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«Das Zürcher Oberland ist eine Erfindung der Neuzeit»

Als erste Region im Kanton Zürich erhält das Oberland eine umfassende geschichtliche Darstellung. Es gibt einiges zu entdecken.

Der Historiker Peter Niederhäuser ist einer der Autoren der Anfang 2025 erscheinenden ersten umfassenden Geschichte des Zürcher Oberlandes.

Foto: Christian Brändli

«Das Zürcher Oberland ist eine Erfindung der Neuzeit»

Neues Buch von vier Historikern

Was verbindet den einstigen DDR-Generalsekretär Honecker, die Tigerfinkli, Rivella und das Wort Putsch? Ein neues Buch über das Zürcher Oberland liefert Antworten.

Zur Geschichte des Zürcher Oberlandes gibt es unzählige Artikel und einige Bücher. In diesen werden aber meist nur Themen punktuell behandelt. In den letzten Jahren haben lediglich zwei Publikationen einen vertieften Einblick in die Region gegeben, die eine aus naturwissenschaftlicher, die andere aus archäologischer Sicht.

Somit blieb viel Raum für eine umfassende Darstellung der Geschichte des Zürcher Oberlands. Und diesen haben nun die vier Historiker Peter Niederhäuser, Cornel Doswald, Claudia Fischer-Karrer sowie Wolfgang Wahl mit ihrem Werk «Zwischen Tradition und Innovation Gesichter des Zürcher Oberlandes» gefüllt.

Ein Buch statt mehrere Bände

«Von der ursprünglich geplanten mehrbändigen Auslegeordnung wurde die ehrgeizige Idee auf ein Buch zurückgestutzt», meint Niederhäuser, einer der Initianten des Projekts. Eine so grosse Arbeit wäre nicht finanzierbar. Nur schon die Sponsorensuche für dieses eine Werk sei sehr herausfordernd gewesen.

Doch auch im eingedampften Umfang ist das Resultat beachtlich. Auf nicht ganz 300 Seiten haben die vier Historiker fast alle Aspekte der Geschichte des Oberlandes abgedeckt. Angefangen wird bei der Siedlungsentwicklung und dem Ausbau der Infrastruktur. Es werden die politischen Strukturen und deren Wandel beleuchtet.

In einem weiteren Kapitel wird aufgezeigt, dass die Region stark religiös geprägt ist. Dies hat ihr auch den Ruf einer Sektenhochburg eingetragen. Das Oberland als Wohn-, Arbeits- und Produktionsort und die Entwicklung von der Heimarbeit bis zur Hightechindustrie wird in weiteren Kapiteln behandelt.    

Zwei Kapitel sind Neuland

Neuland betreten hat Wolfgang Wahl mit der Darstellung der Bildungslandschaft und der Kultur sowie deren Protagonisten in der Region. Zu beiden Bereichen hat es bisher keine grösseren Publikationen gegeben. Doch trotz dieser thematischen Breite gibt es laut Niederhäuser auch Lücken: «Was fehlt, ist die ganze Alltagsgeschichte, also beispielsweise die Kinderarbeit oder der Alltag von Frauen und Männern.»

Abgesehen von wenigen Ausnahmen, vor allem bei Politikern und Kulturschaffenden, haben nur wenige noch lebende Personen Eingang ins Buch gefunden. Letztlich sei es am einzelnen Autor gewesen, zu entscheiden, wie weit die unmittelbare Gegenwart berücksichtigt wird.   

Das vierköpfige Autorenteam hat von seinem grossen Expertenwissen profitiert und sich auf jene Themenbereiche fokussiert, mit denen es sich schon seit Jahren befasst. Ergänzungen kommen von elf weiteren Autorinnen und Autoren.

Viele Bilder

Grosses Gewicht hat das Team auf die Bebilderung gelegt, die sehr reich ausgefallen ist. Viele Illustrationen bekommt ein grösseres Publikum das erste Mal zu sehen. «Die Bebilderung ist originell. Das ist die Qualität dieses Buchs», hält denn auch Niederhäuser nicht ohne Stolz fest.  

Ebenso besonders ist der Umstand, dass das Zürcher Oberland mit diesem Buch die erste Region im Kanton Zürich ist, in der nach den Besonderheiten gefragt und «dem besser bekannten Geschehen auf kantonaler Ebene die regionale Sichtweise gegenübergestellt» wird, wie der Winterthurer Niederhäuser mit etwas Neid meint.  

Der Einfluss des Tourismus

Doch welches Gebiet umfasst das Zürcher Oberland überhaupt? Diese Frage sei nicht leicht zu beantworten, meint Niederhäuser. Die Landschaft lasse sich nämlich weder historisch noch geografisch klar festlegen. «Das Zürcher Oberland ist eine Erfindung der Neuzeit», ist denn der Schluss des freischaffenden Historikers, der zudem für Museen und als Reiseleiter arbeitet.

Erst mit dem Aufkommen des Tourismus habe sich für diese Landschaft, die noch im 19. Jahrhundert das Armenhaus des Kantons war, eine Identität herausgebildet. Dieser Oberländer Zusammenschluss umfasse heute die drei Bezirke Hinwil, Pfäffikon und Uster sowie das mittlere Tösstal.  

Plakat von Alfred Marxer zu Wintersport im Zürcher Oberland.
Erst der Tourismus machte die Region zum «Zürcher Oberland». Dieses Plakat von Alfred Marxer wirbt 1920 für den Wintersport im Zürcher Oberland.

Und was macht diese Identität aus? Niederhäuser sieht diese in der Abgrenzung zu Zürich und gleichzeitig in die räumliche Einbettung zwischen Seen und Berge. «Eine Landschaft in dieser Form gibt es sonst nicht im Kanton.» Hinzu komme die religiöse Prägung sowie die eigene Kultur- und Industriegeschichte. Von dieser ist heute noch viel zu sehen. «Es geht in Richtung Freilichtmuseum», schmunzelt Niederhäuser, «das ist so in der Schweiz einzigartig.» Die Industrielandschaft entlang des Aabachs und im Neuthal habe gar europäische Bedeutung.

Was das Oberland zu bieten hat

Und ja, die Auflösung zur Eingangsfrage: Sie alle haben einen Bezug zum Zürcher Oberland. Der 1994 verstorbene DDR-Generalsekretär Erich Honecker ist ein Nachkomme der Familie Honegger aus dem Zürcher Oberland, die um 1700 ins Saarland auswanderte.

Ein Paar Kinderfinken.
Während über 40 Jahren wurden die Tigerfinkli in Fehraltorf produziert.

Die Tigerfinkli kennen die meisten aus Kindergartenzeiten. Der Name, der heute auf den Verpackungen prangt, stammt aus dem Jahr 1938. Damals wurde die Produktion vom solothurnischen Schönenwerd nach Fehraltorf verlegt. Dort verblieb sie über 40 Jahre. In Spitzenzeiten wurden 80’000 Paar pro Jahr produziert.

Rivella, das kohlensäurehaltige Kultgetränk aus Milchserum, erlebte 1951 seine industrielle Taufe in Uster. Noch bis 1999 wurde das Konzentrat in der Fabrik hinter dem Bahnhof hergestellt.   

Und dann ist da noch der Putsch. Am 5. September 1839 liess der Pfarrer von Pfäffikon, Bernhard Hirzel, die Kirchenglocken Sturm läuten, um zum Sturz der seiner Ansicht nach allzu liberalen Zürcher Regierung aufzurufen. Mehrere tausend Bewaffnete zogen aus dem Zürcher Oberland nach Zürich. Dort erreichte der «Züriputsch» nach einem Feuerwechsel sein Ziel. Seither ist das Deutsche um das Wort «Putsch» reicher. Neudeutsch könnte es heissen: Putsch made in Zürcher Oberland.   

Alles gute Gründe, sich wieder einmal näher mit dem Zürcher Oberland zu befassen und in dessen Geschichte einzutauchen.

Vernissage in Wetzikon

Das neue Buch über die Geschichte des Zürcher Oberlandes knüpft an das vom ehemaligen Ustermer Stadtpräsidenten Hans Thalmann initiierte Projekt «Kulturerbe Zürcher Oberland» an, geht aber darüber hinaus. Vorgestellt wird «Zwischen Tradition und Innovation – Gesichter des Zürcher Oberlandes» am 2. Januar in Zürich bei der Antiquarischen Gesellschaft, die es als 189. Neujahrsblatt herausgibt.

Die eigentliche Vernissage findet am 15. Januar um 19 Uhr in der Garage Wetzikon, Bahnhofstrasse 24 in Wetzikon, statt. Durch den Abend führt der Historiker Marco Jorio. Für die musikalische Begleitung ist Rebecca Ineichen besorgt. Der Eintritt ist frei. An diesem Abend kann das Buch zu einem Vorzugspreis bezogen werden.

Doswald Cornel, Fischer-Karrer Claudia, Niederhäuser Peter, Wahl Wolfgang: «Zwischen Tradition und Innovation – Gesichter des Zürcher Oberlandes», in: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 92, Zürich 2025. ISBN 978-3-0340-1789-3. Im Buchhandel: 48 Franken.

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