So will eine junge Firma Gymi-Schüler durch die Probezeit bringen
Geschäft mit Nachhilfe
Wer ins Gymnasium kommt, kann dort auch wieder rausfliegen. Probezeit-Coachings sollen das verhindern. Was steckt hinter diesem Trend?
Die Gymiprüfung ist bestanden, das Schlimmste ist durch? Leider nein. Nun gilt es, auch die Probezeit zu bestehen. Das schaffen nicht alle, viele fliegen in dieser Zeit wieder aus der Kanti. Um das zu verhindern, boomen derzeit sogenannte Probezeit-Coachings. Es handelt sich um private Nachhilfestunden, damit Schülerinnen und Schüler im Gymi bleiben.
«Erfolg beruht oft auf guter Organisation und effektiven Strategien, weniger auf angeborener Intelligenz», sagt Lea Plattner. Sie hat vor einem Jahr an bester Lage in Zürich ein Büro eröffnet und rund 20 Coaches angestellt. Das sind Teenager, die selbst das Gymi besuchen und Jugendliche in tieferen Klassen unterstützen. Das sei von Vorteil, weil die Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe seien und den aktuellen Stoff beherrschten.
Auch starke Schüler müssen büffeln
Easygymi heisst ihr Unternehmen und floriert nach eigenen Angaben. «Am Samstag und an den Abenden ist der Raum voller Leute, die hier zum Beispiel Mathe oder Latein büffeln», sagt Plattner. Sie ist Mutter dreier Kinder, die alle im Gymi sind. Sie ist überzeugt: «Auch das schlauste Kind muss büffeln, um durch das Gymi zu kommen.»
Dabei sei das Lernen und Üben für jedes Kind einfacher mit der richtigen Begleitung, Struktur und Unterstützung. Schliesslich findet ein grosser Teil der Arbeit ausserhalb der Schulstunden statt. Ohne Selbstdisziplin werde man Mühe haben, in allen Fächern die erforderliche Leistung zu erbringen.
Das gelte auch für Schülerinnen und Schüler, die locker ins Gymi gekommen seien. Schliesslich gab es in der Primarschule diverse Fächer noch nicht, wie zum Beispiel Chemie, Latein oder Physik. Und Teenager seien ja zusätzlich mit vielen anderen Themen beschäftigt, so Plattner.

Sie zählt ein weiteres Plus der Nachhilfe-Coachings auf: Die jugendlichen Coaches würden bei Easygymi erste Arbeitserfahrungen sammeln, einen Vertrag unterschreiben, ein Salär erhalten und Verantwortung übernehmen. Das ist für die jungen Coaches auch deshalb interessant, weil dieser Nebenjob mit ihrem Stundenplan vereinbar ist.
Nachhilfe als soziales Engagement
Angebote für die Vorbereitung auf die Gymiprüfung gibt es zuhauf, doch Probezeit-Kurse sind neu. Das Problem: Geld bestimmt mit, wer es ins Gymnasium schafft und dort bleibt. Eine Lektion à 50 Minuten kostet 49 Franken, die Coaches erhalten etwa die Hälfte, je nach Alter und Aufgaben. Zwei Lektionen pro Woche von Semesterbeginn bis Ende der Probezeit kosten rund 2000 Franken.
Aber: Wer sich diese Kurse nicht leisten kann, erhält den Unterricht gratis. «Wir nehmen auch Schülerinnen und Schüler auf, die nichts bezahlen können», sagt Plattner. Ihr sei das soziale Engagement wichtig und dass es den Jugendlichen im Gymi gut ergehe. «Wir sind stolz darauf, dass ein Teil der Einnahmen dazu verwendet wird, Schülerinnen und Schüler zu coachen, deren Eltern die Mittel dazu nicht haben», steht auch auf der Website.
Beweise oder Dokumente dafür, dass ein Kind aus einer einkommensschwachen Familie kommt, wird bei Easygymi nicht verlangt. «Wir prüfen die Gründe für das kostenlose Coaching jeweils individuell», sagt Plattner.
Zurzeit besuchen etwa 20 Schülerinnen und Schüler die Probezeit-Kurse, 2 von ihnen bezahlen nichts. Im Monat finden bei Easygymi rund 80 Lektionen statt, wie Plattner sagt. Die heisse Phase dauert noch bis Ende Januar, dann ist die Notenabgabe. Danach zeigt sich, wer die Probezeit bestanden hat – und wer aus dem Gymi fliegt.

Wie die Statistik zeigt, haben letztes Jahr von 2366 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im Kanton Zürich 190 die Probezeit nicht bestanden. Im Kanton Bern sind es 9 Prozent, die die Probezeit nicht bestehen. Doch je nach Kanton sind die Regeln anders. Im Kanton Basel-Stadt etwa gibt es keine Probezeit nach dem ersten Semester im Gymnasium, sondern eine Jahrespromotion. Das ist auch im Kanton Bern so, dort fallen 100 Personen nach der Probezeit raus.
Manche Schülerinnen und Schüler sind ausserdem «provisorisch». Das heisst, die Leistung ist ungenügend, im darauffolgenden Semester muss der Notendurchschnitt wieder genügend sein. Sonst muss man das Semester wiederholen. Die Zahlen zu den provisorischen Schülerinnen und Schülern werden gemäss der Zürcher Bildungsdirektion nicht zentral erfasst.
Eltern suchen Hilfe
Auch der Schweizer Bildungsbericht hat sich mit der Wirkung von Nachhilfekursen befasst und Schülergruppen mit vergleichbaren Leistungen miteinander verglichen. Der Bericht kommt zum Schluss: Jene, die Nachhilfeunterricht in Anspruch nahmen, waren im Gymnasium erfolgreicher als jene, die das nicht taten.
Die Probezeit-Coachings sind also aus einem Bedürfnis heraus entstanden. Doch warum? Die oberste Lehrerin der Schweiz, Dagmar Rösler, nennt verschiedene mögliche Gründe. Zum Beispiel, dass manche Eltern keine Zeit mehr hätten, ihren Nachwuchs zu unterstützen, und diese Aufgabe «auslagern». Oder dass das Übertrittsverfahren auch Jugendlichen gelinge, die nicht eindeutig für die Kanti geeignet seien.
Für alle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sei die Probezeit «sehr hart und die Jugendlichen stehen unter grossem Druck, diese zu bestehen», so Rösler. Externes Coaching könne ein Weg sein, Druck durch externe Hilfe wegzunehmen.
Viel Unterstützung, aber keine Garantie
Carmen ist im vierten Gymi und eine der zwanzig Coaches. Sie sagt: «Es freut mich, wenn ich weitergeben kann, was ich im letzten oder vorletzten Jahr gelernt habe – und es ist für mich selbst eine gute Repetition im Hinblick auf die Matura.» Sie unterrichtet derzeit einen Schüler und eine Schülerin in allen prüfungsrelevanten Fächern.
Was passiert, wenn einer der beiden die Probezeit nicht besteht? «Das wäre hart, denn durch das gemeinsame Üben baut man eine Verbindung auf», sagt sie. Trotzdem: Eine Garantie, dass mit diesen Coachings niemand durch die Probezeit fällt, gibt es nicht.
