sodies.
Ganz im Jetzt – der Himmel kann warten
Vor Kurzem haben der Pfarreirat und das Pfarreiteam auch das Kirchenlogo neu gestalten lassen. Das Auswahlverfahren sei ein langer Prozess gewesen, mit vielen Beteiligten. Auch ein humorvoller Leitsatz wie «Der Himmel kann warten» ist zur Auswahl gestanden. Gewonnen hat im Endeffekt die Wortmarke «Kirche. einfach. anders».
Wie anders kann denn so ein Gotteshaus sein? «Für uns soll Kirche im Hier und Jetzt stattfinden und sich vor allem auch um die Gemeinschaft drehen», sagt Hella Sodies.
Beim Kaffee in der Morgensitzung ist neben Sodies Ehemann Gregor auch ein dritter Theologe im Bunde, der Jugendseelsorger Jonathan Gardy. Alle drei wählen ihre Worte mit Bedacht, wenn sie über ihren sinnstiftenden Beruf als Seelsorger sprechen.

Man spürt das Spannungsfeld, in dem sich die drei Theologen bewegen. Da sind einerseits die Nähe zu den Menschen sowie der Wunsch nach kreativem Wirken, nach Freiheit und Weite, auf der anderen Seite die alten Strukturen Roms und die Tradition der Katholischen Kirche.
So gibt es zum Beispiel ein Foto auf kath.ch, dem Portal der Katholischen Kirche in der Schweiz, wo Gregor Sodies bei einem Umzug die Osterkerze trägt. Hella Sodies direkt dahinter, beide in einem weissen Gewand, das in der heutigen Zeit für Aussenstehende sehr traditionell anmutet.
Ja, auch über die Gewänder habe man schon oft gesprochen, sagt Hella Sodies. «Von mir aus müssten wir die Gewänder nicht mehr unbedingt tragen», sagt sie. Wieso tun sie es trotzdem? «Es geht um die Bedeutung und die tiefere Erfahrung dahinter.» Religion soll verständlich und zugänglich sein.
Rituale seien etwas «Handfestes» und strukturierten das Leben. «Viele Menschen erleben das als sinnstiftend, weil sie innerlich berührt werden und eine Vertiefung ihres Alltags erfahren», sagt die Theologin.
Moderne Worte finden für alte Traditionen
Das Ehepaar will in seiner Pfarrei die Dinge etwas anders angehen. Das drücke sich bei ihrem Gottesdienst vor allem durch die Sprache aus. «Wir wollen direktere und neue Worte finden, denn in der formalisierten Sprache geht viel Vertrautheit verloren.»
Vor allem bei Beerdigungen sei es wichtig, Nähe zu schaffen und die Angehörigen anzusprechen. «Das ist ein Punkt, der uns sehr ermutigt hat, etwas experimenteller unterwegs zu sein.» Auch die Augenhöhe spiele dabei eine wichtige Rolle.
In Winterthur hätten sie noch eine richtige Kanzel gehabt. «So von oben hinunter zu predigen, ist anstrengend», sagt die 44-Jährige. Sie habe da gar nie gesehen, was in den Augen der Menschen passiere und wie etwas ankomme, das sie bei einem Gottesdienst sage.
Da sei der Raum in Greifensee eine wahre Wohltat. 150 Menschen passen in diesen Raum. Alles ist auf gleicher Höhe. Der Saal erinnert eher an ein Gemeindehaus oder ein Theater als an eine Kirche.

«Natürlich ist die reformierte Kirche in Greifensee schmucker zum Heiraten», sagt Gregor Sodies. Manchmal trauen die Theologen aber auch Paare in der reformierten Kirche nebenan. «Das geht, wenn gemischt geheiratet wird.»
Krimi und Tanz auf katholisch
Dass Kirche nicht immer ernst sein muss, zeigt das Trio, indem es auch Spielnachmittage oder spezielle Abendanlässe veranstaltet. Gemeinsam mit der Reformierten Kirche Greifensee bieten die drei zum Beispiel Crime Dinners an, ein spezielles Abendessen, wo jeder Gast sich verkleidet und es in der Gruppe einen Mordfall zu lösen gilt. «Dies ist ein Benefizanlass, dessen Ertrag der Arbeitsgruppe Faire Welt Greifensee-Nänikon zugutekommt», sagt Hella Sodies. Das sei wichtig, denn die Kirche an sich dürfe keinen Gewinn erwirtschaften.
Zudem organisiert die Pfarrei monatlich stattfindende Tanzabende im Stil von Bal Folk, zu denen man auch ohne Tanzpartner hingehen kann. Alle Angebote richten sich auch an Nicht-Katholiken. Wie die Gemeinschaft funktioniert, zeigt die Pfarrei in einem Film, der im letzten Jahr gedreht wurde.
Mitreden in der Gemeinde
Auffallend viele junge Menschen kommen da zu Wort, auch Kinder. Der Imagefilm vermittelt das Gefühl von Offenheit und Gemeinschaft. Auch, dass viele Entscheidungen im Gremium gefällt werden. Es sei keine typische Kirche, sagt eine Frau darin.
«Hier kann ich einfach sein, wie ich bin.» Ein Jugendlicher erzählt, dass er sogar beim Vorstellungsgespräch von Jugendseelsorger Jonathan Gardy dabei sein und mitreden durfte.
Dass sie sich ausserdem für eine Reform der Strukturen in Rom einsetzen und auch aufbrechen wollen, versteht sich damit fast von selbst.
Erst im letzten Herbst wurden das Paar und die Pfarrei mit der Herbert-Haag-Wandermedaille ausgezeichnet.
Die Herbert-Haag-Stiftung richtet Anerkennungspreise an Personen und Institutionen aus, die sich durch freie Meinungsäusserung oder mutiges Handeln exponiert haben.
Die Entstehung der Wandermedaille ist aus der Herbert-Haag-Stiftung hervorgegangen. Die Medaille wurde zuerst an Martha Brun 1991 für loyale Opposition im Bistum Chur überreicht. Bevor die ehemalige Menzinger Schwester und spätere Pfarreiverantwortliche starb, vertraute sie die Medaille einer Freundin, der Theologin Bernadette Tischhauser, an.
Dazu lassen die beiden Seelsorger eine gewisse Bescheidenheit durchblicken. Sie hätten sich über die Auszeichnung gefreut, doch es gebe so viele andere, die den Preis auch verdient hätten.
In der Medienmitteilung zum Ehrenpreis steht, Hella und Gregor Sodies hätten ihre Stimme gegen Willkür, gegen Vertuschung und Machtmissbrauch erhoben.
Ist ein Strukturwandel realistisch?
So war Hella Sodies vor anderthalb Jahren auch Gast im «Club» bei SRF, als es um die Vorfälle von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche ging. In der Sendung sagte die Theologin ganz klar, dass es einen Strukturwandel brauche.
Das Seelsorgeteam wolle Bewusstsein dafür schaffen, dass man den Wandel, den es in Greifensee schon lebe, auch von «oben» fordere. Hella Sodies verweist in diesem Zusammenhang auf einen offenen Brief der Kirchgemeinde Uster. Darin wurde die Katholische Kirche in der Schweiz aufgefordert, in Rom strukturelle Reformen zu verlangen.
Wie sieht es heute aus? Das Theologenpaar und die Pfarrei bleiben «im Kleinen» am Ball und leben den Strukturwandel, den sie sich für die ganze Kirche wünschen, in ihrem Mikrokosmos selbst.
«Dabei erfahren wir viel Resonanz von den freiwillig Engagierten und überhaupt von zahlreichen Pfarreimitgliedern und Menschen, die mit uns verbunden sind», sagt die Theologin.
