Mikroplastik landet in der Töss – nun soll sich das ändern
Trinkwasser im Tösstal
Der Kanton will die Tösstalstrasse auf 13 Kilometern neu entwässern. Damit soll eine wichtige Trinkwasserquelle besser geschützt werden.
Die Reibung zwischen Reifen und Strasse ist grundsätzlich eine gute Sache. Sie sorgt dafür, dass ein Fahrzeug auf der Strasse haftet und nicht unkontrolliert rutscht. Dabei lösen sich am Reifen aber winzig kleine Partikel. Die Folge: Nach einiger Zeit ist das Profil abgefahren. Die Partikel haben sich in der Umwelt verteilt. Zum Beispiel in der Töss.
Bricht man den schweizerischen Reifenabrieb auf die Einwohner runter, produziert jeder und jede jährlich rund 1,4 Kilogramm davon. Das geht aus einem Grundlagenbericht der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hervor. Hochgerechnet lassen sich mit dem Schweizer Reifenabrieb jedes Jahr rund zwei 50-Meter-Schwimmbecken füllen.
Dieser Abrieb ist nicht biologisch abbaubar. Er besteht mehrheitlich aus synthetischem Gummi, enthalten sind auch Russ und anorganische Stoffe wie Zink. Zwischen 16 und 39 Prozent des Abriebs gelangen laut Schätzungen der Empa in Gewässer.

So auch im Tösstal. Dort fliesst das Strassenabwasser – es besteht auch aus Abrieb von Bremsen und Fahrbahn sowie Treibstoffrückständen – bei Niederschlag direkt via Regenwasserleitung in die Töss oder deren Zuflüsse. Ausserorts wird das Strassenabwasser in wenigen Bereichen in die Fläche neben der Strasse entwässert.
Je nach Gummimischung sind die Partikel der Reifen mehr oder weniger toxisch. Gefährlich sind wasserlösliche Stoffe, die im Pneuabrieb vorkommen können und an den Partikeln haften. «Vor allem Zusatzstoffe wie Ozonschutzmittel haben sich besonders für Wasserlebewesen als schädlich erwiesen», heisst es im Empa-Bericht. Welche Auswirkungen und Risiken für Mensch und Umwelt entstünden, könne nicht abschliessend beurteilt werden, «da detaillierte Untersuchungen fehlen».
«Grundsätzlich nicht zulässig»
In der Töss versickert das Wasser durch das lockere Gestein vergleichsweise rasch ins Grundwasser. Das ist in den Sommermonaten jeweils gut zu beobachten, wenn der Fluss an der Oberfläche austrocknet.
Dieses Töss-Grundwasser ist die Trinkwasserquelle für das Tösstal. In den vergangenen Jahren zapften weitere Gemeinden nördlich von Winterthur das Wasser an. Sie mischen es eigenem Quellwasser bei, um strengere Grenzwerte bei Pestizidrückständen einzuhalten. Bei Qualitätskontrollen schliesst das Töss-Trinkwasser jeweils sehr gut ab.
Stadtwerk-Sprecherin Mayra Viejo sagt, in einem dicht besiedelten Land seien in Gewässern immer irgendwelche Fremdstoffe zu finden. «Im Grundwasser des Tösstals bisher glücklicherweise nicht in problematischen Konzentrationen.» Das Einzugsgebiet des Töss-Grundwasserstroms sei relativ dünn besiedelt. «Weshalb Spurenstoffe nur vereinzelt festgestellt werden können.»

Spezifisch auf Stoffe aus Strassenabwasser werde das Trinkwasser nicht untersucht, sagt Viejo. «Die Feinpartikel des Abriebs werden beim Versickern im Boden durch die Filterwirkung des Kiesbodens zurückgehalten.» Es sei aber sinnvoll, wenn diese Partikel bereits vorher zurückgehalten würden, weshalb man die Planungen des Kantons sehr begrüsse.
Denn angesichts der Wichtigkeit des Töss-Grundwasserleiters beurteilt der Kanton die aktuelle Situation mit dem Strassenabwasser als ungenügend. Rund 10’000 Fahrzeuge verkehren täglich auf der Tösstalstrasse. In einem Strategiebericht von 2014 bezeichnete der Kanton das direkte Einleiten von unbehandeltem Strassenabwasser in die Töss als «grundsätzlich nicht zulässig».
Um das Grundwasser besser zu schützen, hat der Kanton für die Gemeinden Zell, Turbenthal und Wila eine neue Entwässerung entlang der Tösstalstrasse geplant. Konkret verläuft diese vom Weiler Au bei Saland bis nach Kollbrunn auf einer Distanz von rund 13 Kilometern.
In allen drei Gemeinden sind sogenannte Strassenabwasser-Behandlungsanlagen (Saba) vorgesehen. Eine solche besteht aus mehreren Becken. In deren Kern befindet sich ein Sandfilter, der mit Schilf bepflanzt ist. Rund 95 Prozent der Schadstoffe sollen damit entfernt werden können.
Zuerst werden im sogenannten Vorabsetzbecken der Saba leichtflüssige Stoffe wie Benzin und Öl vom Wasser getrennt. Dies geschieht durch eine Tauchwand, das schwerere Wasser fliesst also untendurch, während Treibstoffe und Abfälle oben hängen bleiben. Danach folgt der Sandfilter, wo der Strassenschlamm mit seinen Schadstoffen wie Mikroplastik zurückgehalten wird. Drainagerohre unter dem Sand sammeln das gefilterte Abwasser und führen es danach in Richtung Töss ab. Der sich im Vorabsetzbecken ansammelnde Strassenschlamm muss regelmässig als Sonderabfall entsorgt werden.

Ein kleines Stück der neuen Strassenentwässerung zwischen Saland und Wila ist bereits erstellt. Dort setzte der Kanton auf eine Einleitung in Sickergruben mit Bodenfilter neben der Kantonsstrasse. Fertig geplant ist zudem eine Saba in Wila, neben der Tössbrücke, die derzeit saniert wird. In Rikon soll unterhalb des Dorfes eine neue Saba entstehen, in Kollbrunn ebenso. Dort liegen allerdings noch keine konkreten Vorprojekte vor.
Wird neue Strasse aufgerissen?
Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich aktuell auf rund 40 Millionen Franken. Diese Zahl sei jedoch noch mit Vorsicht zu geniessen, sagt Sprecher Thomas Maag von der kantonalen Baudirektion. Denn die neue Strassenentwässerung im Tösstal wird häppchenweise, im Rahmen von Strassensanierungen, umgesetzt. «Auf diese Weise können die vorhandenen Ressourcen effizienter eingesetzt werden, als wenn noch intakte Strassen nur wegen der Entwässerung aufgerissen werden müssen», sagt Maag.
Wobei dieser Grundsatz in Turbenthal aufgrund der hohen Dringlichkeit nicht befolgt wird und eine frisch sanierte Strasse möglicherweise wieder aufgerissen werden muss. 2022 sanierte der Kanton im Ortskern die Strasse und baute einen neuen Kreisel. Nun muss unter dieser Strasse eine Entwässerungsleitung verlegt werden. Diese soll von der Tössbrücke bei Wila bis hin zur neuen Saba führen, die neben der Umfahrungsstrasse Rämismühle geplant ist.

Wieso also hat der Kanton dort nicht mit der Sanierung gewartet, wenn man nun die Strasse wieder aufbrechen muss? Maag sagt, der Kreisel sei bezüglich Verkehrssicherheit und Zustand des Fahrbahnbelags der dringendste Abschnitt in Turbenthal gewesen. «Dieser wurde aber in Asphalt statt Beton erstellt, damit später die notwendige neue Entwässerungsleitung einfacher eingebaut werden kann.» Für den Bereich des Kreisels werde ausserdem noch ein grabenloses Bauverfahren geprüft.
Aufwendige Bauarbeiten
Die neue Leitung verläuft zwischen zwei und sechs Meter unterhalb der Tösstalstrasse. «Die teilweise sehr tiefe Lage ist einerseits dem Gelände und andererseits zu querenden Bauwerken – insbesondere Bachdurchlässen – geschuldet», sagt Sprecher Maag von der Baudirektion.
Ein Bau in solcher Tiefe erschwere die Bauarbeiten, weil das Grundwasser in Turbenthal teilweise nur einen Meter unterhalb des Terrains liege. Bei Grabenarbeiten muss das Grundwasser also abgesenkt werden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet.
Die zweite und die dritte Sanierungsetappe der Turbenthaler Tösstalstrasse werden voraussichtlich 2028 bis 2030 umgesetzt. Die geschätzten Kosten für den Turbenthaler Abschnitt der Kanalisation inklusive der Saba belaufen sich auf rund 18 Millionen Franken. Bis wann die komplette Strecke im Tösstal neu entwässert wird, kann der Kanton auf Anfrage nicht sagen. Eben weil noch nicht für alle Abschnitte Projekte vorliegen.
