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Wie sieht eine gerechte Schule aus?

Eine Aula voll mit Gymnasiasten: Am Tag der Menschenrechte lernen sie in Wetzikon die Probleme des Bildungssystems kennen.

Am Tag der Menschenrechte an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon zeigt sich: Schweizer Schulen müssen gerechter werden.

Foto: Simon Grässle

Wie sieht eine gerechte Schule aus?

Tag der Menschenrechte

Über 250 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon befassen sich mit dem Recht auf Bildung. Dabei entdecken sie, weshalb die Schweiz noch nicht am Ziel ist.

«Gratulation, Sie haben die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium bestanden. Gratulation, Sie sind immer noch hier», eröffnet Jürg Schoch, Vorstandspräsident des Vereins Chance+, sein Referat am Dienstag an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon.

Bildung – ein Menschenrecht?
Jürg Schoch referiert an der Kantonsschule Zürcher Oberland über das Schweizer Bildungssystem.

Er spricht zu über 250 Schülerinnen und Schülern der 5. Klasse auf Gymnasialstufe. Einst war die Gruppe mal grösser. Denn durchschnittlich fallen in Wetzikon gut 15 Prozent bereits während der Probezeit aus dem Gymi. «Heute geht es um die Jugendlichen, die nicht hier sind, aber das Zeug dazu hätten», erklärt Schoch. Dabei wäre Bildung ein Menschenrecht.

Das Recht auf Bildung

Die Menschenrechte schreiben vor, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat. Dabei müssen alle mindestens die Grundschule kostenlos besuchen können. Fachlicher und beruflicher Unterricht soll zugänglich sein. Höhere Schulen sollen allen offenstehen, welche die nötigen Fähigkeiten nachweisen können. (jgu)

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich am Dienstag, 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, mit der Frage nach einem gerechten Bildungssystem auseinander. «Wir wollten den Schülern spiegeln, dass das Recht auf Bildung für sie vielleicht eine andere Bedeutung hat als für andere», so Roger Vuk, Geschichtslehrer an der KZO. Er organisierte mit Zoltán Kaszás, einem Geschichts- und Lateinlehrer, den Aktionstag.

«Im Geschichtsunterricht befassen wir uns mit der Geschichte der Menschheit. Doch die Bedeutung der Menschenrechte kommt dabei zu kurz», so Vuk. Deshalb befassen sich seit gut einem Jahrzehnt jährlich die Fünftklässler vertiefter mit einem Menschenrecht.

Zwischen Kriegen und fehlenden Toiletten

Täglich in die Schule zu gehen, ist für die Kinder hierzulande selbstverständlich. Weltweit haben jedoch gut 250 Millionen schulpflichtige Kinder keinen Zugang zu Schulen. Das sind gut eine Million Mal mehr Schüler, als sich zu diesem Zeitpunkt in der Aula befinden.

Die Gründe für die vielen betroffenen Kinder sind vielfältig. Einerseits verhindern Kriege und bewaffnete Konflikte den Zugang zu Bildung; gut die Hälfte der Kinder lebt in Krisengebieten. «Zudem ist Armut der Hauptfaktor für die Ungleichheit», sagt Beatrice Schulter, Geschäftsleiterin des Schweizer Netzwerks für Bildung und internationale Zusammenarbeit Reci.

Bildung – ein Menschenrecht?
Als Geschäftsleiterin des Schweizer Netzwerks für Bildung und internationale Zusammenarbeit Reci kennt Beatrice Schulter die Probleme der Schulen weltweit.

Andererseits fehlen in manchen Ländern Toiletten für Mädchen, die während ihrer Periode so nicht ihren hygienischen Bedürfnissen nachkommen können. Deswegen bleiben manche Mädchen jeweils während der Menstruation der Schule fern.

Die reichen Gebildeten

Auch wenn in der Schweiz Toiletten für Mädchen zur Standardausstattung gehören und das Land keine Kriege führt, ist Jürg Schoch mit dem Bildungssystem unzufrieden. Die Politiker würden sich darum bemühen, dass alle dieselben Chancen auf einen adäquaten Bildungsweg hätten. Wenn man die Situation in der Schweiz genauer anschaue, zeige sich jedoch ein enttäuschendes Bild.

Bildung – ein Menschenrecht?
Jürg Schoch spricht über den Zusammenhang von wohlhabenden Gemeinden und Maturaabschlüssen.

«Offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Schulabschlusses und dem Reichtum einer Gemeinde», erklärt Schoch und verweist auf eine Grafik. Im Schnitt erreichen in wohlhabenden Gemeinden verhältnismässig mehr Schüler die Matura als in ärmeren Kommunen.

Dabei zeigen Erhebungen, dass ein signifikanter Teil der Gymnasiasten schlechter schreibt, liest und rechnet als so manche Oberstufenschüler. «Gut 25 Prozent der privilegierten Schüler im Gymnasium bringen ihre Leistungen nicht», sagt Schoch.

Um möglichst faire Bedingungen für die schulische Laufbahn zu schaffen, schlägt Schoch mehrere Punkte zur Verbesserung vor. Zum einen solle die Entscheidung Gymnasium oder Oberstufe später fallen; die 6. Klasse sei dafür noch zu früh.

In den Klassen sollten Kinder verschiedenen Alters und Niveaus gemischt werden. Mittels Förderprogrammen könnten Fachpersonen die Schüler in ihren Stärken fördern und bei Schwächen unterstützen.

Lehrpersonen haben einen Einfluss

Damit der Bildungsweg gelingt, ist das nahe Umfeld des Kinds entscheidend. Sprich: Eltern, Freunde und Lehrpersonen. Die Haltung dieser Personen beeinflusst dabei die Schüler stark in ihrer Entwicklung, wie die Gymnasialschüler der KZO am Dienstag in einem Workshop des Förderprogramms «Lift» bemerken.

«Wenn du einen guten Lehrer hast, gehst du gerne in die Schule», sagt etwa eine Schülerin. Auch der Umgang mit falschen Antworten im Unterricht spielt dabei eine zentrale Rolle. «Zudem hat es einen Einfluss, wie gerne ein Lehrer einen Schüler hat.»

Wetzikon machts vor

Dass die Lehrpersonen einen grossen Einfluss auf das Lernverhalten haben, ist auch der Stadt Wetzikon bewusst. Wie Thomas Ruppanner, Leiter Bildung Wetzikon, im Workshop «Wie sollte eine Schule der Vielfalt aussehen?» erklärt, hat man für lange Zeit nach dem sogenannten 7G-Prinzip unterrichtet: Alle gleichaltrigen Schüler erreichen zur gleichen Zeit bei der gleichen Lehrperson im gleichen Raum mit den gleichen Mitteln das gleiche Ziel gleich gut.

Bildung – ein Menschenrecht?
Thomas Ruppanner, Leiter Bildung Wetzikon, hat das Bildungssystem in Wetzikon massgebend verändert.

Doch in der Realität funktioniere dies nicht, da alle Schüler unterschiedlich viel könnten, nicht gleich schnell und mit verschiedenen Methoden lernten. Deshalb hat die Stadt verschiedene Unterrichtsmethoden zusammengetragen, auf 40 Karten festgehalten und den Lehrpersonen übergeben. Sie sollen nun den Lehrkräften im Alltag helfen, besser auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und die Entwicklung im positiven Sinn zu beeinflussen – ganz im Sinn einer gerechten Schule.

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