Nach über 200 Einsprachen passen die SBB ihr Grossprojekt bei Effretikon an
Brüttener Tunnel
Der Bahnausbau «Mehrspur» zwischen Zürich und Winterthur macht Fortschritte. Der geplante Brüttener Tunnel soll den Engpass bei Effretikon deutlich entschärfen.
Genau 206 Einsprachen gab es gegen das Grossprojekt «Mehrspur». Mit diesem rund 2,9 Milliarden Franken teuren Ausbau wollen die SBB den Engpass bei Effretikon entschärfen. Das Herzstück ist der Brüttener Tunnel zwischen Winterthur, Dietlikon und Bassersdorf. Die ersten Züge könnten 2035 durchfahren – wenn alles klappt.
Die Einsprachen gingen in der Auflagezeit im Sommer 2023 ein. Sie stammen von Privatpersonen, aber auch Gemeinden, Verbänden, Vereinen und Firmen. Unter den Einsprechern waren auch die Tösslobby – die Interessengemeinschaft der Tössemer Vereine – und die Stadt Winterthur. Nun wurden die Einsprachen bearbeitet, das geänderte Projekt liegt wieder auf.
Die Änderungen sind weitgefächert. Gleich mehrere betreffen den Lärm – nach, aber auch während der Bauzeit, die bei rund neun Jahren liegt. Der Baustart war ursprünglich für 2026 geplant, ob dem noch so ist, ist unklar. Wegen der laufenden Auflage können die SBB keine Aussagen zum Zeitplan oder den zusätzlichen Kosten machen.
Wege an der Töss sollen offen bleiben
Eine der Forderungen der Tösslobby war gewesen, mindestens einen der Fusswege am Wasser während der Bauzeit offen zu lassen. Auch andere Einsprachen hätten «möglichst kurze» Sperrungen angeregt, schreiben die SBB.
Sie lenken ein, wenn auch auf andere Weise: Die bereits geplante, temporäre Strassenhilfsbrücke nahe dem Freibad Töss erhält einen Gehweg mit Lärmschutzwand, die Fussgänger und Fussgängerinnen von der Fahrbahn trennen.

Wenn einer der Tösswege gesperrt werden müsse, könne man über die Brücke auf jenen auf der anderen Flussseite umleiten, heisst es. So müssen die Fusswege während der ganzen Bauzeit – hier werden nun 10 bis 12 Jahre angegeben – zusammengezählt nur sechs Wochen gesperrt werden.
SBB zahlen Schallschutzfenster fürs Eichliacker
Eine weitere Korrektur betrifft die Anwohnenden der Winterthurer Bahnlinien, wo nahe der Storchenbrücke jahrelang die sogenannte «Unterwerfung Storchen» gebaut wird. Fast genau auf der anderen Gleisseite der Überbauung Vogelsang liegen die rund 20 Hausnummern an der Freie- und Eichliackerstrasse, bei denen die SBB im ursprünglichen Projekt einen Fehler machten: Sie nahmen eine tiefere Lärmempfindlichkeitsstufe an, als im Bauzonenplan steht.
Um die korrekte, höhere Stufe einzuhalten, muss der Lärm für die Anwohnenden reduziert werden. Die SBB planen deshalb, die neue Lärmschutzwand Storchen um 176 Meter zu verlängern. Das verringere den Lärm nicht nur im Eichliacker-Quartier, sondern auch an der Unteren Vogelsangstrasse, heisst es im Bericht.
Trotzdem würden die Grenzwerte bei 15 Liegenschaften weiterhin überschritten. Dafür müssen die SBB sogenannte Erleichterungsanträge stellen – dank der längeren Wand sind aber 22 weniger nötig. Werden die Anträge genehmigt, bauen die SBB auf eigene Kosten Schallschutzfenster ein.
Weitere Änderungen betreffen Gestalterisches: So haben die SBB ein «Freiraumgestaltungskonzept» erstellt, das bei den Tössbrücken eine Aufwertung vorsieht. Statt dem heute teils sehr schmalen Weg sei eine «einladende, breitere Wegführung» geplant. Zudem soll man unter den Brücken, die heute sehr niedrig stehen, dank künftig rund drei Metern «lichter Höhe» angenehmer hindurchgehen können.
Umgestaltet wird auch die Kemptmündung in die Töss, die neu rund 100 Meter weiter unten zu liegen kommen soll. Laut dem Bericht entspräche dies ungefähr dem Kemptlauf vor dem Jahr 1880. Weitere Änderungen betreffen etwa temporäre Gleise für die Logistik und mehr Lärmschutz entlang von Bauzugängen.
Leicht anders gestaltet werden auch die Stützmauern an der Giesser- und der Freiestrasse sowie ein Pfeiler der Überwerfung Neumühle. Bei dieser Brücke hatte die Tösslobby gefordert, dass sie nicht zu viel natürliches Licht schluckt.
Flurina Pescatore, Vizepräsidentin der Tösslobby, kann inhaltlich noch keine Stellung nehmen. «Unser erster Eindruck ist aber, dass gewisse Kritikpunkte von uns aufgenommen wurden.» Doch ob und wie sehr das Projekt nun aus Sicht des Verbands besser sei, könne man noch nicht abschätzen – dafür müsse man die über 1000 Seiten umfassenden Unterlagen noch genauer studieren. Dann werde die Tösslobby entscheiden, ob man eine weitere Eingabe machen wolle. «Wir gehen aber grundsätzlich nicht davon aus, dass es noch sehr viel Spielraum gibt», so Pescatore.
Bei der Stadt Winterthur heisst es auf Anfrage, man sei mit den SBB in einem «regelmässigen und konstruktiven Austausch auf Augenhöhe». Da dieser Prozess noch laufe, äussere man sich nicht im Detail dazu.
