Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Spendenaktion rettet Drehorgelspielerin vor hoher Busse

Eveline Weggler, die auch in Wetzikon und Rüti spielt, wurde für ihre Musik gebüsst. Doch dank einer Spendenaktion ist die Strafe nun bezahlt

Hier auf dem Oerliker Marktplatz spielt Eveline Weggler regelmässig Drehorgel.

Foto: Clara Neugebauer

Spendenaktion rettet Drehorgelspielerin vor hoher Busse

Fast 1600 Franken Busse

Eveline Weggler, die mit ihrer Drehorgel oft in Wetzikon und Rüti spielt, wurde für ihre Musik gebüsst. Doch dank einer Spendenaktion ist die Strafe nun bezahlt.

Isabel Hemmel

Eveline Weggler sitzt am Marktplatz Oerlikon vor ihrem Instrument und lächelt. Das Drehorgelspielen macht sie sichtlich glücklich. Schon nach wenigen Minuten wirft ein Mann einen 20-Franken-Schein in den kleinen Strohhut vor dem Holzkasten. Eine Frau mit rosa Wollmütze steht am Rand des Platzes und hört zu. Die Musikerin und ihre Orgel kenne sie schon länger, sie verbringe auf dem Marktplatz regelmässig ihre Mittagspause. «Diese Musik öffnet einem einfach das Herz», sagt die Passantin.

Hier auf dem Platz, zwischen Schachfiguren, öffentlichen WCs und Buchladen, darf Eveline Weggler nach eigenen Angaben Musik machen – solange gerade kein Markt stattfindet. Trotzdem spielt sie hier regelmässig samstags, wenn Markt ist, oder auch gegenüber vor dem Coop, wo es eigentlich nicht erlaubt ist. Heute ist sie nur hier, weil sie mit Berto Dünki verabredet ist. Dünki will Weggler an diesem sonnigen Dienstagmittag 4000 Franken an Spenden überreichen.

Geldspenden wegen Busse

Das Geld haben Berto Dünki und sieben weitere Menschen für die 75-Jährige gesammelt, nachdem publik geworden war, dass sie rund 1600 Franken zahlen muss, weil sie in Oerlikon an Samstagen am Marktplatz ohne Bewilligung musiziert hatte. Das war im Juni 2023.

Ein Jahr später verurteilte das Stadtrichteramt Zürich sie zu einer Busse von 500 Franken sowie Schreibgebühren von 430 Franken. Da der Strafbefehl vor dem Einzelgericht des Zürcher Bezirksgerichts von der zuständigen Richterin im November 2024 bestätigt wurde, kamen weitere 650 Franken Gebühren dazu.

Man sieht die Drehorgelspielerin Eveline Weggler mit ihrer Drehorgel.
Die 75-jährige Strassenmusikerin wurde im November 2024 zu einer Geldbusse verurteilt.

Mit dem Musikmachen bessert sich Eveline Weggler, die unter anderem 14 Jahre in einem Heim in der Nähe von Wädenswil aufgewachsen ist, seit ihrer Pensionierung ihre bescheidene Rente auf, die nur aus etwa 1000 Franken AHV besteht. Heute lebt die Rentnerin in einfachen Verhältnissen in den Niederlanden und kommt mit ihrer Drehorgel regelmässig in die Schweiz, wo sie nicht nur in Zürich, sondern auch in Wetzikon oder Rüti spielt. Die Busse, sagte Weggler damals, könne sie nicht zahlen, sie werde sie vermutlich mit gemeinnütziger Arbeit begleichen. Das habe sie schon öfter gemacht.

Auch der Basler Berto Dünki las die Geschichte im «Tages-Anzeiger» und fand sofort: Da müsse man etwas unternehmen. Er erklärte sich bereit, Geld zu sammeln. «Ich wusste ja nicht, ob was zusammenkommt», sagt er, «im Zweifelsfall hätte ich die rund 1600 Franken auch allein übernommen.»

3400 Franken gesammelt

Vor zehn Jahren eröffnete Dünki in Basel das Backwaren-Outlet. Ein Anti-Food-Waste-Geschäft, in dem überschüssige Nahrungsmittel zu reduzierten Preisen angeboten werden. Er habe aber auch in Nepal schon geholfen, eine Schule aufzubauen, sagt er. «Ich bin immer dabei, wenn etwas gemacht werden muss.» Gemeinnützige und soziale Projekte seien sein Ding.

Bei Dünki meldeten sich tatsächlich weitere Personen, die Weggler finanziell unterstützen wollten. Etwa 3400 Franken wurden gespendet, auf 4000 Franken rundete Dünki auf.

Man sieht die Drehorgelspielerin Eveline Weggler mit ihrer Drehorgel.
Der Basler Berto Dünki hat die kleine Spendenaktion koordiniert und konnte der Strassenmusikerin nun 4000 Franken überreichen.

Mit etwas Verspätung erreicht auch er jetzt den Marktplatz. Eveline Weggler und Dünki begrüssen sich freundschaftlich. Dann überreicht er der Strassenmusikerin vier violette Scheine. Und sie freut sich sichtlich. Einen handgeschriebenen Spendenvertrag hat er auch dabei, diesen soll sie später noch unterschreiben. Damit alles seine Ordnung habe.

Dem grossen Mann mit der schwarzen Hornbrille und der kleinen Frau mit den kurzen grauen Haaren ist eines gemein: Sie kämpfen für Gerechtigkeit. Weggler empfindet die Bedingungen für Strassenmusikanten in Zürich als weit schlechter als in anderen Schweizer Städten. Es fehle eine «saubere Regelung» wie bei den «Surprise»-Verkäuferinnen und -Verkäufern, sagt sie.

Sie wäre durchaus bereit, für eine Bewilligung zu zahlen, wenn sie dann auch an den guten, frequentierten Orten spielen dürfe und nicht nur da, wo nichts los sei. Deshalb, und das sagt sie ganz offen, werde sie auch weiterhin an nicht bewilligten Orten und Tagen spielen und das Risiko einer Busse in Kauf nehmen.

Auf die Frage, was sie mit dem Spendengeld, das nach Abzug der Busse noch übrig sei, tun werde, antwortet die Strassenmusikerin: «Wissen Sie, ich habe schon so viele Bussen bezahlt, jetzt tue ich mir selbst auch mal etwas Gutes.»

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns