Er hat den Wolf gesehen
Raubtier am Zürichsee
Vor dem Hof des ehemaligen Schwingers Andreas Gwerder oberhalb von Wädenswil spazierte ein Wolf den Hügel hinunter. Anwohner sind beunruhigt.
Der Wolf geht um am Zürichsee. Mehrere Landwirte in den Wädenswiler Ortsteilen Hütten und Schönenberg haben ihn am Sonntagabend gesehen. Einer von ihnen ist Andreas Gwerder. Der 37-jährige Landwirt war am Sonntag um 17.45 Uhr beim Melken, als er durch die Stalltür zur Krete bei seinem Hof hinaufschaute.
«Dort sah ich in der Nähe eines Baumes ein mächtiges Tier. Zuerst dachte ich an einen riesigen Hund, denn für einen Fuchs war das Tier zu gross», erzählt der ehemalige Schwinger Gwerder. Doch auch wie ein Hund habe das Tier nicht ausgesehen. «Ein Wolf!», schoss es ihm durch den Kopf.
Pfotenabdruck im Schnee
Das Tier lief über die Schneewechte den Hang in Richtung der Bauernhöfe hinunter. Gwerder, in rund 150 Metern Entfernung, wollte ein Foto machen. «Aber es war zu dunkel.» Das grosse Tier verschwand. «Am nächsten Morgen, als es wieder hell war, ging ich zur Schneewechte.» Dort entdeckte er die Spuren: Pfotenabdrücke, mit einem Durchmesser von rund zehn Zentimetern. «Kein Hund hat so grosse Pfoten und auch kein Fuchs.»

Die Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich löste am Montag aufgrund der Sichtungen von Landwirten im Raum Hütten und Schönenberg ein Warn-SMS aus. Mangels Bildmaterial hätten die Sichtungen jedoch nicht eindeutig verifiziert werden können.
Für Gwerder gibt es allerdings keinen Zweifel, dass es ein Wolf war: «Die Silhouette des grossen Tieres zeichnete sich gegen den Abendhimmel ab. Es stand eine Weile ruhig da, und ich konnte es gut beobachten.» Seither ist ihm mulmig zumute, wenn er daran denkt, dass sein dreieinhalbjähriger Sohn jeweils auf der schmalen Strasse, die den Hof von der Wiese mit der Krete trennt, zum Nachbarhof unterwegs ist – zu Fuss oder mit seinem Velo.
Auch wenn Verhaltensbiologen immer wieder betonen, dass Wölfe für den Menschen in der Regel keine Gefahr seien, stellt er sich Fragen: «Wer weiss, wie ein Wolf reagieren würde, wenn er auf meinen Sohn treffen und dieser sich sehr erschrecken würde.»
«Lärm machen» bei einer Begegnung
Sein Bruder Koni Gwerder wohnt einen halben Kilometer von Andreas Gwerders Hof entfernt. Die fünfjährige Tochter von Koni Gwerder muss für den Weg in den Kindergarten jeweils 500 Meter auf einer Strasse vom Hof durch die Wiesen bis zur Bushaltestelle laufen. «Seit Sonntagabend begleiten wir sie auf diesem Weg, denn aktuell ist es sowohl morgens wie abends dämmrig oder dunkel, wenn sie unterwegs ist.»
Gwerder sagt, er finde den Wolf an sich nicht problematisch, auch dass er einmal ein Schaf reisse, doch er macht sich ebenfalls Sorgen: «Wir haben mit unserer Tochter darüber gesprochen, dass sie bei einer Begegnung mit einem Wolf Lärm machen müsste.»

Eines seiner Schafe verloren hat der Wädenswiler Tierarzt Christian Feusi. Er geht davon aus, dass es ein Wolf war, und findet das gar nicht in Ordnung: «Ich will nicht, dass weitere meiner Schafe Wolfsfutter werden.» Vor rund zehn Tagen, am 20. November, wurde eines seiner Tiere in Feusisberg tot aufgefunden. Aufgrund der Rissspuren und der Situation vor Ort ging die Kantonspolizei Schwyz von einem Wolf aus und löste den Herdenschutzalarm via SMS-Mitteilung aus.

«Das Schaf war Helen, mein schönstes Tier», sagt Feusi, und man merkt, dass ihm die Sache nahegeht. Das 90 Kilogramm schwere Schaf hatte Zwillinge im Bauch, die zu Weihnachten auf die Welt hätten kommen sollen. Seine Tiere waren in Feusisberg auf einer Weide, «nur rund 100 Meter von einem Wohnquartier entfernt».
Ein stärkerer Elektrozaun für die Tiere
Gleich nach dem Ereignis holte er seine Schafe in den Stall bei seinem Wohnhaus in Schönenberg. «Dort bleiben sie nun.» Und auch seine vier Geissen lasse er aktuell nicht mehr raus. Wie es weitergehen soll, weiss er noch nicht. «Ich werde mir einen stärkeren Elektrozaun kaufen, doch dass dies den Wolf wirklich abhält, bezweifle ich.»

Er finde es erschreckend, dass ein Wolf so nah an Wohnquartieren Nutztiere reisse. «Es ist ein Zeichen, dass die Wolfspopulation zu gross ist und die Wölfe die Scheu vor den Menschen verlieren.» Aus Feusis Sicht wird das Thema Wolf verharmlost. Und den Bauern werde die Schuld zugeschoben, dass sie ihre Tiere zu wenig schützten.
Der Wolf sei in der Schweiz mit aktuell 400 Tieren nicht mehr vom Aussterben bedroht. Das flächenmässig zehnmal grössere Schweden habe ebenfalls 400 Wölfe: «Und dort spricht man davon, dass ihre Zahl halbiert werden sollte.»
Am Dienstag beschäftigte der Wolf nicht nur in Schönenberg und Hütten die Gemüter. Auch der Ständerat diskutierte das Thema. Er hat eine Kommissionsmotion gutgeheissen, die eine Prüfung von Gebieten ohne Wölfe und eine einfachere Unterstützung für den Herdenschutz fordert.
Ebenfalls am Dienstag setzte der Europarat den Schutzstatus des Wolfs herab und schuf damit die Voraussetzung für einen schnelleren Abschuss. Die Tiere gelten in der EU künftig nicht mehr als «streng geschützt», sondern nur noch als «geschützt».
