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Viel mehr Lärm in der Nacht am Flughafen Zürich

Im letzten Jahr wurden am Flughafen Zürich wieder vermehrt verspätete Nachtflüge gezählt – mehr noch als vor der Pandemie.

Letztes Jahr fanden mehr als 3000 Grossflüge zur Nachtsperrzeit statt. Das gab es seit 2018 nicht mehr.

Foto: Christian Beutler (Keystone)

Viel mehr Lärm in der Nacht am Flughafen Zürich

Flughafenbericht für das Jahr 2023

Im letzten Jahr wurden am Flughafen Zürich wieder vermehrt verspätete Nachtflüge gezählt – mehr noch als vor der Pandemie.

Astrit Abazi

Am Flughafen Zürich ist kaum mehr etwas zu spüren vom Corona-Einbruch. Viele Zahlen liegen zwar noch unter den Höchstwerten von 2018. Eine Zahl liegt aber darüber – es ist eine, bei der alle froh wären, wenn sie tiefer ausgefallen wäre. Die Anzahl verspäteter Nachtflüge hat erneut zugenommen und liegt sogar über dem Vor-Pandemie-Niveau.

Der neue Flughafenbericht, der am Donnerstagmorgen erschien, zeigt in Sachen Lärm eine ernüchternde Bilanz: 2023 wurden zwischen 23 und 23.30 Uhr insgesamt 3181 Flugbewegungen von Grossflugzeugen gezählt.

Das halbstündige Zeitfenster wird vom Flughafen genutzt, um allfällige Verspätungen ohne Sonderbewilligung abzubauen. Das ist eine Erhöhung von 49 Prozent gegenüber dem Vorjahr und übertrifft sogar die Zahlen von 2018 (2781) und 2019 (2359).

Zudem wurden 300 Einzelbewilligungen für Flüge nach 23.30 Uhr erteilt, 47 Prozent mehr als 2022. Fünf dieser Flüge wurden dem Bundesamt für Zivilluftfahrt als mögliche Verstösse gegen die Nachtflugordnung gemeldet.

Insgesamt hat die Anzahl der Flüge zur Nachtsperrzeit (23 bis 6 Uhr) im Vergleich zum Vorjahr um knapp die Hälfte zugenommen und liegt 15 beziehungsweise 35 Prozent über den Werten von 2018 und 2019.

Mehr Belastung in der Nacht

Dies schlägt sich auch auf den sogenannten Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) nieder. Damit wird die Anzahl der von Fluglärm stark tagsüber belästigten oder nachts gestörten Personen ermittelt. Der Regierungsrat legte den Richtwert bei 47’000 Personen fest. Dieser wurde vom Flughafen Zürich seit der Einführung des ZFI vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal im Corona-Jahr 2020 unterschritten.

Obwohl sich der Flugverkehr langsam wieder erholte, lag er letztes Jahr noch knapp unter dem Richtwert, nun wurde er erneut überschritten und liegt bei 53’173 Personen. Dies macht sich besonders nachts bemerkbar: Zwar liegt die Anzahl tagsüber belästigter Personen noch 10 Prozent unter dem Referenzwert.

Die Anzahl der «in der Nacht im Schlaf stark gestörten Personen», wie sie von der Empa bezeichnet werden, liegt um 67 Prozent darüber.

Laut Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) haben mehrere Faktoren zu Verspätungen geführt, allen voran die Pandemie. Die wieder rasant angestiegene Nachfrage habe den Flughafenbetrieb stark gefordert. «Die Bevölkerung reist wie verrückt», sagte sie.

Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer scheint ungebrochen wieder zuzunehmen. 2020 brachen die Passagierzahlen von 31,5 Millionen auf 8,3 Millionen Personen ein. 2023 zählte man wieder 28,9 Millionen Passagiere, also knapp 90 Prozent des Niveaus von 2019.

Der Flughafen Zürich ist weiterhin unter den 20 passagierreichsten Flughäfen in Europa. Mit 231’148 Flugbewegungen ist der Flughafen Zürich auch nur noch knapp 40’000 Bewegungen unter den Vor-Corona-Zahlen. Gemäss Prognosen wird dieses Niveau ab 2027 übertroffen werden. Für 2030 rechnet man mit insgesamt 290’000 Flugbewegungen.

Dazu kamen Engpässe beim Personal, Streiks im Ausland sowie der Ukraine-Krieg – sie machten 2023 zu einem herausfordernden Jahr für die Luftfahrt. Walker Späh betonte aber, dass mehrere Massnahmen geplant seien, um die Pünktlichkeit zu verbessern.

Dazu gehören die Verlängerung der Pisten 28 und 32 und eine Verschärfung der Tagesrand- und Nachtzuschläge. Diese Gebühren würden nach Flugzeit und Lärmklasse des Flugzeugs berechnet, erklärte Walker Späh. Sprich, je später die Flüge und je lauter die Flugzeuge, desto teurer wird es für die Fluggesellschaften.

Damit wolle man Anreize schaffen, dass Flüge so geplant und abgewickelt werden, dass Verspätungen nach 23 Uhr reduziert werden und leisere Flugzeuge in den späten Abendstunden zum Einsatz kommen. Dies werde sich auch auf die Lärmbelastung und damit den ZFI positiv auswirken.

Die Fluglärmschutzverbände reagierten prompt: «Die Anzahl der im Schlaf gestörten Menschen hat sich in nur zwei Jahren vervierfacht, während sich die Belästigung tagsüber im gleichen Zeitraum ‹nur› verdoppelt hat», schreibt der Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich. «Der Fluglärm wird in die sensible Nacht verschoben.»

Obwohl der Kanton die Pflicht hat, die Anzahl nächtlicher Flüge zu reduzieren, sei zurzeit genau das Gegenteil der Fall.

Ähnlich reagierte die Anti-Fluglärmorganisation Fair in Air, Mitinitiantin der Nachtruhe-Initiative. Sie fordert, dass der Kanton von seinem Vetorecht im Verwaltungsrat Gebrauch macht, damit die Betriebszeiten eingehalten werden. «Die Möglichkeit des Verspätungsabbaus darf nicht wie heute von den Verantwortlichen des Flughafens als Betriebszeit missbraucht werden», heisst es in einer Stellungnahme.

Die Behördenorganisation Region Ost, die auch einige Tösstaler Gemeinden vertritt, fordert eine Verschärfung der Lärmgebühren, um die Nachtruhe durchzusetzen. «Es braucht in jedem Fall Sofortmassnahmen, um die unhaltbare Lärmsituation in der Nacht zu entschärfen», schrieb die Organisation.

Dem Flughafen wohlgesinnte Verbände äusserten hingegen wieder Kritik am ZFI. Zwar müsse die Anzahl der Verspätungen und nächtlicher Flüge reduziert werden, schreibt Pro Flughafen. Der ZFI sei aber ein überholtes Messinstrument, da das Bevölkerungswachstum in der Flughafenregion nicht berücksichtigt werde.

Der Flughafen Zürich messe seit 1966 an 14 Messstellen die tatsächliche Lärmbelastung, und diese nehme kontinuierlich ab. Pro Flughafen fordert deshalb erneut, dass der ZFI durch ein anderes Instrument ersetzt wird.

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