Baden im 39 Grad warmen Brunnen des Ritterhauses Bubikon
Wellness im öffentlichen Raum
Zehn Zürcher Gemeinden kommen im März in einen aussergewöhnlichen Spa-Genuss – eine davon ist Bubikon. Ein Künstlerkollektiv beheizt öffentliche Brunnen zum Baden.
Er würde staunen, wenn er es könnte, der steinerne Johanniterritter am Brunnen des Ritterhauses Bubikon. Zu seinen Füssen werden sich am 14. März Badegäste im achteckigen Becken tummeln, die historische Kulisse geniessen, trinken, plaudern, entspannen. Dann wird das Wasser im Brunnen für einmal wohlige 39 Grad warm sein.
Möglich macht dieses aussergewöhnliche Spa-Erlebnis das Kollektiv Hotel Regina, das mit seinem Projekt «brunnen gehn» erstmals durch den Kanton Zürich tourt. Während 20 Tagen zieht die Gruppe durch zehn Orte und beheizt dort jeweils für einen Abend einen öffentlichen Brunnen, damit die Bevölkerung darin baden kann.
Tradition aus Basel kommt nach Zürich
Damit kommt ein Konzept nach Zürich, das in der Stadt Basel bereits Tradition hat. Im vergangenen November hat dort die neunte Saison begonnen. «In Basel ist es schon seit Jahren üblich, im Sommer in öffentlichen Brunnen zu baden. Wir haben uns gefragt, was es technisch braucht, damit das auch im Winter möglich ist», sagt Quirin Streuli.
Streuli ist eines der fünf Gründungsmitglieder des Kollektivs Hotel Regina. Die Gruppe aus Kunst- und Kulturschaffenden hat 2016 das Konzept «brunnen gehn» entwickelt. Seit 2023 ist ein Verein mit derzeit 15 Heizerinnen und Heizern zuständig für die Aktionen. Alle Mitglieder haben eigens eine Schulung absolviert, die neben technischen auch soziale Aspekte beinhaltet – schliesslich gilt es, auch den richtigen Umgang mit den Badegästen zu erlernen.
Getourt wird mit Velos. Das Kollektiv hat dazu spezielle Anhänger konzipiert, auf denen es den Ofen, die Garderoben und eine Rezeption transportieren kann. «Wir werden jedes Mal einen Tag lang vor Ort sein und einen Brunnen heizen. Am Folgetag transportieren wir dann wieder alles per Velo weiter in die nächste Gemeinde», sagt Streuli.
Pedalen im Schichtbetrieb
Um das Wasser auf Temperatur zu bringen, nutzen die Heizerinnen und Heizer einen selbst entwickelten Holzofen, der aus zwei ineinander gestellten Fässern besteht. Im Inneren wird gefeuert, durch den Hohlraum zwischen innerem und äusserem Fass fliesst das Wasser. Eine Pumpe saugt das kalte Wasser aus dem Brunnen an, das geheizte Wasser gelangt danach wieder in das Becken zurück.

Auch die Pumpe wird mit einem Velo angetrieben. Pedalen im Schichtbetrieb ist angesagt: Drei Personen übernehmen die Tagschicht, drei jene am Abend. «Je nach Brunnengrösse müssen wir bereits am Morgen früh mit Heizen beginnen», erklärt Streuli. Ab 18 Uhr können die Gäste dann ins warme Brunnenwasser eintauchen – und das, ohne dafür zu bezahlen. Es gibt einzig eine Kollekte für freiwillige Beiträge.
Unterstützung von offizieller Seite
In Basel finden die Heizaktionen, die laut Streuli eine Art Performance sind, mit dem Einverständnis der Polizei und der Industriellen Werke Basel statt. «Sie stossen auf breite Akzeptanz, weil unsere Heizerinnen und Heizer sehr sorgfältig mit den Infrastrukturen umgehen, alles sauber halten und dafür sorgen, dass die Brunnen keinen Schaden nehmen und es keine Klagen gibt.»

Auch in Zürich ist die Gruppe mit offizieller Unterstützung unterwegs. Sie hat im Rahmen des Förderprogramms #hallowasser, mit dem der Kanton Zürich Projekte rund um das Erleben der Ressource Wasser unterstützt, einen finanziellen Beitrag für die Tour durch die Gemeinden erhalten.
Das Projekt stehe und falle aber mit der Hilfe vor Ort, betont Streuli. «Wir kommen nicht einfach irgendwo hin und drücken den Leuten was aufs Auge, sondern arbeiten mit Privatpersonen, Vereinen oder Kulturkommissionen in den Gemeinden zusammen.» Die Reaktionen auf das Unterfangen seien sehr positiv, sagt der 32-Jährige. «Erst finden sie es vielleicht etwas komisch, aber dann lassen sie sich auf das Abenteuer ein.»
Die Stadt Zürich will keine Brunnen heizen lassen
Wo «brunnen gehn» nach dem Start der Tour in Bubikon sonst noch haltmachen wird, gibt das Kollektiv laufend in den sozialen Medien bekannt. Sicher ist allerdings jetzt schon, dass in der Stadt Zürich keine Brunnen geheizt werden – obwohl es dort über 1200 Brunnen gäbe. Die Wasserversorgung Stadt Zürich winkt jedoch ab. Eine Beheizung sei in Anbetracht der von der Stadt Zürich angestrebten Klimaziele nicht wünschenswert, sagt Sprecher Hans Gonella.
Streuli gibt zu, dass Holz verbrennen «nicht die grünste Methode der Energiegewinnung» ist. Trotzdem bezeichnet er das Netto-null-Ziel der Stadt als schwaches Argument gegen das Brunnenheizen. «Für eine Person zu Hause ein heisses Bad einzulassen, braucht fast so viel Energie», sagt er.

Verständnis hat er jedoch dafür, dass die Stadt Zürich sensibel auf Projekte im öffentlichen Raum reagiert. «Unser Projekt soll aber genau die Diskussion anregen, wer Anspruch auf den öffentlichen Raum hat», sagt Streuli. «‹Brunnen gehn› zielt darauf ab, dass die Anwohnenden diesen Raum nutzen und dadurch das Zusammenleben im Quartier bereichert wird.»
Auch wenn das Kollektiv in Zürich keinen Brunnen heizen darf, wird es auf seiner Tour trotzdem in der Stadt haltmachen. Wie dieser Pitstop konkret aussehen wird, verrät Streuli nicht. Es wäre aber nicht das erste Mal: 2020 hat die Gruppe beim Projekt «Wellness Retrotopia» des Theaters Neumarkt mitgemacht und ein Bassin neben dem Brunnen auf dem Platz vor dem Theater beheizt.
Wo sonst noch Brunnen beheizt werden
In der Schweiz haben sich die Brunnenheizerinnen und -heizer im Verband Pro fontaines chaudes zusammengeschlossen. Darin sind Initiativen gebündelt wie der Verein Bagni Popolari von Baden oder das Projekt «Il Bügl Public», bei dem verschiedene Brunnen in Engadiner Bergdörfern zum Baden geheizt werden. Seit 2023 existiert auch eine Regionalgruppe «brunnen gehn» in Winterthur. Die Gruppen tauschen ihre Erfahrungen aus, arbeiten aber unabhängig voneinander und funktionieren unterschiedlich. Das Bagno Popolare nutzt beispielsweise heisses Quellwasser. Das verbindende Element ist der Fokus auf die Badekultur. (tif)
