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Bauer und Aktivist aus Hinteregg sagt: «Ich bin kein Missionar»

Mit den Klimaseniorinnen kämpft Georg Klingler für Massnahmen gegen den Klimawandel. Auf seinem Hof in Hinteregg lebt er sie.

Das Klima fiebert, die Gletscher weinen: Georg Klingler hat mit den Klimaseniorinnen ein Urteil erwirkt, das aufrüttelt.

Foto: Christian Merz

Bauer und Aktivist aus Hinteregg sagt: «Ich bin kein Missionar»

Erfinder der Klimaseniorinnen

Georg Klingler hat als Mann hinter den Klimaseniorinnen nach jahrelanger Arbeit erfolgreich gegen den Schweizer Staat geklagt. Die Kraft dafür schöpft er aus der Realisierung seiner eigenen Utopie.

Der Schutz vor dem Klimawandel ist ein Menschenrecht, und der Schweizer Staat tut nicht genug, um seine Bürgerinnen und Bürger vor ihm zu schützen.

Seit dem 9. April 2024 ist das nicht mehr nur eine Behauptung, Meinung oder Erkenntnis, sondern auch ein Urteil. Gesprochen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der einer Klage der Schweizer Klimaseniorinnen stattgegeben hat.

Der Verein Klimaseniorinnen wurde im August 2016 gegründet und besteht heute aus über 2500 Rentnerinnen. Das Projekt der Klage zielte darauf ab, über den juristischen Weg den Klimaschutz zu verbessern. Konkret ging es darum, aufzuzeigen, dass eine mangelhafte Klimapolitik Menschen in ihren Grundrechten auf Leben und Gesundheit verletzt.

Zuerst gelangte der Verein 2016 gemeinsam mit vier Einzelklägerinnen an den Bund. Die Forderung lautete, alles zu unternehmen, um den Schweizer Beitrag im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zu realisieren.

Auf diese «Klimaklage» wollte das Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) nicht eintreten. Die anschliessende Beschwerde gegen diese Verfügung wiesen danach auch das Bundesverwaltungsgericht (2018) und das Bundesgericht (2020) ab.

Diesen Entscheid zogen die Klimaseniorinnen schliesslich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiter. Dessen Grosse Kammer entschied am 9. April 2024, dass die Schweiz die Menschenrechte verletze, weil das Land nicht das Nötige gegen die fortschreitende Klimaerwärmung tue. Die Beschwerde der vier Einzelpersonen wurde indessen abgelehnt.

Das Urteil gilt als historisch, da erstmals ein internationales Gericht zum Schluss kam, dass eine mangelhafte Klimapolitik eines Staats Menschenrechte verletzen könne. (mmu)

Diese Entscheidung wirft in den folgenden Wochen und Monaten national und international hohe Wellen. In den ersten Reaktionen wird sie wahlweise als «wegweisend», «historisch» und «bahnbrechend» bezeichnet. Allerdings lassen die negativ besetzten Adjektive wie «gefährlich», «falsch» oder «verlogen» nicht lange auf sich warten.

Tatsächlich zeigt sich die Schweizer Politik «not amused». Nacheinander kritisieren zuerst der Ständerat, dann der Nationalrat und im August der Bundesrat das Verdikt. Der Tenor: Das Gericht überschreite seine Kompetenzen – und man sehe keinen Anlass, sich deswegen zu bewegen.

Mehr als eine Greenpeace-Geschichte

Ungeachtet der ablehnenden Haltung von Bundesbern und des Umstands, dass bis heute unklar ist, ob und wie die Schweiz den Klimaschutz verstärken wird: Die Klimaseniorinnen können für sich reklamieren, das Thema ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt zu haben.

Es ist ein Erfolg, der auch Georg Klingler gehört – obschon sich dieser Mühe gibt, seine Rolle zu relativieren. Die «SonntagsZeitung» hatte den Greenpeace-Kampagnenleiter aus Hinteregg im Nachgang des Urteils als Erfinder der Klimaseniorinnen porträtiert.

Georg Klingler sitzt nachdenklich auf einer Bank.
Sieht sich nicht als Mastermind: Greenpeace-Kampagnenleiter Georg Klingler.

Fakt ist, dass der 45-Jährige, inspiriert von einem Fall aus Holland, das Projekt 2015 initiiert und die Klimaseniorinnen seit der Vereinsgründung 2016 als Sekretär begleitet. Er sagt: «Ja, es braucht jemanden, der die Idee hat. Ja, es braucht jemanden, der koordiniert und Leute richtig einsetzt. Aber das macht mich nicht zum Mastermind, das alles bestimmt.»

Stattdessen betont er, wie schnell sich nach seinem ersten Aufruf eine Eigendynamik entwickelt hat und sich die Frauen in grosser Zahl selbst formiert haben. Wie wichtig die inzwischen verstorbene Umweltanwältin Ursula Brunner und ihre Nachfolgerin Cordelia Bähr waren. Und sowieso: Es hätten so viele Leute aktiv mitgewirkt, dass er dem Narrativ, dass das alles eine «Greenpeace-Geschichte» sei, wenig abgewinnen könne.

Ein langer, zäher Marathon

Bei aller Freude über das Urteil will er aber auch seine Irritation über die Reaktionen in der Öffentlichkeit nicht verhehlen. Er sagt: «Ich war überrascht, wie schnell die Medien das Urteil negativ kommentiert haben.» Aufgrund der Vorberichterstattungen und der Vorgespräche sei dies so nicht absehbar gewesen.

Diese unmittelbare Bugwelle habe eine emotionale Gegenreaktion im Land befeuert, die den Diskurs geprägt habe. Plötzlich seien nicht die inhaltlichen Implikationen des Urteils, sondern die Kompetenz des Gerichtshofs und die Mitgliedschaft der Schweiz im Europarat zur Debatte gestanden.

Klingler glaubt, dass die Medien in eine «Polarisierungsfalle» getappt sind. Über den Grund dafür mag er nicht spekulieren, doch er will festgehalten haben: «Es ging uns nicht darum, gegen die Schweiz zu gewinnen. Unser Ziel war es, den Klimaschutz über ein Gerichtsverfahren voranzubringen.»

Georg Klingler füttert seine Legehenne Pia auf einer Bank.
«Ich versuche echte Veränderungen herbeizuführen»: Georg Klingler füttert die ausrangierte Legehenne Pia.

Dass es für dieses Ziel nicht nur einen grossen «Knall» braucht, sondern einen langen, zähen Marathon zu bewältigen gilt, ist dem Greenpeace-Mann selbstverständlich klar. Dafür ist der studierte Umweltwissenschaftler lange genug im Metier. Seit 2011 arbeitet er für die NGO als Energieexperte. Er kennt die politischen Realitäten – regional, national und global.

Die Frage sei deshalb erlaubt: Wie behält er angesichts der aktuellen globalen Entwicklungen – beispielsweise der angekündigten Intensivierung der Erdölförderung in den USA oder der immer neuen Rekordzahlen im Flugverkehr – seinen Glauben aufrecht, faktisch etwas bewegen zu können?

«Aus der tiefsten Überzeugung, dass es richtig und möglich ist, unsere Lebensgrundlagen zu schützen», sagt Georg Klingler. Es gehe darum, das grosse Ziel über kleine, reale Etappenerfolge zu erreichen. Und: «Ich versuche dort, wo ich lebe, echte Veränderungen herbeizuführen – und seien sie noch so klein.»

Selbstwirksamkeit als Energiequelle

Diese Haltung, das zeigt sich beim Besuch auf dem Hof Narr in Hinteregg, hat der gebürtige Baselbieter verinnerlicht. Hier lebt er mit seiner Frau, der Philosophin Sarah Heiligtag, und den beiden gemeinsamen Kindern – zusammen mit 120 Tieren.

Neben mehreren geretteten Hunden und Katzen handelt es sich hierbei unter anderem um Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner oder Schweine. Ehemalige und eigentlich zum Tod verurteilte Nutztiere, die hier nicht dienen, sondern einfach sein dürfen.

Auf diesem sogenannten Lebenshof betreibt das Paar seit 2013 bio-vegane Landwirtschaft – und realisiert dabei Schritt für Schritt seine Utopie einer besseren, nachhaltigeren Welt. Einerseits über den Anbau von Obst und Gemüse, die mittels Gemüseabonnementen und Partnerschaften auf die Teller der Menschen gelangen. Andererseits über den Kontakt zwischen Mensch und Tier.

«Die Naturverbundenheit, das Wühlen in der Erde, Tiere zu pflegen: Die unmittelbare Selbstwirksamkeit zu erleben, ist für mich ganz entscheidend – auch für meinen Job bei Greenpeace», bringt es Georg Klingler auf den Punkt.

Georg Klingler lacht und streichelt einen Ziegenbock.
Georg Klingler mit Ziegenbock Charly: «Bei uns sind alle eingeladen, unsere Tiere und unseren Hof zu erleben.»

Erfüllung geben ihm vor allem auch die kleinen Projekte, die man hier nach dem Prinzip «Trial and Error» umsetzt. Eine neue, speziell proteinhaltige Getreidesorte namens Triticale etwa, die er im vergangenen Sommer angebaut hat und mit der die bekannte Bäckereikette John Baker inzwischen ein eigenes Brot backt.

Oder aber den neuen Aufenthaltsraum im Stallbereich, den er jüngst mit Stroh, Sand, Holz und Lehm aus der eigenen Schweinesuhle gefertigt hat. «Kühl im Sommer, isolierend im Winter – und das total lokal nachhaltig», fügt er lächelnd an.

Erkenntnis durch Erlebnis

Je länger er erzählt, desto mehr fällt auf, dass Klingler die Kunst beherrscht, seine Überzeugungen zu vermitteln, ohne aufdringlich zu wirken. Das hat sicherlich damit zu tun, dass er seine Ideale lebt und das Argumentarium sitzt.

Einen weiteren Grund liefert der Veganer gleich selbst: «Ich bin kein Missionar – das würde nichts bringen. Ich versuche die Leute zu verstehen, mich und meine Meinung zu erklären und zu helfen, wenn es jemand wünscht.»

Die nachhaltige Erkenntnis könne nur durch echte, eigene Erfahrungen entstehen. Und die will er auf seinem Hof ermöglichen: «Bei uns sind alle eingeladen, unsere Tiere und unseren Hof zu erleben – auch wenn man unsere Ansichten nicht teilt.»

Ebendas erleben Klingler und seine Frau im Rahmen des Projekts «Transfarmation». In dessen Rahmen helfen sie seit mittlerweile sieben Jahren anderen Bäuerinnen und Bauern, auf eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung umzustellen.

Georg Klingler streichelt eine Sau auf seinem Hof.
«Das ist Grundsatz – und nicht Businessplan»: Georg Klingler und seine Sau Heidi.

Rund 150 Betriebe im In- und Ausland konnten sie dabei schon begleiten, deren Ausgangslage ebenso wie das Transformationsziel von Fall zu Fall unterschiedlich waren. Gemeinsam ist indessen praktisch allen, dass die Betroffenen ihre ganz persönlichen Erweckungsmomente durchlebten, die sie dazu bewogen, um Rat anzufragen.

Sinnbildlich dafür erzählt Klingler von einem Bauern, der eines Abends im Schlafzimmer seinen schreienden Sohn auf dem Arm trägt und zu beruhigen versucht. Als er durch das geöffnete Fenster das laute Muhen der Milchkuh hört, der er am Nachmittag das Kalb weggenommen hat, realisiert er, dass er so nicht mehr weitermachen kann. «Dieses Erlebnis hat den Mann direkt ins Herz getroffen. Das ist Grundsatz – und nicht Businessplan.»

Genau deshalb würden einschneidende Erlebnisse wie dieses viel stärker wirken als die Konfrontation mit Fakten: «Aus der Ideenforschung weiss man, dass sich bei Ersteren – je nach Tiefe und Wiederholungen – neue Synapsen bilden. Bei Letzteren kämpft der Mensch dagegen stets mit Dissonanzen.»

Doch ist das wirklich ein gutes Omen für den Kampf gegen den Klimawandel? Georg Klingler denkt einen Moment nach – und weist schliesslich darauf hin, dass solche Erfahrungen auch positiver Natur sein können.

«So, wie wir auf unserem Hof die Tiere erlebbar machen, kann das auch bei nachhaltigen, energetischen Lösungen funktionieren. Wenn die Menschen sehen, dass etwas funktioniert, und es geniessen können – dann wird es zum Erlebnis.»

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