Das werfen die Hinwiler nach den Festtagen weg
Reportage vom Recyclinghof
«O du fröhliche …» – schon ist sie wieder vorbei, die Weihnachtszeit. Was bleibt, sind die Abfallberge. Der Besuch auf dem Recyclinghof in Hinwil zeigt, was die Oberländer am «Tag danach» alles wegwerfen.
An diesem eiskalten Freitagmorgen nach dem Stephanstag sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Keller Recycling AG in Hinwil gerüstet für den Ansturm. «Meistens ist sehr viel los nach dem Weihnachtsfest», weiss Patricia nach zwei Jahren Mitarbeit aus Erfahrung.
Punkt neun Uhr öffnet sie das Tor. Einige Hinwiler warten bereits mit überfüllten Einkaufswagen darauf, ihren Abfall loswerden zu können. Ehe man sich versieht, herrscht ein Treiben wie in einem Bienenstock.
Alle Besucher scheint es magisch zu den Kartoncontainern zu ziehen. Vorherrschend sind bunte Spielzeugpackungen, die für leuchtende Kinderaugen unter dem Weihnachtsbaum gesorgt haben müssen.
Aber auch Pizzakartons, gigantische Verpackungen von elektronischen Geräten und die Hüllen von farbenfrohen Adventskalendern landen in den bereitgestellten Containern. Die Mitarbeitenden müssen sie praktisch im Minutentakt leeren.
Für die Hinwilerin Maya Grimm hat das Aufräumen nach Weihnachten Tradition. «In unserer Familie beschenken wir uns sehr gezielt», erklärt sie den Umstand, dass zwar die Packungen, niemals aber die Inhalte der Geschenke im Müll landen würden.





Am Stephanstag zieht es aber nicht nur Einwohner aus Hinwil in den Recyclinghof. Die Wetziker Rosmarie und Hanspeter Kaufmann haben hier eine Jahreskarte, damit sie alles zentral an einer Stelle entsorgen können. «Wir kommen mit dem gefüllten Auto, leeren es hier und füllen es bei der anschliessenden Einkaufstour wieder auf», erklärt Rosmarie Kaufmann lachend.
«Wir haben das Weihnachtsfest mit der ganzen Familie bei uns zu Hause gefeiert, und alle haben ihren Abfall bei uns gelassen», ergänzt ihr Mann und erklärt damit die grossen Karton- und Papiermengen auf seinem Wägeli.
Grosse und kleine Schachteln
Nina Odermatt hievt derweil eine riesige Schachtel in den Container. «Da war das neue Velo für unsere Tochter drin», erklärt sie. Mit zwei Kindern gebe es immer wahnsinnig viel Abfall.
Aber nicht nur Erwachsene müssen nach Weihnachten ihren Abfall loswerden. Lukas kommt mit seinem Opa Hanspeter Beutler, um die Packung von seinem Spielzeugkran zu entsorgen. Auch Phil, Luis und Ludwig Limbach bringen die Kartonpackungen ihrer Geschenke. «Meine Frau hat uns zum Entsorgen geschickt», sagt Papi Phil mit einem Augenzwinkern. «Die Grosseltern kommen zu Besuch, und da muss alles wieder aufgeräumt sein.»


Der Gang zu den Glasmulden und Aludosen scheint für die meisten Kunden an diesem Tag auch ein Muss zu sein. Nach nur einer Stunde hat sich zudem die Mulde mit den elektronischen Haushaltsgeräten bis obenhin gefüllt.
Ventilatoren, Mixer, Kaffeemaschinen und Staubsauger scheinen also auch zu den Dingen zu gehören, von denen man sich nach den Festtagen gerne trennt. Weil man vielleicht eine neue Version davon geschenkt bekommen hat? Leider konnte vor Ort niemand «auf frischer Tat ertappt werden», der das hätte beantworten können.




Ein paar Mulden weiter schmeisst Noel Butty gerade eine schwarz verkohlte Pfanne weg. «Mein Mann versuchte sich an Weihnachten beim Dessertzubereiten», erzählt sein Mami Sabrina schmunzelnd, «leider hat das nicht so gut funktioniert.» So muss die Lieblingspfanne heute entsorgt werden. Beim zweiten Anlauf habe es mit dem Dessert dann aber geklappt, ergänzt sie.

Nicht alle wissen sofort, wo sie ihre Altlasten entsorgen können. An der Kasse fragen Jotje und Silvio Lehmann nach, wo sie ihren Rollkoffer deponieren können. Das schon ältere Exemplar sieht etwas ramponiert aus und scheint viel erlebt zu haben. Seine Besitzer bestätigen dies. «Wir hatten zig Aufkleber auf dem Koffer von den Zielen, die wir schon damit bereist hatten», erzählt Jotje Lehmann.
Ob es ihnen nicht schwerfällt, ein solches «Erinnerungsstück» zu entsorgen? «Das ist nur die Hardware», erklärt Silvio Lehmann. Die Erinnerungen selbst würden sie ja weiterhin in sich tragen. «Nun sind wir bereit für neue Reisen und Erinnerungen.»

Neben den «Packungsentsorgern» gibt es aber noch eine weitere Gruppe, die sich an diesem Morgen zum Recycling aufgemacht hat. Die vielen Einkaufswagen, die mit Sperrmüll geladen wurden, sprechen eine deutliche Sprache: An den Festtagen scheinen viele Menschen motiviert zu sein, ihre Wohnung umzustellen, Möbelstücke zu ersetzen oder gar umzubauen.



Das Team von Keller Recycling hat an diesem Tag alle Hände voll zu tun. Es scheint ihnen aber Spass zu machen, wenn etwas läuft. «Die Abwechslung und der Kundenkontakt machen unseren Job aus», sagt Nathan, der seit drei Jahren hier arbeitet.
Auch in der hektischen Zeit vor Weihnachten sind die Kunden vorwiegend dankbar für die Arbeit der Recyclisten. «Einige haben uns sogar Guetsli und Schokolade mitgebracht», freut sich Anja, die seit eineinhalb Jahren zur Recyclistin ausgebildet wird.


Ungeliebte Weihnachtsgeschenke, die zum Entsorgen gebracht wurden, können an diesem Morgen nicht ausgemacht werden. Dass Dinge noch originalverpackt oder in Folie eingeschweisst entsorgt werden, kommt gemäss Geschäftsinhaber Joel Keller das ganze Jahr über vor.
«Es ist verrückt, wie viele unüberlegte Fehlkäufe in unserer Wegwerfgesellschaft gemacht werden.» Von Häuserräumungen weiss er, dass die regionalen Brockenhäuser längst nicht mehr alles annehmen. «Die überflüssigen Sachen im Internet zu verkaufen, ist für viele zu aufwendig, und deshalb ist die Entsorgung die naheliegende Option.»
