Rechtsextreme Gruppe findet in Kloten Unterschlupf
Kloten statt Illnau
Die rechtsextreme Junge Tat traf sich in einem städtischen Restaurant in Kloten. In Illnau-Effretikon hatte die Stadt ein Treffen im Rössli untersagt.
Dank einem «Trickli aus der Kiste» konnte in Kloten am vergangenen Wochenende eine Veranstaltung der Gruppierung Die Junge Tat stattfinden, die dem rechtsextremen politischen Lager zugerechnet wird. Die Schweizer Organisation geriet zuletzt immer wieder ins Visier von Polizei, Justiz und sogar dem deutschen Staatsschutz.
Im Restaurant des städtischen Konferenzzentrums am Schluefweg traf sich die Szene am Samstagabend. Als die Pforten für die Öffentlichkeit nach 18 Uhr geschlossen waren, ging es drinnen mit zwei AfD-Gästen aus Deutschland erst los. So konnte die Junge Tat auf dem sozialen Netzwerk X, früher Twitter, am Ende frohlocken: «Ein erfolgreicher Abend. Die Repression ging ins Leere.» Statt zu kapitulieren, habe man den Vortrag dennoch stattfinden lassen.
Stapi sieht sich nicht als Beizenkontrolleur
In Kloten scheint niemand von den städtischen Verantwortlichen etwas vom Rechtsaussen-Besuch gewusst zu haben. Weder der Leiter Sicherheit, dem auch die Stadtpolizei unterstellt ist, noch das Zentrumsmanagement vom Schluefweg und auch nicht Stadtpräsident René Huber (SVP) waren im Bild. Darauf angesprochen, meint Letzterer: «Der Stapi von Kloten kontrolliert sicher nicht, wer sich in den Restaurants herumtreibt.»

Er sehe da noch kein Problem, wenn sich ein paar Leute treffen, um zusammen etwas zu diskutieren. «Es ist ja nichts passiert», winkt Huber ab. Schliesslich sei niemand zu Schaden gekommen. Er wünsche sich keinesfalls einen Überwachungsstaat, betont er, und er schätze die Meinungsfreiheit in unserem Land als hohes Gut.
In Illnau liess man Junge Tat nicht gewähren
Das Pikante daran: In Illnau-Effretikon wurde derselben Gruppe tags zuvor noch im letzten Moment ein Auftrittsverbot erteilt – von der Stadt. Denn eigentlich hätten am Samstag der Bundestagsabgeordnete Roger Beckamp und die Landtagsabgeordnete Lena Korté (beide AfD) auf Einladung der Jungen Tat im Restaurant Rössli in Illnau-Effretikon sprechen sollen.

Wie diese Redaktion berichtete, wurde das Rössli-Team bei der Detailbesprechung am Freitagnachmittag vor Ort «hellhörig». Es habe realisiert, dass die Privatperson, die den Saal unter ihrem eigenen Namen gebucht hatte, aus der rechtsextremen Szene stammen könnte. Das Team informierte die Stadt, der die Liegenschaft gehört.
Dort reagierte man umgehend mittels einer Verfügung. «Aus unserer Sicht ist es nicht vertretbar, dass Personen, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten, Räumlichkeiten der Stadt Illnau-Effretikon mieten können», liess sich Stadtpräsident Marco Nuzzi (FDP) zitieren.

Klotens Stadtpräsident gibt derweil zu bedenken, dass es Grenzen gibt: «Natürlich bin ich gegen Extremismus jeglicher Art.» Aber in Kloten habe im Vorfeld der Veranstaltung nichts vorgelegen, das man hätte prüfen können. Und wenn die Junge Tat den Stadtsaal gemietet hätte? «Dann hätten wir das genau angeschaut.» Kategorisch verneinen mag Huber eine Vermietung an die umstrittene Gruppierung indes nicht.
Man habe keine Klauseln in den Verträgen, die so eine Vermietung an möglicherweise problematische Gruppierungen per se verhindern würden. «Aber wir wollen sicher keinen Hotspot dieser Szene werden», betont der Stapi. Und sonst halte er sich an das «Prinzip des gesunden Menschenverstands».
Kloten will Gesuche prüfen, wenn welche vorliegen
Im vorliegenden Fall kam der Kontakt nach Kloten über eine Telefonanfrage direkt via den Pächter des Restaurants 83 Nullzwei zustande. Denn die Liegenschaft im Schluefwegzentrum wird von der Stadt Kloten derzeit an eine externe GmbH verpachtet. Nur eigene Konferenzräume würden über die städtischen Stellen vermietet. Mit Pächter Remko Leimbach sei man in Kontakt. «Wenn etwas wäre, würden wir das Gespräch suchen», aber in diesem Fall sei wohl nichts gewesen.

Leimbach bestätigt auf Anfrage, einen «ziemlich verzweifelten Anruf» bekommen zu haben aus den Reihen der Jungen Tat.
Pächter ist Präsident von Aufrecht Schweiz
«Sie haben wohl einen Tipp bekommen, dass sie auf uns gekommen sind», vermutet er. Leimbach ist politisch auch selbst aktiv. Er ist Präsident von Aufrecht Schweiz, einer massnahmenkritischen Vereinigung, die sich in der Coronazeit gebildet hatte.
Und der 44-Jährige kandidierte 2023 für den Nationalrat. Auf Nachfrage der Presse schickt er aber sogleich voraus: «Die Aufrecht-Bewegung und die Junge Tat haben überhaupt nichts miteinander zu tun.» Er sei nur als Beizer für eine Reservation angefragt worden, selber habe er keine andere Rolle innegehabt an dem Abend.
Was in seinem Lokal genau diskutiert wurde und ob es Auf- oder Ausfälligkeiten gab, wisse er nicht. Denn er sei gar nicht vor Ort gewesen. «Es gab aber sicher keine Hitlergrüsse und dergleichen, sonst hätte ich es vom Personal gehört.» Somit gibts keine Anhaltspunkte, inwiefern rechtsextreme Parolen oder Gedankengut ausgetauscht wurden in Kloten. Er wisse schon um die Vorwürfe gegen die Junge Tat.
Aber er verweist auf die Meinungsfreiheit, die er selber für andere sicher nicht einschränken werde. «Wer bin ich denn, dies zu entscheiden», sagt Leimbach. Schliesslich habe er jüngst auch schon den russischen Botschafter eingeladen, zu einer öffentlichen Veranstaltung im Schluefwegsaal nebenan.
Auch Leimbach betont währenddessen, er verstehe, dass solche Veranstaltungen bewilligungspflichtig seien. Dann nämlich, wenn es um die Sicherheit geht. Die Grenzen lägen für ihn da, wo es strafrechtlich relevant wird. Etwa, wenn es zum Aufruf zu Gewalt und Hass kommen würde. «Das geht nicht», erklärt der Klotener Gastronom.
Stiftung gegen Rassismus warnt vor der Jungen Tat
Die Junge Tat gilt indes als dominierende Organisation in der rechtsextremen Szene in der Schweiz. In ihrem jüngsten Diskriminierungsbericht warnt die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus vor der Organisation. Als Gründe werden (deren) Geschichte, verwendete Symbolik, demokratiefeindliche Inhalte und Gewaltbereitschaft genannt.

Das Logo der Jungen Tat ist die germanische Tyr-Rune, die Hitlers «Führernachwuchs» oberhalb der Hakenkreuz-Armbinde trug. Ihr Gedankengut umfasst offenen Rassen- und Genderhass bis hin zu Judenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien wie dem angeblichen Bevölkerungsaustausch. Demnach plant eine geheime «Elite» nach und nach einen Austausch der Bevölkerung im Westen – mit dem Ziel, die weisse Bevölkerung zu eliminieren.
Mehrere Junge-Tat-Mitglieder vor Gericht
Mitglieder der Gruppe stehen im Verdacht, in militante Aktionen verwickelt zu sein, und einige müssen sich 2025 wegen Rassendiskriminierung, Nötigung und Sachbeschädigung vor Gericht verantworten. Immer wieder sucht die Junge Tat den Anschluss an die Politik – in der Schweiz vornehmlich an die Junge SVP. Doch auch mit der AfD in Deutschland vernetzt sie sich.
Die beiden referierenden AfD-Politiker fielen in der Vergangenheit wiederholt durch Nähe zur rechtsextremen Szene auf. Kotré war vor ihrem Beitritt zur AfD im Vorstand der islamfeindlichen Partei «Die Freiheit». Jüngst sorgte sie für Schlagzeilen, als sie auf Wahlkampfveranstaltungen den «Lena-Kotré-Kubotan» verteilte. Dabei handelt es sich um einen rund 15 Zentimeter langen Metallstift, der als Waffe eingesetzt werden kann. Sowohl Kotré als auch Beckamp fordern die Massenvertreibung von Immigranten aus Deutschland.
Kommentare fallen unterschiedlich aus
Die Kommentare zum Eingreifen des Stadtpräsidenten in Illnau-Effretikon fielen in den Kommentarspalten sehr unterschiedlich aus. Ein Schreiber kritisierte: «Die Behörden der Stadt machen auf Gesinnungspolizei und pflegen die Cancel-Culture. Solche willkürlichen Verbote beschädigen den Rechtsstaat.»
Ein anderer konterte: «Sehr gut, hat die Stadt genau hingeschaut und korrekt gehandelt.» Eine Leserin ergänzte: «Im Internet sind x Artikel zu lesen, die detaillierte Informationen liefern, warum diese Gruppierung als rechtsextrem bezeichnet werden darf. Man muss die Artikel halt einfach auch lesen wollen.»
