Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

«Wenn Sie einmal Quaggamuscheln gefunden haben, ist es schon zu spät»

Die winzige, aber zerstörerische Muschel hat das Zürcher Seebecken erreicht. Ein Forscherpaar bringt Lehren aus den USA mit – und beurteilt die Lage vor Ort.

Alexander Karatayev und Lyuba Burlakova beschäftigen sich normalerweise mit den Quaggamuscheln in Nordamerika. Nun bringen sie ihre Expertise in der Schweiz ein

Foto: Urs Jaudas

«Wenn Sie einmal Quaggamuscheln gefunden haben, ist es schon zu spät»

Interview zur Invasion

Die winzige, aber zerstörerische Quaggamuschel hat das Zürcher Seebecken erreicht. Ein Forscherpaar bringt Lehren aus den USA mit – und beurteilt die Lage vor Ort.

Jigme Garne

Ein stiller Eindringling hat den Zürichsee erreicht. Gewässer-Forschende haben dieses Jahr erste Quaggamuscheln im Zürcher Seebecken, in Thalwil und Richterswil entdeckt. Die Muschel hat sich auch schon im Genfer-, Neuenburger-, Bieler- und Murtensee ausgebreitet. Die invasive Art verdrängt andere Lebensformen und verstopft Wasserleitungen, was zu massiven ökologischen und wirtschaftlichen Schäden führt.

Wie massiv, zeigen die nordamerikanischen Great Lakes: Im Michigansee macht die Art der Quaggamuschel unterdessen 90 Prozent der Lebewesen aus. Gemäss einer Studie verursachen Muscheln in den USA Schäden an der Infrastruktur in Höhe von einer Milliarde Dollar.

Quaggamuschel an einer Wasserleitung im See.
Wo die Quaggamuschel eingeschleppt wurde, werden Wasserleitungen zur Muschelbank.

Lyuba Burlakova und Alexander Karatayev von der State University of New York in Buffalo erforschen seit Jahrzehnten die Quaggamuscheln in amerikanischen Gewässern. Derzeit verbringt das US-Forscherpaar ein sechsmonatiges Sabbatical am Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf. Im Zentrum steht die Frage, welche Lehren die Schweiz aus der Quagga-Invasion in den USA ziehen kann.

Frau Burlakova, Herr Karatayev, was bedeutet die Entdeckung von Quaggamuscheln im Zürichsee?

Lyuba Burlakova: Dies ist nur der Anfang eines Prozesses. Der Zürichsee ist ein tiefer See, ähnlich wie einige der Great Lakes in Nordamerika. Deshalb können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Auswirkungen erwarten. Quaggamuscheln verschlingen Plankton, welcher die Grundlage des aquatischen Lebens darstellt. Die Reduktion von Plankton führt zu einer Kaskade von Veränderungen im Ökosystem, durch welche die Biodiversität abnimmt.

Alexander Karatayev: In den ersten Jahren wachsen Populationen nur langsam, aber langfristig könnte die Quaggamuschel grosse Teile des Zürichsees besiedeln, insbesondere in tieferen und kälteren Bereichen, wo sie sich wohlfühlt. Dies wird die gesamte Ökologie des Sees verändern und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich bringen. Die Schweiz muss die Bedrohung durch Quaggamuscheln absolut ernst nehmen.

Wie lässt sich die Ausbreitung verhindern?

Karatayev: Die Hauptausbreitungsquelle sind Boote, die Muscheln oder Larven von einem See in einen anderen bringen. Massnahmen wie das Reinigen von Booten können die Ausbreitung verlangsamen, vollständig verhindern lässt sie sich aber nicht, weil die Larven auf natürliche Weise mit der Strömung wandern.

Quaggamuscheln.
Bei einer Bodensee-Expedition haben Eawag-Mitarbeitende viele Quaggamuscheln gefunden.

Und wie kann man das Wachstum der Population im Zürichsee eindämmen?

Karatayev: Gar nicht. Wenn Sie einmal an mehreren Stellen Quaggamuscheln gefunden haben, ist es schon zu spät. Die Muscheln werden sich immer weiter und tiefer im See ausbreiten. In den Great Lakes finden wir heute in 100 Metern Tiefe ohne weiteres 100’000 Larven pro Kubikmeter Wasser. Pro Quadratmeter See sind das zehn Millionen Larven – Sie können sich einen eigentlichen Regen aus Larven vorstellen. Davon sterben zwar 99,9 Prozent, aber die schiere Masse führt dazu, dass die Quaggamuschel den Boden rasch kolonialisiert.

Burlakova: Aufgrund der Daten von den Grossen Seen schätzen wir, dass es nach den ersten Funden etwa sieben Jahre dauert, bis sich eine grosse Population entwickelt.

Führen wir also einen Kampf, der eigentlich schon verloren ist?

Karatayev: Man könnte sagen, es ist eher ein Kampf um Kontrolle als ein Kampf um vollständige Beseitigung. Das Ziel ist, die Ausbreitung zu verlangsamen und gleichzeitig die ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen so weit wie möglich zu minimieren. Dennoch sollten die Behörden in der Schweiz realistisch bleiben: Vollständig verhindern lässt sich die Ausbreitung der Quaggamuschel nicht mehr.

Wie waren die Folgen in Nordamerika?

Karatayev: Wir haben gesehen, wie teuer es werden kann, mit den Folgen der Besiedelung umzugehen. Wasseraufbereitungsanlagen müssen umgebaut oder regelmässig gereinigt werden, weil die Muscheln die Ansaugrohre überwuchern.

Burlakova: Die Quaggamuschel filtert sehr viele Schwebstoffe aus dem Wasser und reduziert das Nahrungsangebot für Fische. Das wirkte sich negativ auf die Fischerei aus. Gleichzeitig profitieren die am Grund lebenden Organismen, was das Gleichgewicht der Arten verschiebt.

Sie drücken es ziemlich neutral aus. Handelt es sich denn um keine ökologische Katastrophe?

Karatayev: Aus menschlicher Sicht hat die Invasion enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft und Infrastruktur, die man katastrophal nennen könnte. Aber für den See? Nein. Sein Ökosystem stellt sich komplett um, aber eine Katastrophe ist das nicht.

Eine Frau hält eine Quaggamuschel in der Hand.
Kleines Tier, grosser Schaden: Eine Mitarbeiterin des Eawag untersucht eine Quaggamuschel.

Die vergleichbare Zebramuschel ist seit den 1960er-Jahren in der Schweiz präsent, mit überschaubaren Folgen. Alles halb so schlimm?

Karatayev: Beide Arten sehen ähnlich aus, unterscheiden sich jedoch in ihrer Anpassungsfähigkeit. Die Zebramuschel bevorzugt flache, gut durchmischte Gewässer und harte Oberflächen. Die Quaggamuschel hingegen kann in grösseren Tiefen und auf weichen Sedimenten leben. Dadurch besiedelt sie grössere Teile eines Sees und erreicht in Gewässern eine zehn- bis zwanzigfach grössere Biomasse als die Zebramuschel.

Welche Lehren kann die Schweiz aus den Erfahrungen in Nordamerika ziehen?

Burlakova: Aufgrund unserer Daten können wir modellieren, mit welcher Dynamik die Muschelpopulationen in der Schweiz wachsen dürften. Wir hoffen ausserdem, die Auswirkungen auf das Ökosystem im zeitlichen Verlauf vorhersagen zu können: Wann werden die Folgen am stärksten sein, wann werden sie sich abschwächen, und könnte eine Erholung des Ökosystems eintreten? Dieses Wissen hilft, Ressourcen räumlich und zeitlich gezielt einzuplanen.

Wie meinen Sie das?

Burlakova: Nehmen Sie zum Beispiel die Wasserleitungen: Quaggamuscheln pflanzen sich das ganze Jahr über fort, im Gegensatz zur Zebramuschel, die sich nur im Sommer reproduziert. Die Quagga-Larven können also ganzjährig in den Wasseraufnahmesystemen vorkommen. Dies führt zu einem kontinuierlichen Risiko der Besiedelung und Verstopfung von Wasserleitungen, was regelmässige Reinigung erfordert.

Gibt es also Hoffnung, dass sich die Ökosysteme langfristig erholen?

Karatayev: Ja, es gibt Anzeichen. In den Great Lakes haben wir gesehen, dass die Populationsdichte der Quaggamuscheln nach etwa 30 bis 40 Jahren ein Plateau erreicht und nicht mehr weiter zunimmt. Einige Fischarten haben gelernt, die Muscheln zu fressen, was einen Teil der Auswirkungen abmildert. Dennoch bleibt der Verlust der Artenvielfalt ein grosses Problem, und viele Veränderungen sind irreversibel.

Burlakova: Die Schweiz hat jedoch den Vorteil, dass sie jetzt über die Erfahrungen anderer Länder verfügt. Wenn frühzeitig gehandelt wird, können die negativen Folgen zumindest abgemildert werden. Dies erfordert jedoch einen langen Atem und die Bereitschaft, Geld in Forschung und Management zu investieren.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns