Waldpflege mit Ziegen – eine ungewöhnliche Lösung im Tösstal
Verbuschung im Schutzgebiet
Bei Saland helfen Geissen bald bei der Pflege eines Naturschutzgebiets mit. Sie sollen die Verbuschung im lichten Wald bekämpfen und so die Artenvielfalt fördern.
Seit bald 150 Jahren sind Weidetiere im Wald verboten. Zu gross waren die Schäden im 19. Jahrhundert, als sich Schweine, Geissen oder Kühe im Wald satt frassen.
Aber keine Regel ohne Ausnahme: Der Kanton Zürich hat nun ein Projekt in einem Schutzgebiet von Pro Natura bewilligt. Bald sind im lichten Wald des Eichbergs bei Saland im Tösstal Geissen im Einsatz. «Sie werden uns im steilen Gelände als Mähmaschinen unterstützen», sagt Projektleiterin Evelyn Kamber. Finanziert wird das Projekt mehrheitlich durch den Kanton sowie Pro Natura Zürich.
Die Burengeissen, die eingesetzt werden, stammen vom Sternenberg und gehören Landwirt Sepp Schuler. «Seine Geissen sind sehr geeignet, weil diese Art in der Regel nicht springt und so nicht über den Zaun entwischen kann», sagt Kamber. Er werde sie vor Ort täglich überwachen. «So sieht er, ob noch genügend Futter vorhanden ist oder ob die Tiere aus dem Wald genommen werden müssen.»

Die Sonderbewilligung für die laut Waldgesetz «nachteilige Nutzung» gilt für zehn Jahre. Sie kann jedoch widerrufen werden, wenn die Geissen andere Funktionen des Walds gefährden. Etwa, wenn sie ungewollte Schäden an Bäumen hinterlassen oder der Lebensraum der Wildtiere durch den Zaun im Wald zu stark eingeschränkt wird. Pro Natura arbeitet deshalb mit Gemeindeförster Jürg Künzi und Kreisförster Samuel Wegmann zusammen. «Wenn sie denken, es geht schief, dann kann es zum Abbruch kommen», sagt Kamber.
Richtungswechsel in Zürich
Bislang war der Kanton Zürich sehr zurückhaltend, was Weidetiere im Wald betrifft. Von 2009 bis 2013 pflegten Geissen eine Naturschutzweide im Bachsertal. In einem Bericht von Pro Natura Zürich heisst es: «Politische Gründe verhinderten anschliessend eine vertiefte Diskussion über die Einführung.»
Damals war Markus Kägi (SVP) Baudirektor, ein passionierter Jäger. Nun, mit Martin Neukom (Grüne) an der Spitze des Departements, habe sich die Haltung verändert, sagt Projektleiterin Kamber. «Jetzt ist es wieder möglich.»
In einem Wald in Zollikon wurden ab 2022 beispielsweise Schweine zur Bekämpfung einer invasiven Kletterpflanze eingesetzt. Für das neue Geissenprojekt im Tösstal war aber trotzdem Geduld nötig. Insgesamt habe sich das Bewilligungsverfahren über rund zwei Jahre hingezogen.
Der Kanton Aargau war offener: Dort konnten Naturschützer in den letzten 20 Jahren schon einige Erfahrungen sammeln. Die Creanatira, eine Tochterfirma der Pro Natura Aargau, unterhalte mittlerweile fast 30 Hektaren Waldweide, schätzt Geschäftsführer Ulysses Witzig. Für das Projekt im Tösstal konnte Pro Natura Zürich deshalb von den Erfahrungen der Creanatira profitieren.
Steile Hänge bisher nicht gepflegt
Der Eichberg im Tösstal war in den letzten Jahren ausgelichtet worden, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Vom zusätzlichen Licht im Wald profitieren unter anderem das Langblättrige Waldvögelein, eine Orchideenart, die am Eichberg wieder vermehrt blüht. Auch Tagfalter fühlen sich auf Waldlichtungen wohl. Damit der Boden des lichten Walds nicht wieder verbuscht, sind im Herbst jeweils Eingriffe nötig. Verschiedene Gruppen, darunter auch Freiwillige, mähen Gras oder schneiden Büsche zurück.

Die steilen Gebiete des Walds, rund eine Hektare, habe man bisher jedoch nicht gepflegt, sagt Kamber. «Wegen der Arbeitssicherheit hätten wir die Leute dort anseilen müssen.» Die Tiere lösen nun dieses Problem, die Geissen werden diesen Frühling und Herbst erstmals dort eingesetzt. Aber auch das bedeutet einen Mehraufwand: Statt sichernde Seile braucht es einen Zaun für die Tiere.
Alle fünf Meter werde ein Pfosten eingeschlagen. «Kurz bevor die Tiere im Gebiet sind, werden diese gesetzt.» Sobald die Tiere nach drei bis vier Wochen weg seien, werde auch der Zaun wieder abgebaut. Der Lebensraum des Wilds solle dadurch nur minimal eingeschränkt werden. Das würden Erfahrungen aus dem Bachsertal und dem Aargau zeigen.
Neue Strukturen sollen entstehen
Für die Biodiversität sind zudem die verschiedenen Strukturen, die von den Geissen geschaffen werden, ein wichtiges Argument. «Sie fressen kleinräumiger ab, ein Mensch schneidet einfach alles gleichmässig.» Geissen knabbern gern die Rinde an Gebüschen ab. «Je nach Art sterben diese dann ab.» Auch Trittschäden, die durch die Hufe entständen, würden neue Kahlstellen und so Platz für neue Pflanzen oder Insekten schaffen. Steuern kann man die Geissen laut Kamber beispielsweise über die Platzierung der Tränke oder allfälliger Salzsteine.

Früher waren die Wälder übrigens regelrecht rausgeputzt, vor allem in ärmlichen Gegenden wie dem Zürcher Oberland. Die Menschen nutzten die herumliegenden Äste zum Heizen, das Laub wurde als Einstreu für den Stall oder für die eigenen Matratzen verwendet. Die Nutztiere trieb man zum Weiden in den Wald, das war die Regel. «Vielerorts beruhte der wirtschaftliche Wert der Wälder sogar mehr auf der Weide als auf der Holznutzung», schreibt die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft auf ihrer Website.
Die Schäden im Wald waren durch die grossräumige Übernutzung allerdings gross, deshalb auch das Weideverbot. Dass eine Geiss beim neuen Projekt im Tösstal auch einmal eine Orchidee abfressen könnte, nehme man nun in Kauf, sagt Kamber. «Allerdings wollen wir sie wieder draussen haben, bevor die Orchideen treiben.» Wie lange man im Frühling im Wald sein werde, ob drei oder vier Wochen, hänge vom Wetter und damit von der vorhandenen Nahrung ab. «Im Herbst müssen wir dann spätestens Mitte Oktober wieder draussen sein, weil dann die Jagd beginnt.»
