Tösstaler Schwestern verarbeiten das «Krakel-Debakel» im Magazin
Kunst trifft Kritik
Die Künstlerinnen Stefanie und Maureen Kägi aus Langenhard haben ein Magazin zum globalen Shitstorm über ihr Kunstwerk «Circuit Flow» veröffentlicht.
«Sieht scheisse aus», «Weibliche Kunstschaffende, haha», «Das passiert, wenn man Frauen anstellt» – die Kommentare reichten von profan bis hin zu offen sexistisch. Von Winterthur-Töss bis in die USA hatten in den Kommentarspalten lokaler und internationaler Medien plötzlich alle eine Meinung zu etwas, das eigentlich ein vergleichsweise kleines Projekt war: zum Kunstwerk «Circuit Flow» im Bistroraum des FC Tössfeld.
Im Winter 2022 bemalten die aus Langenhard im Tösstal stammenden Künstlerinnen Maureen und Stefanie Kägi das Bistro im Auftrag der Stadt Winterthur. Die Schwestern wählten einen expressiven Stil, malten mit blauen Linien schemenhaft Szenen aus der Fussballwelt.
Noch bevor das Werk überhaupt fertig war, standen Medien bereit und öffneten die Diskussion über das Werk für die Öffentlichkeit.
In der Folge brach ein Shitstorm über die Schwestern herein, der von Kritik am Kunstwerk an sich («Kinder könnten das») über die Legitimation der Stadt, dafür Geld auszugeben («28’000 Franken zum Fenster rauschgeschmissen»), bis hin zu den Künstlerinnen als Personen reichte. Internationale Medien berichteten, eine deutsche Zeitung titelte einprägsam «Krakel-Debakel».

Jetzt – zwei Jahre später – haben die beiden Künstlerinnen die Ereignisse in einem Magazin aufgearbeitet. Es ist ein Versuch auf rund hundert Seiten, das Chaos zu ordnen. Mosaikartig, mit Aussenblicken auf das Vorgefallene.
An der Vernissage zum Magazin, die Ende November in den Kunsträumen Oxyd stattfand, sagt Stefanie Kägi: «Als der Shitstorm über uns hereinbrach, fühlte sich das an wie mitten in einer Lawine.» Ein paar Tage später im direkten Gespräch präzisiert sie: «Wir wurden über Nacht Teil vieler Erzählungen und Spekulationen, auf die wir kaum einen Einfluss hatten.» Und: «Die Dynamik in den sozialen Medien hatte etwas Bedrohliches.»
Kunstkritik und das Hinterfragen seien ein wesentlicher Bestandteil ihres Tuns, ergänzt Maureen Kägi. «Das Schwierige am Shitstorm war, die Dinge richtig zu differenzieren. Man tendiert dann auch schnell dazu, alles zu vermischen, und verliert die Kontrolle. Zum Beispiel, wenn sich sexistische Angriffe mit Kunstkritik vermengen.»
Angegriffen als Frauen, nicht als Kunstschaffende
Es sei ihnen deshalb wichtig gewesen, das Ganze mit zeitlichem Abstand nochmals zu betrachten, sagt Stefanie Kägi. «Wir hatten alle diese Kommentare und Artikel zu unserem Kunstwerk und wussten, wir wollten damit etwas machen. Für uns, um abzuschliessen, aber auch, weil wir darin wiederum einen künstlerischen Wert sahen.»
Was das Produkt genau werden solle, sei erst nach und nach klar geworden. «Am Anfang stand einfach dieses Thema, dieser riesige Korpus an Zuschriften.» Mit dem Magazin nehmen Maureen und Stefanie Kägi die Form der Reaktionen – das geschriebene Wort – auf. Die ungefilterten Kommentare werden in dem Heft thematisch eingeordnet. Es geht um Kunst, die sich der Öffentlichkeit aufdrängt und nicht abgesondert im Museum stattfindet.
Um die Männerdomäne Fussball und wo und wie Frauen dort Zugang erhalten. Um das Verhältnis von Sport und Kunst. Und immer auch darum, dass die Künstlerinnen Frauen sind und als solche, fast mehr noch als Kunstschaffende, verbal angegriffen wurden.

Verschiedene Autorinnen aus dem Kunstbereich geben ihre Einschätzung zu den Ereignissen um «Circuit Flow» ab. Sie schreiben über Kunst am Bau, den Kunststil Kritzelei, der in der Kunstgeschichte eine lange Tradition hat, über die Kommunikation vonseiten der Stadt und darüber, wie es dazu kommen konnte, dass das Kunstwerk mit Vandalismus verwechselt wurde, über die Rolle der Medien und darüber, wie Hass im Netz zu begegnen ist.
Dazwischen hat es im Magazin Raum für grossformatige Bilder des Bistroraums, einen Comic, der in einer satirischen Erzählung die Ereignisse zusammenfügt, und – um das Fussballmotiv nochmals anders aufzugreifen – Platz für Sticker, wie in einem Panini-Heft.
«Wir wollten die Gesamtdynamik besser verstehen»
Ist das Magazin auch ein Versuch, die Hoheit über das Narrativ zurückzuerlangen? «Vielleicht», sagt Maureen Kägi. «Wir haben damals so viele Geschichten über uns und unsere Arbeit gehört, dass selbst unsere Wahrheit irgendwie unwahr wurde. Aber es wäre komplett vermessen, unsere Sichtweise als einzig gültige darzustellen. Deswegen haben wir damit jongliert und daraus einen Comic entwickelt.»
Stefanie Kägi ergänzt: «Wir wollten die Gesamtdynamik besser verstehen, fast ein wenig tagebuchartig alle Aspekte in der Publikation zusammenführen.»
Mit dem Magazin wollen die Künstlerinnen einen vorläufigen Schlusspunkt hinter die «Circuit Flow»-Episode setzen. Nicht, weil es für sie eine nur schlechte Erfahrung war. «Ich persönlich komme mit der Klassifizierung gut/schlecht nicht weiter», sagt Maureen Kägi. «Ganz allgemein würden wir sagen, dass durch ‹Circuit Flow› und die Debatte dazu die Wichtigkeit und die Bedeutung von Kunstvermittlung wieder aufgezeigt wurden. Das finden wir wirklich gut.»
Das Magazin trägt – inhaltlich kurzweilig und schön produziert – dazu bei. Das Kunstwerk wiederum bleibt – das wurde bereits Anfang Jahr im Gespräch mit Stadt und Verein beschlossen – definitiv erhalten.
