Er hat die Kyburg 25 Jahre geprägt, nun tritt er ab
Abtretender Museumsleiter
Ueli Stauffacher war ein Vierteljahrhundert Museumsleiter auf Schloss Kyburg. Nun blickt er zurück auf Sensationsfunde und Herausforderungen und erklärt, warum die Corona-Pandemie für das Schloss fast ein Glücksfall war.
«Für ein Foto eignet sich die Ahnengalerie, dann bin ich nicht der einzige Kopf», sagt Ueli Stauffacher lachend. Er steht warm eingepackt im Hof der Kyburg, sein Arbeitsort in den letzten 25 Jahren. Doch Ende Jahr ist Schluss, und der Museumsleiter übergibt an seinen Nachfolger.
Tatsächlich passt Stauffacher mit seiner Mütze gut in die Reihen der Landvögte an der Wand. «Die Kyburg ist das einzige Landvogtschloss mit einer solchen Galerie mit Porträts. Überall sonst hängen lediglich die Wappen der einstigen Herrscher an den Wänden.»
Die Kyburg wurde im Jahr 1027 erstmals in einem Dokument erwähnt. 1624 wechselte sie in den Besitz der Stadt Zürich, und 1917 kaufte der Kanton die Kyburg. Es wurde eine Ausstellung gestaltet, die bis 1999 Bestand hatte. In dem Jahr übernahm der Verein Museum Schloss Kyburg den Museumsbetrieb – und Ueli Stauffacher trat seine Stelle an.
Langer Atem ist nötig
Zwar war die Ausstellung auf den damals modernsten Stand gebracht. Bereits 2009 wurde allerdings wieder begonnen, die nächste Ausbauetappe zu planen. Dieses Mal unter Stauffachers Führung.
«Das Tolle ist, dass von den Geldgebern – Kanton und Gemeinden – immer grosses Wohlwollen da war», sagt der Winterthurer. Doch er habe unterschätzt, wie lange alles geht. «Eine neue Ausstellung zu planen, braucht einen langen Atem.» So wurden erst 2017 und dann 2019 die Neuerungen unter seiner Ägide der Öffentlichkeit übergeben.
Und obwohl im Rest der Welt die Digitalisierung schnell voranschritt, blieb die Zeit auf der Kyburg weiterhin fast stehen. «Wir hatten uns bewusst dagegen entschieden, zu viele digitale Angebote im Ausstellungsbereich einzurichten.»
Zwar gibt es ein paar Bildschirme, und auch Audioguides stehen zur Verfügung. «Aber man schaut schon genug auf irgendwelche Displays», sagt Stauffacher seufzend. «Wir sind ein historisches Museum, der Fokus sollte auf den alten Mauern liegen.»


Mittlerweile sitzt Ueli Stauffacher in der Cafeteria des Schlosses. Seine Erzählungen laufen heiss, der Kaffee vor ihm hingegen ist schon kalt. Das kleine Gastro-Angebot der Kyburg ist ein Zeuge dafür, dass die Zeit eben doch nicht ganz spurlos an den alten Gemäuern vorbeigeht.
Denn ausserhalb der Kyburg habe sich in den letzten 25 Jahren viel verändert, räumt Stauffacher ein. «Es gibt mittlerweile ein viel breiteres kulturelles Angebot, die Konkurrenz ist extrem gewachsen.» So sei etwa die Kyburgiade, das Klassik-Open-Air-Festival, das jeden Sommer stattfand, früher ein Exot gewesen. «Mittlerweile wird fast alles auch unter freiem Himmel veranstaltet.»
Zwar sei die Kyburg in der Region allen bekannt. «Aber die Leute gezielt für einen Besuch hierhin zu locken, ist eine Herausforderung.» Mehr noch: «Früher hatten wir auch im Winter geöffnet – aber wenn das Glattzentrum im Dezember einen Sonntagsverkauf hatte, spürten wir die fehlenden Besucher.»
Auch die Ansprüche des Publikums seien laut Stauffacher gewachsen. «Wir hatten immer in einer Ecke eine Kaffeemaschine und einen Getränkeautomaten, doch heute wollen die Leute auch geschützt hinsitzen und verweilen können.» So entschied der Verein, eine gemütliche Cafeteria mit Selbstbedienung einzurichten.
Wir hatten den Lockdown schon vorab eingeführt.
Ueli Stauffacher
Seit 2017 ist das Museum jeweils von Anfang November bis Ende März allerdings geschlossen – Aufwand und Ertrag rechneten sich in den Wintermonaten nicht mehr. Ein Umstand, der sich 2020 als Glücksfall herausstellte. «Ich habe wohl einen etwas anderen Blick auf die Corona-Pandemie als viele andere», sagt Stauffacher. «Wir hatten den Lockdown sozusagen schon vorab eingeführt.»
Nur sechs Wochen lang galt für das Museumsteam Kurzarbeit. «Und als wir unsere Türen wieder öffnen konnten, wurden wir überrannt – die Konkurrenz des breiten Kulturangebots war weggebrochen.»
Aufgrund der Abstandsregeln mussten sogar Besucher vor dem Tor abgewiesen werden. Und wegen der Reisebeschränkungen kamen Geschichtsinteressierte aus dem ganzen Land auf die Kyburg. «Wir waren also definitiv keine Corona-Verlierer.»
Sensationsfund mit Beigeschmack
Das letzte Jahr als Museumsleiter begann für Ueli Stauffacher im Januar mit einer kleinen Sensation. Nahe der Kyburg wurde ein gut erhaltener Panzerhandschuh aus dem 14. Jahrhundert gefunden – eine extrem seltene Entdeckung, die es sogar in die «New York Times» geschafft hat. Diese Aufregung konnte Stauffacher jedoch nur beschränkt packen.
«Es ist ein erstaunlich gut erhaltener Fund, keine Frage. Aber es ist schade, dass es um Krieg und Gewalt gehen muss, um das Interesse der breiten Masse zu wecken.» Zwar habe Macht immer auf die eine oder andere Art mit Gewalt zu tun, dies werde in der Dauerausstellung der Kyburg auch thematisiert. «Ich habe Mühe mit der Faszination von Folter und Todesstrafen, wie sie im Mittelalter ausgeübt wurden, aber andererseits kann und soll man diese Vergangenheit auch nicht schönreden.»



Trotzdem gibt es Funde, die es seiner Meinung nach eher wert wären, in die Öffentlichkeit getragen zu werden. «Am gleichen Ort wie der Panzerhandschuh fand man eine Feuerstelle, die sich nach genauerer Betrachtung als Darre herausgestellt hat, wo Lebensmittel gedörrt wurden.»
Für das Überleben im Mittelalter sei es elementar gewesen, etwa Korn trocknen und damit haltbar machen zu können. «Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, die für die Bevölkerung von damals viel wichtiger war als ein martialischer Panzerhandschuh.»
Wunderbar «handglismet»
Die Geschichten hinter dem historischen Material zu erzählen, war ihm bei seinen Burgführungen immer ein Anliegen. Dass er dafür ein Flair hat, bestätigt auch Susanne Sorg-Keller, Präsidentin des Vereins Museum Schloss Kyburg.
«Ueli Stauffachers Arbeit hat die Kyburg geprägt und wird es mit der Dauerausstellung noch viele Jahre weiter tun», sagt sie. Er habe viel angeregt, neue Arten der Wissensvermittlung eingeführt und den Fokus wieder auf die Burg selbst, statt nur auf die diversen Ausstellungsstücke gelegt.


Positiv bleiben ihr diverse theatralische Auftritte unter der Leitung von Stauffacher in Erinnerung. Einmal pro Jahr findet der «Grosse Brauch» auf Schloss Kyburg statt, ein Fest für Vereinsmitglieder, Gönner und Behördenmitglieder. «Jedes Jahr hat er ein kleines Theaterstück geschrieben und zusammen mit Vorstandsmitgliedern aufgeführt – das war immer lustig und mit uns Laien wunderbar ‹handglismet›.»
Ueli Stauffacher bleibt auf sein «Erbe» angesprochen zurückhaltend. Aber er räumt ein, dass die Kyburg unter seiner Führung zu einem gastfreundlicheren Ort geworden sei. «Man kann auch für einen Kaffee vorbeikommen, ohne Eintritt in das Museum bezahlen zu müssen.» Mittlerweile würden sogar Leute vorbeikommen, einfach um für ein paar Stunden ein Buch im Burghof zu lesen. «Die Kyburg ist nicht mehr nur ein Ort der Wissensvermittlung.»
Ein Höhepunkt war für ihn die Arbeit mit vielen verschiedenen Personen – besonders beim Gestaltungsprozess neuer Ausstellungen mit Architekten, Grafikern, Szenografen, den Geldgebern, der Denkmalpflege. «Es ging bei der Wahl von Auftragnehmern jeweils nicht nur um die Qualität ihrer bisherigen Arbeiten. Die Fähigkeit, gut zusammenzuarbeiten, war ebenso wichtig, um am Schluss dieses tolle Endprodukt zu erhalten.»
Aber auch die Besucherinnen und Besucher seien schon immer extrem breit gefächert gewesen. «Vom mittelalterbegeisterten Kunsthistoriker bis zu Familien mit Migrationshintergrund, die mit Besuch aus der Heimat bei uns vorbeikamen.»
Feuer auf Sparflamme
Trotz all der positiven Erinnerungen ist für Ueli Stauffacher klar: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung. «Das Feuer in mir ist zwar nicht ganz erloschen, aber ich will die paar Jahre bis zu meiner Pension nicht auf Sparflamme absitzen – dafür bin ich nicht der Typ.»
Noch für ein halbes Jahr ist er in einem kleinen Pensum angestellt. Mit Silvia Schlegel, die zusammen mit ihm die letzten 23 Jahre das Schloss geleitet und neu ausgerichtet hat, schreibt er einen aktuellen Museumsführer zur Kyburg. «Das ist wohl auch für meinen Nachfolger noch praktisch, dass ich ab und zu da bin, um eine Frage zu beantworten.»
Dieser heisst Benjamin Hitz und war bisher an der Universität Basel als Privatdozent und wissenschaftlicher Projektmitarbeiter angestellt. In den letzten Wochen hat die Übergabe bereits «päckchenweise» stattgefunden.

Was die Zukunft für Ueli Stauffacher bereithält, ist noch offen. «Ich fülle gerne Steuererklärungen aus, vielleicht mache ich damit etwas», sagt er und lacht laut. «Ich weiss, ich bin ein komischer Mensch.» Er interessiere sich auch für Computer, fürs Programmieren. «Und ich rede gerne, vielleicht biete ich bald irgendwo Stadtführungen an.» Vor Langeweile hat er keine Angst.
Im Gegenteil. Er erhofft sich durch seine Abkehr von der Kyburg, wieder etwas mehr Platz für Neues in seinem Leben zu schaffen. Auch seine Frau arbeitet in einem Museum, lange drehten sich die Gespräche primär um den Museumsbetrieb. Seine beiden Töchter – 19 und 21 Jahre alt – wählten einen anderen Weg und studieren derzeit Medizin und Chemie. «Damit gab es endlich wieder neue Themen am Esstisch», sagt er und lacht.
Als Historiker begleitet ihn der Blick auf die Vergangenheit seit seiner Ausbildung. Und trotzdem: Hätte er die Möglichkeit, eine Zeitreise anzutreten, würde er verzichten. «Die Lebensbedingungen, seien es medizinische Versorgung oder nur schon genügend Licht und Wärme zu haben, stelle ich mir gelinde gesagt relativ unbequem vor.» Er fühle sich wohl in der Gegenwart. «Ich habe schliesslich 25 Jahre lang sozusagen täglich Zeitreisen gemacht.»
