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Angst vor Übertourismus

Warum sich das schöne Tösstal nicht stärker vermarkten will

Mit dem Projekt Erlebnisraum Tösstal scheitert erneut ein Tourismusprojekt. Die Standortförderung Zürioberland und Gemeinden setzen auf lokale Projekte.

Einer von unzähligen Wanderwegen im Tösstal. Eine Brücke über die Töss auf dem Weg zum Hagheerenloch bei Bauma.

Foto: Rafael Rohner

Warum sich das schöne Tösstal nicht stärker vermarkten will

Angst vor Übertourismus

Mit dem Projekt Erlebnisraum Tösstal scheitert erneut ein Tourismusprojekt. Die Standortförderung Zürioberland und Gemeinden setzen auf lokale Projekte.

Rafael Rohner

Das Tösstal ist ein verstecktes Juwel: Weite, fast unberührte Hügellandschaften wechseln sich mit wilden Tobeln ab. Dazwischen finden sich kleine, feine Attraktionen, wie beispielsweise die Burgruine Alt-Landenberg oder das historische Gasthaus Gyrenbad.

Schon mehrfach gab es Versuche, das touristische Potenzial der Region besser zu erschliessen. So hätte ein regionaler Naturpark das Hörnli-Berggebiet sanft entwickeln sollen, scheiterte aber 2018 am Widerstand der Bevölkerung. Die einen befürchteten zu viel Naturschutz, andere zu viele Menschen, die ebenjene Natur gefährden.

Nun geht auch das Projekt Erlebnisraum Tösstal zu Ende. Der Vereinsvorstand will an der nächsten Versammlung die Auflösung beantragen, wie Michael Hutzli vom Verein Erlebnisraum (und Gemeinderat in Wila) auf Anfrage sagt. Damit ist das Nachfolgeprojekt für den längst veralteten Wasserlehrpfad Töss 91 definitiv gescheitert. Der Weg soll zurückgebaut werden, obwohl er ein Erfolg war, viele kennen ihn noch von den Schulreisen.

Wirgefühl im Tösstal?

Das übergeordnete Ziel des Erlebnisraums war aber weit mehr als «nur» eine Erneuerung des alten Wasserlehrpfads. Wie damals beim Naturpark sollte mit dem Projekt der sanfte Tourismus im Tösstal angekurbelt und ein neues «Wirgefühl» geschaffen werden.

Gelingen sollte dies etwa mit neuen Themenwegen, einem Maskottchen namens Tossa oder Info-Punkten. Vorgesehen waren ein Plättliweg, ein Wasserspielplatz sowie Burgruinen- oder Industrie-Erlebnisse. Die Verantwortlichen rechneten für alle Teilprojekte mit Gesamtkosten von circa 2,8 Millionen Franken.

Blick Richtung Hörnli im Tösstal.
Blick Richtung Hörnli mit den schier endlos erscheinenden Wäldern und Hügeln rundherum.

Die Pläne kamen jedoch von Anfang an nicht nur gut an. Die Gemeinde Zell erteilte dem Projekt sofort eine Absage: «Zu teuer, zu gross», hiess es klipp und klar. Und vor allem: Man sehe sich nicht als Tourismusdestination. Später stieg auch die für das Projekt zentrale Gemeinde Bauma aus. Die Befürchtung: hohe Kosten sowie «Overtourism» mit negativen Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt.

Überlaufene Badeplätze an der Töss

Die Tösstaler Gemeinden konzentrieren sich stattdessen vermehrt auf eigene, kleinräumige Projekte. Bauma will den Zugang zur Ruine Alt-Landenberg verbessern, Wila hat eigenständig neue Rundwege signalisiert. Beide betonen, dass die Angebote für die Einheimischen gedacht sind und nicht überregional vermarktet werden sollen.

Michael Hutzli kann die Bedenken nachvollziehen. «Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass Tourismus zum Problem werden kann», sagt er, «Stichwort Influencer im Alpstein.» Auch im Tösstal könne es an beliebten Orten an einzelnen Tagen viele Leute haben.

«Meist in der Nähe von Parkplätzen.» Beim Badeplatz Toni-Gumpe oder an anderen beliebten Orten entlang der Töss kann es an heissen Sommertagen schwierig werden, einen Platz zu finden. Solche negativen Erfahrungen, auch mit hinterlassenem Abfall, würden die Angst vor einem Kontrollverlust verstärken, sagt Hutzli.

Die Burgruine Alt-Landenberg.
Die Burgruine Alt-Landenberg ist ein beliebtes Ausflugsziel und bietet mehrere Grillstellen.

Dem Projektteam sei es zu wenig gelungen, aufzuzeigen, dass mit dem Erlebnisraum genau solche Probleme angegangen werden sollten, etwa mit zusätzlichen Toiletten, Besucherlenkung oder einem Rangerdienst. Das (komplex aufgebaute) Gesamtpaket mit seiner Grösse und den Kosten habe weiter abgeschreckt, obwohl von Anfang an eine Etappierung vorgesehen gewesen sei.

Nach wie vor sieht er Chancen, dass einzelne Projekte weiterverfolgt und umgesetzt werden könnten. «Es gab auch viele Befürworter.»

Projekt Hörnli-Bergland neu lanciert

Dass Tourismusprojekte im Tösstal auf Ablehnung stossen können, ist auch der Standortförderung Zürioberland nicht fremd. «Die Angst vor ‹Overtourism› nehmen wir ernst», sagt Mirjam Wüthrich, Leiterin des Geschäftsfelds Tourismus.

Sie nehme aber viele Betriebe und Akteure als sehr offen wahr. Es gelte, genau hinzuschauen, was die Auslöser und die konkreten Anlässe solcher Befürchtungen seien. Oft seien es punktuelle Probleme, etwa an besonders schönen Tagen an Wochenenden. Diese könne man angehen. Insgesamt gebe es im Tösstal aber keinen «Overtourism».

«Wir wissen von attraktiven Gastronomiebetrieben im Tösstal, die den Betrieb aufgeben, da die Auslastungen zu stark schwanken», sagt Wüthrich weiter. Mit gezielten Massnahmen wolle man dazu beitragen, dass solche Betriebe wie etwa das Sticki-Café in Turbenthal erhalten blieben.

Konkret arbeitet die Standortförderung Zürioberland bis 2026 an einem «Projekt Hörnli-Bergland». Gemeinsam mit Thurgau Tourismus und Toggenburg Tourismus soll der Lebensraum um Hörnli, Tösstock und Schnebelhorn vernetzt und entwickelt werden.

Spinnerei-Geschichte mit Anneli-Weg erleben

Zwei konkrete Projekte stehen noch in diesem Halbjahr an: So eröffnet im Mai eine neue E-Bike-Route. Diese sogenannte Herzschlaufe führt von Wil über Fischingen, Sitzberg, Wila, Wildberg, Rikon und Elgg zurück nach Wil.

Zudem eröffnet Ende Juni in Turbenthal ein neuer, interaktiver Themenweg. Dieser widmet sich dem Anneli aus der Erzählung von Olga Meyer und richtet sich vor allem – an Familien aus der Region.

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