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Wie ein Bauernsohn in Saland Weberei-Karriere machte

Rudolf Bollinger startete als Arbeiter und schaffte es bis an die Spitze der Weberei Grünthal. Seine Erinnerungen verraten Spannendes über die Industrialisierung im Tösstal.

Sie bot Bauern einen sicheren Verdienst: Die Weberei Grünthal in Juckern, hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1898.

Foto: Chronikarchiv Bauma

Wie ein Bauernsohn in Saland Weberei-Karriere machte

Erinnerungen eines Fabrikarbeiters

Wo dereinst ein neues Quartier entsteht, ratterten bis Ende der 1980er Jahre die Webstühle. Erinnerungen von einem, der sich vom einfachen Arbeiter zum Webereidirektor mauserte.

Fabian Brändle*

Seit einigen Jahren steht fest: Auf dem Areal der ehemaligen Weberei Grünthal im Salander Weiler Juckern entsteht mit mehreren Neu- und Umbauten ein neues Quartier mit rund 200 bis 300 Wohnungen für zirka 600 Bewohnerinnen und Bewohner.

Architekt Simon Kretz muss bei diesem Grossprojekt auf manche Sensibilitäten achten und das architektonische Gesamtbild der traditionsreichen Textilfabrik mit dem beliebten Hochkamin als Wahrzeichen wahren. Deren Pforten waren im Jahre 1988 definitiv geschlossen worden.

Gleichsam die Pionierjahrzehnte der Weberei erlebten Vater und Sohn Rudolf Bollinger. Vater Bollinger bediente von 1859 bis 1872 den Heizkessel, damals, im Jahre 1859, als die Fabrik noch Guyer & Cie. hiess, ehe Kommandant Felix Jucker den noblen Herrn Guyer auskaufte und als Patron eine eigentliche, Jahrzehnte währende Familiendynastie begründete.

Sohn Rudolf Bollinger (1859–1936), genau gleich alt wie der Betrieb Grünthal, begann als Fabrikarbeiter in der «Staberei». Sie war für das Messen der Stoffe mit dem Meterstab verantwortlich.

Engagierter Bürger, Lokalpolitiker, Aufsteiger

Er studierte an der damals bekannten Webschule im baden-württembergischen Reutlingen und stieg in der Fabrik «von Stufe zu Stufe» bis hinauf zum technischen Leiter und Webereidirektor. Im Jahre 1887 heiratete er Louise Anna Wartmann.

Die Prinzipale Felix und später Jacques Jucker anerkannten Rudolf Bollingers Pflichtbewusstsein. Über 50 Jahre lang wirkte er emsig für die Weberei.

Man sieht eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1905, die Blitterswil, Juckern und die Fabrik Grünthal zeigt.
Gruss aus Bauma: Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1905 zeigt die Fabrik Grünthal (links) mit den Ortsteilen Blitterswil und Juckern.

Zudem war er Gemeinderat, im Vorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks und der Gemeindekasse sowie als zuverlässiger Präsident der Fabrikkrankenkasse tätig. Kurz: ein gesellschaftlicher Aufsteiger und eine Säule der ländlich-bürgerlichen Gesellschaft.

Vater Rudolf Bollinger wäre gerne Bauer geblieben, denn Landwirte galten damals mehr als sogenannte Fabrikler. Aber die Weberei Grünthal bot dem Bauern einen sichereren Verdienst.

Auch Rudolf Bollinger junior «hätte Vater bei der Landwirtschaft geholfen, aber der erklärte mir, dass unser ‹Heimeli› kaum Arbeit genug für ihn allein biete, und Geld habe er keines, Land zuzukaufen».

Anhand der beiden Bollinger erleben wir also konkret den relativ frühen Übergang von der Agrar- hin zur Industriegesellschaft im Zürcher Oberland.

Man sieht Arbetier einer Fabrik während einer Dienstreise.
Diese undatierte Aufnahme zeigt die Belegschaft der Weberei auf einer Betriebsreise. Vielleicht ist Rudolf Bollinger auch darauf vertreten? Ein Foto von ihm ist im Chronikarchiv nicht vorhanden.

Viele Bauernhöfe waren dort sehr klein und zudem überschuldet, sodass die Fabrikherren auf ein Heer von unterbeschäftigten, fleissigen, mit Textilien vertrauten Männern, Frauen und Kindern zurückgreifen konnten. Arbeitskräftemangel herrschte jedenfalls noch nicht in der Region.

Rudolf Bollinger junior blieb keine andere Wahl, als sich im Jahr 1859 nach einer Stelle ausserhalb des «Heimeli» umzusehen.

Industrie-Mutterland England als Vorbild

Woher wissen wir so viel über Rudolf Bollingers doch recht langes Leben und über seine persönlichen  Ansichten, beispielsweise über das Fabrikrecht? Rudolf Bollinger hinterliess eine kurze Lebensskizze aus dem Jahr 1909, die neben einem kurzen Nekrolog im Chronikarchiv Bauma einsehbar ist, überschrieben mit dem Titel «Erinnerungen aus meiner Fabrikzeit». Ein Foto von ihm ist darin nicht enthalten.

Im Anhang schreibt er über die Beobachtungen eines Streiks, der von den lokalen Gewerkschaften lanciert worden war und auf Missstände im Fabrikleben wie den Lärm und den tiefen Lohn sowie die Unfallgefahr aufmerksam machte.

Die «Lebenserinnerungen» umfassen in erster Linie Arbeitserinnerungen und Vermessungen des Fabrikgeländes inklusive «Vestibül» und auch einen Fabrikplan der Weberei Grünthal mitsamt genauer Beschreibung der Fabrik und ihrer Webstühle.

Innenaufnahme der Weberei Grünthal im Jahr 1983.
Fünf Jahre später war Schluss: Die Fabrik, in der auch Rudolf Bollinger tätig war, im Jahr 1983.

Schweizer Maschinen, steht darin, seien weniger störanfällig als englische Importe, die er als «englische Stühle» bezeichnet. Diese waren wahrscheinlich, auch im Unterhalt, günstiger.

England war das Mutterland der Industrialisierung und den Fabrikherren mit seinem «Laissez-faire-Kapitalismus», also einem möglichst freien Markt mit wenigen staatlichen Eingriffen und weniger Bürokratie, oftmals auch Vorbild.

Rudolf Bollinger führte in seinem kurzen Selbstzeugnis exakte Listen, vermerkte genau die Anzahl der Webstühle. Damit wollte er wohl nicht zuletzt Ausmass und Grösse, ja die Monumentalität der Weberei Grünthal und das Verdienst der Jucker-Dynastie dokumentieren.

* Fabian Brändle (*1970) ist Historiker, Volksschriftsteller und freier Journalist aus Wil SG und hat bereits mehrere historische Bücher verfasst.

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