In diesem Café in Effretikon bezahlen die Gäste so viel, wie sie wollen
Zwischen Kaffee und Seelsorge
Schon mal selbst entschieden, wie viel der Kaffee wert ist? Im Café Himmelwiit in Effretikon kostet der Wachmacher so viel, wie man ausgeben will.
Die Karte eines Cafés an der Birchstrasse in Effretikon überrascht. Auf einer dunklen Wand steht in Blockschrift: Butter-, Laugen-, Mais- und Mandelgipfeli. Daneben eine Auswahl an Kaffees: Espresso, Cappuccino, Latte macchiato, Schale. Doch wo sind die Preise?
Im Café Himmelwiit kann man gemütlich ein Warmgetränk schlürfen und bezahlen, was man will oder kann. Somit macht das Café genau das, was sich sonst wohl kaum ein Gastrobetrieb getrauen würde. Denn hier bestimmen die Gäste die Preise.
Das Café Himmelwiit befindet sich in den Räumlichkeiten der Katholischen Kirche St. Martin und wird seit rund drei Jahren auch von ihr bewirtschaftet. Bei einem Besuch erklärt der Wirt Stephan Wälti, wie das Konzept funktioniert: «Wir nennen keine Richtpreise für Kaffee und Gipfeli. Die Menschen sollen so viel Geld geben, wie sie auch zu bezahlen vermögen.»
Und trotzdem decken die Einnahmen am Ende des Monats meist die Ausgaben. Letztere beschränken sich mehrheitlich auf Kaffeebohnen und Gebäck.
Die Mitarbeitenden im Service werden auf Stundenbasis entlöhnt. Beim Besuch an einem Donnerstag sind gleich zwei Frauen im Einsatz. Cinzia Mele, die das Café führt, liebt es, sich um die Dekorationen zu kümmern. «Doch am meisten Freude bereiten mir die Gespräche mit den Gästen», merkt Mele an. Und auch ihre Kollegin Regina Ibekwe fiebert jeweils dem Tag entgegen, an dem das Café endlich wieder geöffnet hat.
Kein übliches Café
Ein genauerer Blick auf das Konzept zeigt, weshalb sich das Café nicht nur in der Preispolitik von anderen unterscheidet. Denn dieses hat lediglich donnerstags von 8.30 bis 11.30 Uhr und an rund zehn Sonntagen im Jahr geöffnet. «Das Ziel war es, einen Treffpunkt für die Menschen aus dem Quartier zu schaffen», erklärt Seelsorger und Café-Verantwortlicher Wälti.
Die Öffnungszeiten sind auf die Angebote der Kirche abgestimmt; die Familienangebote wurden dafür eigens auf die Sonntage geschoben, an denen auch das Café geöffnet hat. Ein Gottesdienst wird in der katholischen Kirche jeweils am Donnerstag um 9.15 Uhr durchgeführt. Der Grossteil der Menschen besucht demnach das Café, nachdem sie an einem Programm der Kirche teilgenommen haben.
Den Fokus legt das Café auf das Zusammensein und den Austausch untereinander. Der Wirt, der zugleich Seelsorger der Kirche ist, sagt, er und die anderen Mitarbeitenden suchten jeweils das Gespräch mit den Gästen.
Kein Missionieren
Sofern jemand ein Bedürfnis zum Reden hat, nehmen sich die Angestellten Zeit, um sich mit dem Menschen über seinen Alltag oder seine Anliegen zu unterhalten. «Dafür braucht es viel Feingefühl», sagt Wälti. Als Seelsorger für Senioren kennt er die Themen, die vor allem die älteren Gäste bewegen: Altersheim, Krankheiten, Todesfälle. Manchen helfe es in schwierigen Lebenssituationen – wie beim Verlust einer nahestehenden Person –, wenn sie unter die Leute kämen.
«Wir wollen aber niemandem auf den Wecker gehen», ergänzt der 60-Jährige. Die Gäste sollen im Café auch nicht evangelisiert werden. Vielmehr gehe es um ein niederschwelliges seelsorgerisches Angebot. «Je besser die Beziehung zu den Menschen wird, desto eher sprechen sie über ihre Sorgen.»
Gesprächige Seniorinnen
Beim besagten Besuch sind drei ältere Frauen an einem Tisch in ein Gespräch vertieft. Die Freude ist gross, als sie mit uns in den Dialog kommen. Gerne teilen sie Fragmente ihrer Lebensgeschichte. Eine Seniorin aus Lindau streckt gleich ein Foto entgegen. «Auf diesem Familienfoto sind fünf Generationen zu sehen», erklärt sie stolz.
Eine der Rentnerinnen besucht das Café durchschnittlich alle zwei Wochen. «Ich mag es hier, weil ich einfach frei von der Leber sprechen kann.» Die anderen pflichten ihr bei. «Das Café ist wie eine grosse Familie.»
Ein Tisch für alle
Derweil diskutieren eine Handvoll Rentner an einem grossen Tisch. Einer davon ist der Kirchenpfleger Urs Zünd. Er erinnert sich noch gut daran, als das Bedürfnis aufkam, nach dem Gottesdienst weiter Zeit miteinander zu verbringen, beispielsweise mit Kaffee und Zopf.
Letztlich ist gar ein öffentliches Café entstanden. «Heute geht es nicht einfach um die Kirche am Sonntag», bemerkt Zünd. Das Café soll ein Ort sein, an dem die Menschen – unabhängig von ihrem Glauben – zusammenkommen.
Seit drei Monaten probiert das Café etwas Neues aus, um dem Austausch untereinander Raum zu geben. Auf einem grossen Tisch steht eine Tafel mit der Aufschrift «Hier sitzt man nicht alleine». Es handelt sich um eine Sitzgelegenheit, bei der man anderen signalisiert, dass Gesellschaft willkommen ist.
Es braucht mehr arme Menschen
Mit der Entwicklung des Cafébetriebs zeigt sich der Wirt zufrieden. Und trotzdem sieht Wälti noch Potenzial. «Wir möchten mehr Menschen anziehen, die in Armut leben.»
So entschied sich der 60-Jährige dazu, eine Kooperation mit dem Verein Surprise einzugehen. Ein sogenanntes Café Surprise ermögliche es Menschen, die von Armut betroffen seien, kostenlos einen Kaffee zu konsumieren und somit am öffentlichen Leben teilzunehmen, heisst es auf der Website von Surprise. Das Café Himmelwiit nimmt erst als drittes Café im Oberland an diesem Programm teil. Die zwei weiteren Gastrobetriebe findet man in Uster: das Kafi Domino und das Lokal al gusto.
Jetzt steht auf der Theke im Café in Effretikon eine Tafel. Darauf vermerkt sind die Anzahl gespendeter Kaffees ebenso wie die der bezogenen. Durch die Strichliste ist für arme Menschen gleich sichtbar, dass sie guten Gewissens eine Tasse Kaffee geniessen können. «Menschen mit sehr kleinem Budget konnten bei uns zwar schon vorher gratis Kaffees konsumieren, nun wurde dies aber sichtbarer», sagt Wälti.
Für Menschen wie sie
Zufälligerweise schaut beim Besuch auch Seynab Ali Isse im Café Himmelwiit vorbei. Wer im Effi Märt bereits einkaufen war, dürfte ihr auch schon ein paarmal über den Weg gelaufen sein. Denn donnerstags und samstags harrt sie dort bei jeder Witterung aus und verkauft Surprise-Zeitschriften – früher noch öfter.
Manchmal haut sie für die Kolumne in der Zeitschrift Surprise gleich selbst in die Tasten. Ali Isse kam als ausgebildete Journalistin von Somalia in die Schweiz. Sie spricht fünf Sprachen, Deutsch fällt ihr jedoch noch etwas schwer.
Vor über einem halben Jahr zügelte sie mit zwei ihrer sechs Kinder von Effretikon nach Winterthur. «Ich verkaufe die Zeitschriften aber lieber in Effretikon, weil mich die Menschen hier bereits kennen.» Im Café Himmelwiit schaut sie jeweils gerne vorbei, um ein paar Zeitschriften abzuliefern. Bei einem Kaffee gönnt sie sich auch mal eine Pause.
Viel Eigeninitiative, um Kaffees zu verschenken
Damit aber mehr Menschen wie Seynab Ali Isse das Angebot in Effretikon nutzen, bedarf es der Eigeninitiative. Das weiss Wälti. «Die Gäste haben jeweils nur einen Gratiskaffee getrunken, wenn wir sie konkret auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hatten.»
Im Quartier hat die Katholische Kirche bereits Werbung für das Café und dessen Angebot gemacht. Auch der Sozialdienst der Stadt Effretikon weiss um das Café Himmelwiit. So hofft Wälti, dass bald schon vermehrt von Armut betroffene Menschen vorbeischauen.